. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
4. März 2006, 15:55 Uhr
Schriftgröße: A A A

"Das Meer ist der Spiegel der Seele"

In seinem Bestseller "Der Schwarm" werden Wasserwesen zu Killermaschinen. Dabei fühlt sich Erfolgsautor Frank Schätzing im Nassen ganz geborgen. Mit dem stern sprach er über die Faszination der Tiefe, seine Begegnung mit Haien und sein neues Buch.

Der Mann liebt Fische. Am liebsten im Meer, aber gern auch auf der Zunge© Thomas Rabsch

Herr Schätzing, nun haben Sie schon Ihr zweites Buch über das Meer geschrieben. Dabei wohnen Sie als Kölner mitten auf dem Festland. Machen Sie wenigstens Urlaub an der See?

Klar. Im Winter gerne ein paar Tage auf Sylt oder an der schottischen Küste, früher jedes Jahr auf den Malediven zum Tauchen.

Wie kommt man denn mit Flugangst auf die Malediven?

Sag ich ja: früher. Aber ich arbeite dran.

Was mögen Sie an Strandspaziergängen?

Die Weite. Diese endlose Wasserfläche. Die wechselnden Horizonte. Das Meer ist eine Diva, seine Stimmung kann binnen weniger Minuten komplett kippen, ohne dass es je an Faszination verliert. Ich mag beides, den Sturm und den Frieden.

Und was fasziniert Sie am Tauchen?

Oh, das war alles andere als spontane Liebe. Als ich vor meinem ersten Tauchgang auf der Reling saß, ausstaffiert mit Flossen und Flasche, kamen plötzlich Urängste hoch: Du schaust auf eine dunkle Oberfläche und siehst etliche Monster vor deinem geistigen Auge, die nichts anderes zu tun haben, als dich mit aufgerissenem Rachen und umgebundener Serviette zu erwarten. Dann tauchst du ein und findest dich in einem lichten, klaren Universum. Freundliches Blau überall. Tief unter dir, noch ziemlich diffus, siehst du was schwimmen. Also gehst du runter, weil du dir das anschauen willst. Und so, wie das Leben um dich herum an Form und Farbe gewinnt, entrückt die Welt über dir ins Irreale. Dein neues Umfeld ist jetzt die Realität, und du bist absolut hingerissen. Noch weiter unten ist noch mehr Leben, also gehst du wieder tiefer.

Klingt nach legaler Droge.

Wer das einmal an sich rangelassen hat, den hält es gepackt. Man braucht also einige nüchtern veranlagte Freunde, die einen ebenfalls nicht mehr loslassen, sonst läuft man Gefahr, verloren zu gehen.

Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry machte dem Meer das Kompliment: "Du schenkst uns ein unbeschreiblich einfaches und großes Glück." Er ist nur einer von vielen Dichtern, die das Meer besungen haben. Und Millionen Urlauber zieht es an die Strände. Die kommen doch nicht alle wegen der guten Aussicht, oder?

Wenn ich Psychologe wäre, würde ich sagen: Das Meer ist der Spiegel der Seele, und die Seele ist ein Abgrund. Weitgehend unerforscht. Wir sind geängstigt und fasziniert zugleich. Da lauert Wunderbares und Schreckliches dicht beieinander, also tauchen wir ein in den fremden und doch so vertrauten Ozean. Mir gibt das Meer vor allem Geborgenheit: Beim Tauchen fühle ich mich völlig eins mit diesem Element. Als ob ich da unten zu Hause wäre.

Und über Ihr Wohnzimmer haben Sie jetzt ein Sachbuch geschrieben: "Nachrichten aus einem unbekannten Universum."

Ein Sachbuch, ja schon. Aber eigentlich ist es ein Thriller: Schließlich ist das Meer der Ort, aus dem alles Leben kommt, es bedeckt zwei Drittel unseres Planeten. Wie es entstand, welche Schlachten seine Bewohner da unten geschlagen haben, wie sie versuchten, einander mit immer neuen Tricks auszupokern, Vulkanausbrüche, Supermeteoriten - das alles finde ich wahnsinnig spannend.

Millionen deutscher Schüler fassen sich jetzt aber an den Kopf ...

War doch bei mir genauso: Was habe ich unter der staubtrockenen, stinklangweiligen Art gelitten, mit der einige Lehrer ihre Seriosität zu unterstreichen meinten. Schon damals habe ich kapiert: Es gibt nichts Kompliziertes in der Welt, nichts Langweiliges. Nur langweilige und komplizierte Vermittler. Aber Naturwissenschaft muss vor allem Spaß machen, dich packen! Man sollte Lehrer also auf ihre Comedytauglichkeit testen. Wenn sie nicht mindestens fünf satte Lacher pro Stunde ernten, sind sie im falschen Job.

Offenbar haben Sie trotzdem was gelernt.

Es gab auch gute Lehrer. Außerdem hab ich mir und anderen die Zusammenhänge mit kleinen witzigen Geschichten erklärt. Mit dem Ausdenken war ich mehr beschäftigt als mit allem anderen.

Aber nicht immer: Im Buch erwähnen Sie, dass schon Ihr Vater Ihnen erzählte, dass ein Matrose seinen Salzstreuer ins Wasser fallen ließ - und das Meer deshalb so merkwürdig schmeckt.

Und ich dachte: Das muss ein verdammt großer Salzstreuer gewesen sein.

Wissen in Geschichten zu verpacken - das haben Sie in Ihrem Buch perfektioniert. Nur mit einem Bein stehen Sie dabei in der Wissenschaft, mit dem anderen in Hollywood: Sie lassen Garnelen sprechen, und Miss Evolution auftreten, die aus ihrer Handtasche immer neue Geschöpfe hervorkramt. Fürchten Sie nicht, dass Ihnen Ihr Plauderton von Wissenschaftlern übel genommen wird?

Im Gegenteil: Viele Forscher sind bemerkenswerte Persönlichkeiten, kluge und nachdenkliche Leute, aber ihnen fehlt der Zugang zur breiten Öffentlichkeit. Sie freuen sich, dass jemand ihre Erkenntnisse anschaulich unters Volk bringt. Im Grunde mach ich's ja nicht anders als die Bibel, ich rede in Gleichnissen. Nur dass meine ein bisschen lustiger ausfallen.

Gefunden in...

Gefunden in ... Stern
Ausgabe 09/2006

  zurück
1 2 3
 
 
 
Aktuelle Extras
 
Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...