In seinem Bestseller "Der Schwarm" werden Wasserwesen zu Killermaschinen. Dabei fühlt sich Erfolgsautor Frank Schätzing im Nassen ganz geborgen. Mit dem stern sprach er über die Faszination der Tiefe, seine Begegnung mit Haien und sein neues Buch.

Der Mann liebt Fische. Am liebsten im Meer, aber gern auch auf der Zunge© Thomas Rabsch
Klar. Im Winter gerne ein paar Tage auf Sylt oder an der schottischen Küste, früher jedes Jahr auf den Malediven zum Tauchen.
Sag ich ja: früher. Aber ich arbeite dran.
Die Weite. Diese endlose Wasserfläche. Die wechselnden Horizonte. Das Meer ist eine Diva, seine Stimmung kann binnen weniger Minuten komplett kippen, ohne dass es je an Faszination verliert. Ich mag beides, den Sturm und den Frieden.
Oh, das war alles andere als spontane Liebe. Als ich vor meinem ersten Tauchgang auf der Reling saß, ausstaffiert mit Flossen und Flasche, kamen plötzlich Urängste hoch: Du schaust auf eine dunkle Oberfläche und siehst etliche Monster vor deinem geistigen Auge, die nichts anderes zu tun haben, als dich mit aufgerissenem Rachen und umgebundener Serviette zu erwarten. Dann tauchst du ein und findest dich in einem lichten, klaren Universum. Freundliches Blau überall. Tief unter dir, noch ziemlich diffus, siehst du was schwimmen. Also gehst du runter, weil du dir das anschauen willst. Und so, wie das Leben um dich herum an Form und Farbe gewinnt, entrückt die Welt über dir ins Irreale. Dein neues Umfeld ist jetzt die Realität, und du bist absolut hingerissen. Noch weiter unten ist noch mehr Leben, also gehst du wieder tiefer.
Wer das einmal an sich rangelassen hat, den hält es gepackt. Man braucht also einige nüchtern veranlagte Freunde, die einen ebenfalls nicht mehr loslassen, sonst läuft man Gefahr, verloren zu gehen.
Wenn ich Psychologe wäre, würde ich sagen: Das Meer ist der Spiegel der Seele, und die Seele ist ein Abgrund. Weitgehend unerforscht. Wir sind geängstigt und fasziniert zugleich. Da lauert Wunderbares und Schreckliches dicht beieinander, also tauchen wir ein in den fremden und doch so vertrauten Ozean. Mir gibt das Meer vor allem Geborgenheit: Beim Tauchen fühle ich mich völlig eins mit diesem Element. Als ob ich da unten zu Hause wäre.
Ein Sachbuch, ja schon. Aber eigentlich ist es ein Thriller: Schließlich ist das Meer der Ort, aus dem alles Leben kommt, es bedeckt zwei Drittel unseres Planeten. Wie es entstand, welche Schlachten seine Bewohner da unten geschlagen haben, wie sie versuchten, einander mit immer neuen Tricks auszupokern, Vulkanausbrüche, Supermeteoriten - das alles finde ich wahnsinnig spannend.
War doch bei mir genauso: Was habe ich unter der staubtrockenen, stinklangweiligen Art gelitten, mit der einige Lehrer ihre Seriosität zu unterstreichen meinten. Schon damals habe ich kapiert: Es gibt nichts Kompliziertes in der Welt, nichts Langweiliges. Nur langweilige und komplizierte Vermittler. Aber Naturwissenschaft muss vor allem Spaß machen, dich packen! Man sollte Lehrer also auf ihre Comedytauglichkeit testen. Wenn sie nicht mindestens fünf satte Lacher pro Stunde ernten, sind sie im falschen Job.
Es gab auch gute Lehrer. Außerdem hab ich mir und anderen die Zusammenhänge mit kleinen witzigen Geschichten erklärt. Mit dem Ausdenken war ich mehr beschäftigt als mit allem anderen.
Und ich dachte: Das muss ein verdammt großer Salzstreuer gewesen sein.
Im Gegenteil: Viele Forscher sind bemerkenswerte Persönlichkeiten, kluge und nachdenkliche Leute, aber ihnen fehlt der Zugang zur breiten Öffentlichkeit. Sie freuen sich, dass jemand ihre Erkenntnisse anschaulich unters Volk bringt. Im Grunde mach ich's ja nicht anders als die Bibel, ich rede in Gleichnissen. Nur dass meine ein bisschen lustiger ausfallen.
Gefunden in...
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Stern
Ausgabe 09/2006