18. Juli 2003, 12:42 Uhr

Die letzten Tage der Unglücks-Crew

Arbeiter fügen der Gedenktafel für im Dienst gestorbene Astronauten sieben weitere Namen hinzu©

Der achtundzwanzigste Flug

Ann ist Ingenieurin, seit 16 Jahren betreut sie die 'Columbia'. Sie spricht fast zärtlich von der Maschine, so vertraut ist sie ihr. Wie ein naher Mensch. "Sie ist störrisch. Und sie macht auf dem Boden so viele Probleme, wie es nur geht", sagt sie. "Aber wenn es endlich losgeht, wartet sie keine Sekunde zu lang." Zwei Jahre ist Ann nach Kalifornien gependelt, dort war die 'Columbia' zur Inspektion. Es gab vieles auszubessern. Sie ist das älteste Raumschiff der Nasa. Dies wird ihr 28. Flug.

Jon Clark hat nicht das Gefühl von großem Abschied. Aber eine komische Sache ist passiert. Eine Freundin hat ihm für Laurel ein Gedicht mitgegeben. Es heißt: "Ein Engel fällt zur Erde". Laurel liest es und stutzt. "Was meinst du, was das bedeutet?", fragt sie ihren Mann. Jon zuckt die Schultern. "Ich hoffe, es heißt nicht, was ich denke." Dann nimmt er sie in den Arm und wünscht ihr eine gute Reise. Sie sieht glücklich aus. Er freut sich für sie.

Lani und Willie stehlen sich für ein paar Minuten an den Strand. Sie machen ein letztes Bild davon, wie sie sich küssen. Mit Selbstauslöser. Lani stammt aus Guam, einer kleinen Insel im Westpazifik. Da ist Willie zwei Jahre zur Schule gegangen, er ist Soldatenkind, sein Vater war dort stationiert. Als sie sich das erste Mal sahen, waren beide 15 und zu schüchtern, um etwas zu sagen. Ein Freund vermittelte schließlich. Ein Jahr später, 1977, zog Willie wieder fort, sein Vater war nach Lubbock, Texas, versetzt worden. Zum Abschied schenkte er Lani ein Foto. Es zeigt die beiden beim Abschlussball. Willie trägt ein Hawaiihemd und braune Schlaghosen, Lani ein Kleid, das mit Federn geschmückt ist. Hinten auf das Foto schrieb er: "Wäre ich älter, würde ich fragen, ob du meine Frau wirst." Viele Jahre später hat er sie gesucht. 1986 heirateten sie. Sie haben drei Söhne. Donnerstag, 16. Januar Um sechs Uhr früh wird die Crew von einem Kamerateam der Nasa am Frühstückstisch gefilmt, vor ihnen eine Schale mit Äpfeln. Sie tragen grüne T-Shirts und halten die Daumen hoch. Erst einen, dann zwei. Sie lachen. Später zeigt die Kamera, wie ihnen die schweren orangefarbenen Raumanzüge angezogen werden und die Helme. Groß im Bild Willie, der Pilot, kurz vor seinem ersten Flug ins All. Dann gehen sie los und winken.

Sie nehmen den Aufzug von der dritten Etage ins Erdgeschoss. Ein silberner "Astro-Bus" bringt sie zu ihrem Raumschiff. Es ist 7.35 Uhr. Rick klettert als Erster in das schmale Cockpit, legt sich auf den Rücken. Es ist eng, ein Nasa-Mitarbeiter hilft ihm beim Anschnallen. Der Zweite ist Ilan, er geht ins Unterdeck. Willie klettert neben Rick, dann steigt Michael ein. Sie beginnen mit dem Soundcheck, überprüfen die Instrumente im Cockpit. Alles bestens.

26.000 Kacheln gegen die Hitze

Ann, Daves Ex-Freundin, ist als Ingenieurin für die 26 000 Hitzekacheln zuständig, die das Raumschiff umhüllen. Seit sechs Uhr früh sitzt sie vor einem Monitor und überwacht, dass keine der Kacheln bei der Startvorbereitung beschädigt wird. Vor allem beim Schließen der Tür darf nichts passieren. Die Kacheln sind hoch empfindlich, ihre Außenhaut ist dünn wie eine Eierschale, darunter ist Luft. Sie sind lebenswichtig. Sie schützen den Shuttle vor der brutalen Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.

Vor 30 Jahren, als man sich das System ausgedacht hat, hielt man es nicht für ideal. Als die 'Columbia' 1981, nach ihrem ersten Flug, mit schweren Schäden am Hitzeschild wiederkam, war die Sorge groß. Aber ein besserer Schutz gegen die höllische Reibungshitze fiel niemandem ein. Also gewöhnte man sich daran, die Kacheln zu inspizieren, zu reparieren, zu ersetzen. Das dauert Monate nach jedem Flug. Rund 170 Leute sind damit beschäftigt. Jetzt jedenfalls sieht alles perfekt aus. Ann schaltet ihren Computer ab und geht hinaus, um den Start zu sehen.

"We are ready to go."

Der Launch-Direktor sagt: "Alle guten Dinge kommen zu Menschen, die warten. Viel Glück für dich und deine Crew." Rick bedankt sich. "We are ready to go." Laurels Schwester Lynne ist schon seit fünf Uhr vor der Besuchertribüne. Sie hatte Angst, einen schlechten Platz zu bekommen. Und schlafen konnte sie sowieso nicht mehr. Lynne fand es in der Schule manchmal anstrengend, die Schwester von Laurel zu sein, die immer alles mit Eins machte. Jetzt ist sie nur noch stolz. Ihre große Schwester fliegt ins All. Geplant war Laurels Astronautenkarriere nicht. Aber eigentlich war auch die Navy nicht geplant. Da hat sie angeheuert, weil sie Medizin studieren wollte. Und bei acht Geschwistern gab es dafür kein Geld. Bald verarztete sie Soldaten auf schottischen Unterseebooten. Und nun zu den Sternen.

Zittern beim Countdown

Lynne hatte geglaubt, sie hätte keine Angst. Nicht wirklich. Aber jetzt ist sie so aufgeregt, dass sie kaum schlucken kann. Die Rakete ist sechs Kilometer entfernt. Selbst auf die Entfernung sieht sie riesig aus. Die Triebwerke haben so viel Kraft, dass sie 2000 Tonnen in die Höhe stemmen können. Auch die Geschwister von Michael Anderson sind gekommen. Sie sitzen neben den Eltern, alle drei Töchter und deren Ehemänner. Als Michael 1999 mit der 'Endeavour' ins All flog, waren fast 50 Andersons gekommen, aber das war ja auch das erste Mal.

Lynne starrt auf die Digitaluhr neben der amerikanischen Flagge. Noch zwei Minuten, noch 20 Sekunden, noch 15, noch zwei. Und dann nur noch Krach, ein ohrenbetäubendes Knattern. In dem weißen Ding jagt Laurel in die Luft. 10.39 Uhr, auf die Sekunde wie geplant. Der Boden vibriert, eine riesige Wolke aus Qualm bleibt zurück. Lynnes Herz rast. Und sie ertappt sich, wie sie ständig auf die Uhr sieht. Dann, nach 73 Sekunden, wirft sie jubelnd die Hände in die Luft. Es ist geschafft. Nach 73 Sekunden war die 'Challenger' explodiert. Und nun, nichts als blauer Himmel und diese feste Säule aus Feuer und Dampf. Pure Energie. Ihr laufen Tränen über das Gesicht vor Erleichterung. Ein paar Meter weiter hält Jon Clark seinen Sohn Iain fest. Der heult und heult und kann sich gar nicht beruhigen. Jon wird es langsam zu bunt. "Das ist doch cool", sagt er. "Nun guck doch, da oben fliegt deine Mom." Aber Iain will nichts hören. Sein Gesicht ist so verschwollen, dass man auch zehn Minuten später kein Foto von ihm machen kann. Er sagt kein Wort. Ein paar Meter weiter weint noch ein Kind. Die Tochter von Ilan und Rona Ramon. Was los sei, fragt Rona. "Ich habe meinen Vater verloren", sagt das Mädchen. Die Erwachsenen schauen in den Himmel, das Raumschiff wird immer kleiner.

81,7 Sekunden nach dem Start

Den Isolierschaum, der 81,7 Sekunden nach dem Start vom Außentank abgefallen ist, sehen sie aus der Entfernung nicht. Ingenieure werden ihn erst am nächsten Tag entdecken, bei der Routine-Auswertung des Startvideos. Es waren mehrere Stücke, die sich gelöst hatten. Eins davon traf das Raumschiff. Es prallte gegen die Vorderkante des linken Flügels. Ein Stück, so groß wie ein Koffer. Es wog 1,2 Kilogramm und hatte eine Geschwindigkeit von rund 1000 Kilometern in der Stunde. Da wird Hartschaum zum Geschoss.

Bei der Nasa hatte man sich daran gewöhnt, dass Isolierschaum vom Außentank abfiel. Es geschah bei jedem Flug. Meistens waren es nur kleine Stücke, nicht einmal handgroß. Nie war etwas passiert. Auch im Nasa-Hauptquartier in Washington wusste man davon. Bereits bei einem 'Columbia'-Flug im November 1997 war ein großes Stück der Tankisolierung abgebrochen und gegen das Raumschiff geprallt. Es mussten viele Hitzekacheln ausgewechselt werden. Im Oktober 2002, beim Flug der Raumfähre 'Atlantis', hatte sich wieder ein großes Stück gelöst.

Es wurde nicht als "Anomalie" klassifiziert, sondern als "innerhalb der Familie". Das ist der merkwürdige Begriff, den die Nasa verwendet, wenn das Risiko akzeptabel ist. Der Schaden wurde nach der Rückkehr repariert. Danach versicherte die Behörde sogar schriftlich, dass diese Vorfälle "kein Risiko für die Flugsicherheit" darstellen.

 
 
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