
Das amerikanische Tauchboot Johnson Sea Link© 006 Harbor Branch Oceanographic
Zudem schlummern hochwertige Metalle auf dem Ozeangrund, in den vulkanisch aktiven Zonen werden sie aus der Erdkruste freigesetzt. Etwa Gold, Kupfer und Mangan. Nur weil die Rohstoffe auf dem Festland noch weitaus günstiger zu haben sind, liegt das Meeres-Mining derzeit auf Eis. Doch die Claims sind bereits abgesteckt. Zahlreiche Staaten haben sich Schürfgebiete im besonders manganknollenreichen "Clarion-Clipperton-Gebiet" des nördlichen Pazifiks gesichert.
Traum der Wirtschaft ist vor allem der Energieträger Methanhydrat, am Boden lagerndes brennbares Methangas, eingeschlossen in Eiskristalle. Es entsteht bei der bakteriellen Zersetzung von abgestorbenem und auf den Grund gesunkenem Plankton. Weil es hauptsächlich in den Kontinentalabhängen lagert, so warnen Wissenschaftler, könnte sein Abbau zu gewaltigen Erdrutschen unter Wasser führen, die verheerende Flutwellen auslösen. Außerdem drohen dabei große Gasmengen an die Meeresoberfläche zu schießen und dort den Treibhauseffekt kräftig anzuheizen. Ungeachtet dieser Gefahren treffen Länder im asiatischen Raum längst Vorbereitungen zum Abbau.
Und dann noch das Kohlendioxid-Problem: Große Mengen dieses Treibhausgases in der Atmosphäre lösen sich im Meer und werden in die Tiefe gezogen. Zwar wird dadurch die Lufthülle unseres Planeten entlastet, doch mit dem Wasser reagiert Kohlendioxid zu Säure. Und die wirkt zerstörerisch auf die Kalkschalen vieler Ozeanbewohner. Eine 2005 veröffentlichte Studie internationaler Forscher warnt, dass auf diese Weise bereits in 50 bis 100 Jahren einige Arten vollkommen ausgerottet sein werden.
Zu allem Unheil macht die von Treibhausgasen beschleunigte Erwärmung auf Erden auch vor der Tiefe nicht halt. Michael Klages und sein Team vom Alfred-Wegener-Institut markierten im Jahre 1999 in der Framstraße westlich von Spitzbergen 2500 Meter unter dem Meeresspiegel ein Bodenareal und installierten dort Apparaturen mit Messgeräten und Kameras. Seither inspizieren sie diese Station, der sie den Namen "Hausgarten" gaben, in regelmäßigen Abständen mit Hilfe des französischen Unterwasserroboters Victor 6000.
"In einer Langzeitstudie wollen wir die natürlichen Veränderungen in dieser sensiblen Region nahe dem arktischen Packeisrand dokumentieren", sagt Klages - und verkündet ein Zwischenergebnis: Innerhalb von nur sechs Jahren hat sich das Wasser im Hausgarten um 0,04 Grad erwärmt. "Das ist eine Menge für Organismen, die sich auf ganz stabile Umweltbedingungen eingestellt haben", erläutert der Forscher, "wir fürchten, dass sich die Fauna in der Tiefsee dramatisch ändert, wenn die Produktion der Treibhausgase nicht gestoppt wird."
Um das sensible Leben im Meer besser zu verstehen, bevor es menschliche Eingriffe zunichte machen, wollen Wissenschaftler sich in Zukunft nicht nur auf gelegentliche Kurzbesuche der Unterwelt mit Tauchbooten beschränken. Ihr Plan: vernetzte feste Forschungsstationen, auf dem Meeresboden verankert. Diverse solcher Projekte liegen bereits in den Schubladen. Eines davon: "Esonet", die Abkürzung für "European Seafloor Oberservatory Network". Es soll aus zehn Einheiten bestehen und vor den Küsten des europäischen Kontinents errichtet werden. Der "Hausgarten" wird dazugehören.
Jede Station besteht aus Messinstrumenten und Kameras. Sie liefern ihre Daten über Unterseekabel direkt zu den Computern der Forscher an Land - online, rund um die Uhr. So ließen sich nicht nur exotisches Getier und alle Umweltveränderungen genauestens beobachten, sondern auch wertvolle seismologische Informationen gewinnen, etwa über die Bewegungen der Erdplatten. Und sich möglicherweise Tsunamis vorhersagen, die entstehen können, wenn in der Tiefsee der Untergrund rumort. Damit nie wieder eine Katastrophe passiert wie im Dezember 2004 in Indonesien, Thailand und Sri Lanka.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2006