
Der Dumbo-Krake gehört zu den skurrilen Wesen, denen man in der Tiefe begegnet© 2003 MBARI
Auf welche Überraschungen erst werden sich die Forscher wohl gefasst machen müssen, wenn sie demnächst mit HROV in die allertiefsten Gefilde der Meere steigen? Dass selbst in diesen untersten Etagen Fische existieren, konnte schon 1960 der Schweizer Meeresforscher Jacques Piccard mit eigenen Augen sehen. Als er und Marineoffizier Don Walsh am 23. Januar jenes Jahres im Marianengraben an Bord des Bootes "Trieste" nach knapp fünfstündigem Abstieg mit 10 916 Metern den Tiefen-Weltrekord aufstellten, entdeckten sie durch das Panzerglasfenster der Tauchkugel, die unter dem Bauch des Unterwassergefährtes hing, einen unbekannten Fisch. Zugreifen konnten die Pioniere nicht - ein hydraulischer Arm gehörte nicht zur Konstruktion.
Den aber besaß ein anderes Gefährt, das ebenfalls bereits ganz unten war: "Kaiko", gebaut in den Neunzigern von Ingenieuren des "Japan Marine Science and Technology Center". Am 24. März 1995 tauchte der Roboter ins Challengertief des Marianengrabens, schürfte im Sediment und brachte Leben mit an die Oberfläche: zahlreiche Bakterien und andere Einzeller. Im Sommer 2003 jedoch ging das Gerät verloren, bei einem Taifun riss das Verbindungskabel zum Mutterschiff, Kaiko verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Keine Frage also: Dort ganz unten in der submarinen Terra incognita schlummert ein gewaltiges Potenzial. Womöglich müssen eines Tages sogar die Lehrbücher der Biologie umgeschrieben werden - aber das wäre nicht neu. Eine ihre Vorstellungen vollkommen umkrempelnde Entdeckung machten Meeresforscher bereits. Als sie jene Regionen untersuchten, die Geologen bei Bohrungen im Ozeangrund als die Nahtstellen unseres Planeten ausgemacht haben: Entlang unterseeischer Rücken mit großer vulkanischer Aktivität quillt glühende Magma aus dem Erdinneren, erkaltet am Boden und drückt so die Kontinentalplatten auseinander - wenige Zentimeter pro Jahr. Und an anderen Stellen in den Gräben, den "Subduktionszonen", wiederum schieben sich Platten untereinander, tauchen ab ins Innere des Planeten.
Dort, wo Seismologen neue Erkenntnisse für die Erdbebenforschung zu finden hoffen, dringt kaltes Wasser bis zu drei Kilometer tief in Spalten und Risse, vermischt sich mit Mineralien und Schwefelwasserstoff und schießt dann, bis zu 400 Grad erhitzt, in "Schornsteinen" aus dem Grund. "Black Smoker" haben Geologen diese Hydrothermalquellen getauft und inzwischen mehrere hundert davon entdeckt.
Hier leben Bakterien, die den Schwefelwasserstoff verarbeiten können, ein starkes Gift, das sonst im Tierreich gemieden wird. Die marinen Mikroorganismen gewinnen daraus Energie und bauen Substanz auf. Eine Vielzahl von Organismen hat sich deshalb im Dunstkreis der "Black Smoker" angesiedelt: Über zwei Meter lange Röhrenwürmer mit tiefroten Tentakelkränzen, 30 Zentimeter große Muscheln, Eichelwürmer, die wie ein ausgeschütteter Topf Spaghetti auf den Steinen liegen, pusteblumenähnliche Staatsquallen, andere Nesseltiere, Schnecken und Fische.
Einige der Sippschaft ernähren sich von den Schwefelwasserstoff vertilgenden Mikroorganismen, andere verspeisen den ein oder anderen Kolonie-Genossen. Mehr als 300 zuvor unbekannte Arten haben Wissenschaftler um die Hydrothermalquellen bisher gezählt - eine Gemeinschaft, die sich vom Energiespender Sonne vollkommen unabhängig gemacht hat. Ähnliches fanden Forscher neuerdings auch an Stellen, die sie "cold seeps" tauften und an denen relativ kühler Schwefelwasserstoff aus dem Boden blubbert.
Ein Universum voller Wunder - doch in höchster Gefahr. Längst bedroht der Mensch auch diesen fantastischen Lebensraum. So landet jede Menge Dreck in der Tiefe. Nicht nur Flüsse bringen Schwermetalle und chlorierte Kohlenwasserstoffe mit, die sich bereits in den marinen Organismen wiederfinden. Mindestens 30.000 Tonnen chemische Waffen wurden von amerikanischen Militärs im Ozean versenkt, mehr als 200.000 Fässer mit radioaktivem Abfall allein vor Nordspanien verklappt, strahlender Müll aus Industrie, Forschung und Medizin. Das alles rottet am Grund vor sich hin.
Darüber hinaus wütet bereits die Fischerei im einmaligen Habitat. Nachdem sie die oberen Regionen des Meeres leer geputzt hat, bringen Trawler nun tonnenschwere Netze aus, die 2000 Meter tief reichen und nicht nur die Bestände dort unten dramatisch dezimieren. "Wenn solch ein Netz vorbeikommt, haut es die Kaltwasserkorallen kaputt und radiert dort Lebensgemeinschaften für Jahrhunderte aus", sagt Meeresbiologe Onno Groß, Vorsitzender von "Deepwave" in Hamburg, ein Verein, der sich den Schutz der Tiefsee zur Aufgabe gemacht hat. Die Riffe, die im Nordatlantik wachsen, sind die Kinderstube von Rotbarsch, Kabeljau und Heilbutt. "Es wird allerhöchste Zeit, dass die Vereinten Nationen dem Treiben der Fischer einen Riegel vorschieben", fordert Groß.
Auch der Abbau von Bodenschätzen wird wertvollen Lebensraum am Meeresgrund zunichte machen. Nachdem in verschiedenen Tiefseeregionen gewaltige Erdölvorkommen entdeckt wurden, entwickeln Ingenieure Techniken, mit denen sie dort die Kohlenwasserstoffe aussaugen können, um den Energiehunger der Industrienationen zu stillen. Im Camden-Hills-Feld im Golf von Mexiko fördert derzeit eine Offshore-Anlage das schwarze Gold in 2197 Metern unter Wasser. Längst sind Pumpstationen weitaus tiefer in der Planung.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2006