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So riskant ist der neue Gasboom

26. Februar 2013, 16:24 Uhr

In den USA hat die Frackingtechnologie einen neuen Öl- und Gasboom ausgelöst. Nun geht es um die deutschen Vorkommen. Doch die Umweltrisiken sind beträchtlich. Von Daniel Bakir

Fracking, Gas, Erdgas, Schiefer, Exxon Mobil

Baustelle für Erdgasprobebohrungen von Exxon Mobil in Lünne©

Wundertechnologie oder Umweltzerstörung? Eine neue Methode der Öl- und Gasförderung sorgt für massive Diskussionen. Das sogenannte Fracking wird in den USA bereits großflächig angewandt, um den Energiehunger der Amerikaner zu stillen. Und auch hierzulande schlummern tief im Boden Gas-Reserven, die enorme Profite versprechen. Nun soll es für den Einsatz der Technologie in Deutschland feste Regeln geben. Die Bundesregierung legte am Dienstag einen Gesetzesvorschlag vor, der den Einsatz grundsätzlich erlaubt - allerdings nur unter strengen Auflagen. Der Entwurf sieht verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfungen sowie ein generelles Verbot in Wasserschutzgebieten vor.

Der Opposition gehen die Einschränkungen allerdings nicht weit genug. Sie moniert, dass Fracking künftig in weiten Teilen Deutschlands möglich ist. Der Naturschutzbund Deutschland fordert ein Moratorium, bis die Gefahren für Mensch und Natur geklärt sind.

Aber wie funktioniert Fracking eigentlich - und was sind die Gefahren? Die wichtigsten Antworten zum Stand der Dinge.

Was ist Fracking?

Fracking (kurz für "Hydraulic Fracturing") ist eine moderne Fördertechnik, mit der sich Öl- und Gasressourcen gewinnen lassen, an die man auf herkömmliche Weise nicht kommen würde. Dabei wird mit hohem hydraulischen Druck und dem Einsatz von Chemikalien Schiefergestein in mehr als 1000 Meter Tiefe aufgebrochen, um das enthaltene Öl und Gas zu gewinnen (siehe interaktive Grafik).

Wie groß ist das Potenzial in Deutschland?

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schätzt, dass es technisch möglich ist, 0,7 bis 2,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas aus deutschem Boden zu pressen. Das sind etwa zehn Prozent des Gesamtvorkommens und ein Vielfaches der konventionellen Erdgasressourcen. Deutschland könnte sich damit unabhängiger von Importen aus Russland und anderen Ländern machen. Außerdem gibt es noch Vorkommen von mehr als drei Billionen Kubikmeter Kohleflözgas, bei denen ebenfalls Fracking zum Einsatz kommen könnte. Über dessen genaues Abbaupotenzial gibt es noch keine Erkenntnisse.

Wird in Deutschland schon gefrackt?

Laut Bundesumweltministerium wird bislang kein Fracking zur Erschließung von unkonventionellen Gas- und Ölvorkommen in Deutschland angewandt. Die deutsche Tochter des amerikanischen Öl- und Gasriesen Exxon Mobil - dem größten Unternehmen der Welt - führt allerdings schon seit einigen Jahren Probebohrungen durch. Das Hauptaugenmerk liegt auf Schiefergasvorkommen im südwestlichen Niedersachsen, wo seit 2008 Probefracks vorgenommen werden. Wo überall Schiefergasvorkommen vermutet werden und wo diese erforscht werden, sehen Sie in unserer Karte.

Was sind die Risiken?

Die Auswirkungen auf die Umwelt sind bislang kaum erforscht. Das Umweltbundesamt (UBA) stellt in einem Gutachten von 2012 fest, dass bei den bisherigen Frackingversuchen in Deutschland Gase und Flüssigkeiten zum Einsatz kamen, "die bedenkliche Eigenschaften aufwiesen". In einer ersten Bewertung kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass diese Substanzen "ein hohes bzw. mittleres bis hohes Gefährdungspotenzial aufweisen".

Wie groß die Risiken genau sind, weiß niemand. Denn theoretisch sollte der Chemiecocktail gar nicht ins Grundwasser gelangen, weil er erst weit unterhalb der Grundwasserschicht freigesetzt wird. Lecks am Bohrloch und in der Pipeline sind aber sowohl beim Herunterpressen der Chemikalien als auch beim Heraufpumpen des Gases mitsamt Frackflüssigkeiten denkbar. Zudem weiß niemand genau, ob die tief in den Untergrund geschossenen Abwässer nicht doch ins Grundwasser hinaufsteigen.

In einer Studie im Auftrag von Exxon Mobil mahnen Studienleiter Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und seine Kollegen ebenfalls zu einem vorsichtigen Vorgehen: "Im Vergleich zur Förderung von Erdgas aus konventionellen Vorkommen bestehen zusätzliche Belastungen und Risiken." Daher solle etwa in tektonisch kritischen Gebieten sowie in Trinkwasser- und Heilquellenschutzgebieten kein Fracking eingesetzt werden. Für ein generelles Verbot sehen die Experten aber keine sachliche Begründung. Die Technologie sei kontrollierbar.

Die Gutachter des UBA empfehlen in ihrer Studie, Fracking in Wasserschutzgebieten, Wassergewinnungsgebieten der öffentlichen Trinkwasserversorgung, Heilquellenschutzgebieten und im Bereich von Mineralwasservorkommen konsequent zu verbieten. Darüber fordern sie eine bundesweite Pflicht, eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen.

Was hat die Politik vor?

Die Bundesregierung greift die Vorschläge der Wissenschaftler in ihrem Gesetzesentwurf auf. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung soll für Frackingvorhaben verbindlich werden. Zudem soll es in Trinkwasserschutzgebieten grundsätzlich kein Fracking geben. Ob das Gesetz so durch den Bundesrat kommt, ist aber fraglich. Denn der Opposition reichen die vorgesehenen Einschränkungen nicht aus. Sie ist für ein generelles Verbot der Technologie. Gleiches fordern auch zahlreiche lokale und regionale Bürgerinitiativen.

mit Agenturmaterial

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