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10. Mai 2006, 08:00 Uhr

Dicke Luft in deutschen Städten

Seit dem 1. Januar 2005 gelten strengere Grenzwerte für Feinstäube, die vor allem durch Rußpartikel aus Diesel-Pkw und Lastwagen entstehen. Viele deutsche Städte überschreiten die Grenzwerte beträchtlich. Nun drohen Fahrverbote in den Innenstädten. Von Stéphanie Souron

Rußpartikel aus Diesel-Pkw und Lastwagen sind einige der Hauptverursacher der Feinstaubbelastung. Rußpartikelfilter sollen Abhilfe schaffen© Theo Heimann/DDP

Am Stuttgarter Neckartor, unweit von Schlossgarten und Planetarium, war es 2005 am schlimmsten. Dort, wo sich die B14 in einem sanften Bogen an die Grünanlagen schmiegt, zeichnete eine unscheinbare Messstation 365 Tage lang die Feinstaubemissionen auf. Nun spuckte der Apparat ein alarmierendes Ergebnis aus: Nach derzeitigen Erkenntnissen des Umweltbundesamtes (UBA) ist nirgendwo in Deutschland die Luft schlechter als an dieser Stadttraverse.

Ältere Dieselautos dürfen eventuell nicht mehr in die Innenstädte

Damit die Luft künftig nicht nur am Neckartor besser wird, sondern an allen Straßen mit hoher Feinstaubbelastung, hat das Kabinett Ende Februar 2006 einen Gesetzentwurf gebilligt: Fortan sollen alle Autos gemäß ihrer Schadstoffklasse mit einer Plakette ausgestattet werden. Der Bundesrat hat dem zugestimmt. Vor allem Fahrer älterer Dieselautos müssen nun befürchten, bei hoher Feinstaubbelastung nicht mehr in die Innenstädte fahren zu dürfen. Außerdem verständigten sich die Minister auf ein neues Verkehrszeichen, mit dem die Städte russträchtigen Autos, Lastwagen und Bussen die Durchfahrt verbieten können.

Seit dem 1. Januar 2005 gilt die neue EU-Richtlinie mit strengeren Grenzwerten für Feinstäube, die vor allem durch Rußpartikel aus Diesel-Pkw und Lastwagen entstehen. Seither darf der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Atemluft nur noch an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Am Neckartor allerdings registrierte die Messstation an 186 Tagen einen überhöhten Wert.

Kritik an Durchfahrverboten ist aus München zu hören

Weil lange nicht abzusehen war, wann eine einheitliche Regelung in Kraft tritt, hatten Stuttgarts Stadtväter bereits im Alleingang zu drastischen Maßnahmen gegriffen, um der Feinstaubbelastung Herr zu werden: Seit diesem Jahr gelten in der Innenstadt Durchfahrverbote für Lastwagen, das S-Bahn- und Stadtbahnnetz soll möglichst rasch ausgebaut werden und ab 2007 dürfen ältere Fahrzeuge mit den EU-Abgasnormen 0 und 1 nur noch eingeschränkt über die Straßen dieseln. Andernorts werden immer wieder viel befahrene Straßen komplett für den Verkehr gesperrt.

In anderen Städten steht man solchem Aktionismus kritisch gegenüber. In München, wo die Landshuter Allee punktgleich mit dem Willy-Brandt-Platz in Leipzig den zweiten Platz auf der Schmutz-Liste des Umweltbundesamtes belegt, hält man diese Maßnahmen sogar für gefährlich. "Die Rathäuser werden so zu Sündenböcken gemacht: Sie sollen besonders belastete Straßen sperren und damit den Feinstaub wieder in die Wohnquartiere tragen, die in den vergangenen Jahren erfolgreich vom Durchgangsverkehr entlastet wurden", kritisiert der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD).

Nicht nur Straßenverkehr erhöht die Feinstaubbelastung

Nach Erkenntnissen des Umweltbundesamtes blasen allerdings auch die 14 Millionen Holzkessel und Holzöfen in Deutschland eine riesige Feinstaubwolke in die Luft. So lag die Rußpartikelentwicklung im Straßenverkehr 2004 bei 42.000 Tonnen, während aus den Holzfeuerungen 24.300 Tonnen Feinstaub entwichen. "Der Feinstaub von der Straße ist gefährlicher, weil er noch zusätzlich mit Schwermetallen belastet ist", sagt Michael Strogies vom Umweltbundesamt.

Feinstaub belastet besonders Kleinkinder, Menschen mit geschwächter Immunabwehr und Alte: Die ultrafeinen Teilchen dringen in die Lunge ein und können über die Blutbahn sogar ins Gewebe gelangen. Wirksam zurückhalten kann die Partikel derzeit nur der Rußfilter, das ungeliebte Kind der Autoindustrie. Immerhin hat der Bundesrat kurz vor Weihnachten gegen alle Widerstände die technischen Anforderungen für nachrüstbare Partikelfilter beschlossen. Vorher wussten nicht einmal die Hersteller dieser Nachrüstsätze mit welchen technischen Vorgaben sie produzieren sollen. Durch die nachträgliche Aufrüstung mit einem Rußpartikelfilter, können Dieselautos nun laut dem neuen Gesetzentwurf in eine höhere Klasse aufsteigen. Andere EU-Länder setzen auf drastischere Maßnahmen Bis Partikelfilter jedoch in allen Diesel-Pkw serienmäßig sind, können die Städte dem Feinstaub nur Fahrverbote entgegen setzen. Andere EU-Länder haben den Kampf gegen den Staub generalsstabsmäßig organisiert: In den Südtiroler Städten Bozen, Meran, Bruneck und Brixen gelten seit Ende November Fahrverbote für Autos und Motorräder, die nicht den neuesten Abgasvorschriften entsprechen. An Wochentagen dürfen dort Fahrzeuge, die älter als zwölf Jahre sind, zwischen neuen und elf Uhr nicht in die Städte fahren. Mittwochs müssen Fahrzeuge mit geraden Kennzeichen-Endnummern in der Garage bleiben, donnerstags die mit den ungeraden. Stockholm, Oslo und London lassen die Autofahrer für jeden Weg durch die Innenstadt extra blechen.

In Deutschland hat man sich im Februar nach zähen Diskussionen auf ein Nummernsystem geeinigt: Die Ziffer in der Mitte der weißen Plakette gibt an, welcher Schadstoffklasse das Auto angehört. In die höchste Kategorie fünf, die immer freie Fahrt hat, fallen Fahrzeuge der neuen Euro-5-Norm, Autos mit geregeltem Katalysator oder mit Stromantrieb. An 30.000 Verkaufsstellen im Bundesgebiet soll die neue Plakette vertrieben werden. Über den genauen Preis wird allerdings noch verhandelt.

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Was soll die Bundesregierung tun, um die Feinstaub-Belastung in den Städten zu senken?

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Mehr Infos Die Richtlinie der EU schreibt Grenzwerte für die Feinstaub-Belastung vor, die höchstens an 35 Tagen im Jahr überschritten werden dürfen. Zahlreiche deutsche Städte hatten 2005 die Grenze an deutlich mehr Tagen überschritten. Und auch für 2006 sieht es nicht besser aus.

Das Bundeskabinett hatte im Februar eine Plaketten-Verordnung zur Kennzeichnung von Autos und Lastwagen verabschiedet, die nach Schadstoffgruppen eingeteilt werden sollen. Danach entscheidet sich, ob das betreffende Fahrzeug bei zu hohen Feinstaub-Werten einem Fahrverbot unterliegt oder nicht. Der Bundesrat hat dem zugestimmt.

Wie schlimm sieht es in Ihrer Gegend mit der Feinstaubbelastung aus?

Deutschlandkarte: Aktuelle Feinstaubbelastung

Städteübersicht - Anzahl der Tage im Jahr 2005, wo die EU-Feinstaub-Grenzwerte überschritten wurden

Städteübersicht - Anzahl der Tage im Jahr 2006, wo die EU-Feinstaub-Grenzwerte überschritten wurden

Greenpeace verklagt Regierung Greenpeace legte vor dem Gerichtshof in Straßburg Beschwerde gegen die Bundesregierung ein. "Die Regierung hat weder den Anteil des Dieselrußes am Feinstaub gesenkt, noch die EU-Richtlinie zum Schutz der Menschen vor Feinstaub ausreichend umgesetzt", erklärte die Organisation in Hamburg. "Die Bundesregierung und der Bundesrat nehmen seit Jahren tatenlos hin, dass tausende Menschen frühzeitig an Dieselkrebs oder anderen Feinstaub-Krankheiten sterben." Offensichtlich scheue die Regierung den Konflikt mit den Autoherstellern, die eine steuerliche Benachteiligung ihrer Dieselautos ohne Filter nicht hinnehmen wollten.

Greenpeace verwies auf Daten der Weltgesundheitsorganisation, wonach in Deutschland pro Jahr etwa 75.000 Menschen an den Folgen des Feinstaubs sterben. Dieselruß mache bis zu einem Viertel des Feinstaubs aus. "Trotz Zusage gibt es keine steuerliche Förderung für Autofahrer, die ihr Dieselfahrzeug mit einem Rußfilter nachrüsten", hieß es. "Greenpeace fordert von Bundesregierung und Bundesrat, den Kompetenzstreit um die Förderung von Filtern zu beenden."

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