Forscher finden uraltes Zwergäffchen

5. Juni 2013, 20:27 Uhr

Kleines Kerlchen, scharfe Augen, langer Schwanz: Wissenschaftler haben das Skelett eines Ur-Koboldmakis entdeckt. Der Fund verrät auch einiges über unsere Vorfahren.

2 Bewertungen
Skelett, Archäologie, Primat, Vorfahre des Menschen, Kobolmaki

So sah der kleine Primat aus - scharfe Augen, langer Schwanz und großer Hunger auf Insekten.©

Wissenschaftler haben in China das bislang älteste, fast komplett erhaltene Skelett eines Primaten entdeckt. Die winzige Kreatur lebte vor 55 Millionen Jahren, war sieben Zentimeter lang und wog nur 20 bis 30 Gramm. Das Tier war damit noch winziger als die kleinsten heute lebenden Primaten, die zu den Lemuren gehörenden Mausmakis in Madagaskar.

Auch verstärkt der Fund von "Archicebus achilles" die Theorie, dass Primaten ursprünglich aus Asien stammen und von dort vor rund 38 Millionen Jahren nach Afrika zogen. Der Fundort des Skeletts lässt auch darauf schließen, dass die Vorfahren des Koboldmakis weiter verbreitet waren als bislang angenommen.

"Das Skelett wird uns viel erzählen über die Geschichte der Ursprünge der Primaten und über unsere fernen Vorfahren", sagte der Paläontologe Ni Xijun von der Akademie der Wissenschaften in Peking. "Bisher hatten wir fast nur Fragmente von so alten Primaten-Skeletten." Er und sein Team veröffentlichten den Fund im Journal "Nature".

Das Fossil ist rund sieben Millionen Jahre älter als die beiden bisherigen Primaten-Rekordfunde, "Darwinius massilae" in der Grube Messel bei Darmstadt und "Notharctus" im Bridger Basin im US-Bundesstaat Wyoming. "Archicebus achilles" lebte in einer Zeit, in der sich die Primaten in mehrere Zweige aufspalteten, aus denen viel später auch der Mensch hervorging. "Bisher hatten wir keine Vorstellung davon, wie die frühen Affen überhaupt aussahen. Mit dem Skelett können wir nun viele weitere Forschungen machen", sagte Ni Xijun.

Bei dem Fund handelt es sich um einen Vorfahren des Koboldmakis und damit um das älteste und primitivste Glied in der Ahnenreihe der sogenannten Trockennasenaffen, sagte Peter Kappeler vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Dazu gehören auch Menschenaffen und Menschen. Ihnen stellt man die Feuchtnasenaffen gegenüber, zu denen etwa Lemuren und Loris zählen.

Fossil war in Stein eingeschlossen

Die Geschichte vom Fund von "Archicebus achilles" begann vor zehn Jahren. Damals fand ein Bauer in der Provinz Hubei die Fossilien in einem Flussbett - und machte den Forscher Ni auf seinen Fund aufmerksam. Das Fossil war in einen Stein eingeschlossen, der sich in der Mitte spaltete. Abdrücke waren auf beiden Steinhälften zu sehen. Jahrelang untersuchten die Forscher das Fossil mit Hilfe eines 3D-Scanners, um ein komplettes und detailliertes Bild zu erstellen.

Der Name "Archicebus" bedeutet "Uraffe mit langen Schwanz". Das Wort "achilles" verweist auf die ungewöhnliche Form der Ferse des Primaten und ist eine Anspielung auf den legendären griechischen Krieger Achilles, der nur an der Ferse verwundbar war. Das Fersenbein ähnelt dem von anderen Trockennasenaffen. Daraus schließen die Forscher, dass die Trennung in Koboldmakis und Anthropoide - die Vorfahren des Menschen - noch früher passiert sein muss als bisher bekannt. Die Koboldmakis seien jedoch viel näher mit den Anthropoiden und damit letztlich den Menschen verwandt, als bisher angenommen. Auch das habe die Studie ergeben, sagte Ni Xijun.

"Archicebus unterscheidet sich radikal von jedem anderen der Wissenschaft bekannten Primaten, ob lebend oder als Fossil", sagte Chris Beard vom Carnegie-Naturkundemuseum in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania, der die "Nature"-Studie mitverfasste. "Er sieht aus wie eine komische Mischform, mit den Füßen eines kleinen Affen, Armen, Beinen und Zähnen eines sehr primitiven Primaten, und einem primitiven Schädel mit erstaunlich kleinen Augen."

Skelett, Archäologie, Primat, Vorfahre des Menschen, Kobolmaki

©

Der Primat lebte in der Zeit des Eozän, als es auf der Erde so heiß war, dass es kein Eis an den Polen gab. Damals waren weite Teile der Erde mit tropischen oder subtropischen Wäldern bedeckt - eine "großartige Zeit für Primaten", sagte Paläontologe Beard.

Laut Ni war das kleine Äffchen mit seinen dünnen Beinen, seinem langen Schwanz und seinen schlanken Fingern hervorragend an das Leben in Bäumen angepasst. Das Tier war vermutlich tagaktiv und ernährte sich in erster Linie von Insekten. Heutige Koboldmakis sind nachts unterwegs und haben deutlich größere Augen. Sie leben auf südostasiatischen Inseln wie Sumatra, Borneo, und den südlichen Philippinen. Auch in einigen europäischen Zoos sind die Tiere mit den großen Augen zu bewundern.

lea/brü/DPA/AFP
 
 
MEHR ZUM THEMA
Wissenstests
Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Kniffliges für Ihr Hirn: Quizzen Sie sich zum Allgemeinwissens-Champion! Mit diesen Fragen und Antworten sammeln Sie zudem genug Stoff für jeden Party-Smalltalk. Zu den Wissenstests
 
"Naturwunder Erde"
Markus Mauthe bereist die Welt Markus Mauthe bereist die Welt Zwei Jahre, vier Lebensräume, 17 Reiseziele: In einem einzigartigen Langzeitprojekt bereist ein Fotograf die Welt. Zu den Fotostrecken
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity


 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug