Klimaschutz ist teuer, die Klimakatastrophe unbezahlbar. Klimaökonom Ottmar Edenhofer erklärt im stern.de-Interview, wie man mit Kapitalismus das Klima rettet, was er sich vom G8-Gipfel erhofft und woher im Jahr 2050 unsere Energie kommt.

Vattenfall-Kohlekraftwerk in Boxberg. Mit einem funktionierenden Emissionshandel würden die Energiekonzerne schnell bemerken, dass sich Kohlekraftwerke nicht mehr lohnen, glaubt Ottmar Edenhofer© Matthias Rietschel/AP
Es wäre zu hoffen, dass die USA sich am Klimaschutz beteiligen. Auch wenn man nicht mehr als ein Signal erwarten darf - wenn es deutlich und unüberhörbar ist, wäre es gut. Es wäre großartig, wenn die USA die Linie, die sie während des IPCC-Treffens vertreten haben, fortführen würden. Dann wären wir schon einen Schritt weiter.
Die Vermeidungskosten werden sicher bei den G8-Staaten am höchsten ausfallen. Je mehr Länder sich am Klimaschutz beteiligen, desto günstiger wird der Klimaschutz aber. Europa hat daher ein vitales Interesse daran, dass sich auch die USA, China und Indien am Klimaschutz beteiligen. Welche Verpflichtungen die einzelnen Staaten eingehen werden, ist jedoch politisch weitgehend ungeklärt.
Er würde zumindest eine ganze Menge regeln. Dafür allerdings müssen noch mehr Sektoren in den Emissionshandel mit einbezogen werden - Verkehr zum Beispiel. Und es dürfen Zertifikate nicht kostenlos zugeteilt, sondern müssen versteigert werden. Das sind für mich die zwei wichtigsten Forderungen. Und dann können sich Staaten wie die USA überlegen, ob sie sich am europäischen Emissionshandel beteiligen wollen.
Europa ist der einzige Wirtschaftsraum, der Instrumente für einen effektiven Klimaschutz entwickelt und auch eingeführt hat. Am Erfolg des europäischen Emissionshandels hängt die Zukunft der europäischen Klimapolitik und die Möglichkeit, den globalen Klimaschutz mit einem weltweiten Emissionshandel voranzubringen.
Hoch problematisch, weil nur bis zu zehn Prozent der Zertifikate versteigert werden können. Das müssen deutlich mehr sein. Und es sind zu wenige Sektoren im Emissionshandel mit einbezogen.
Ich fordere diesen Preis nicht, aber er wird das Ergebnis der Marktkräfte sein. Wenn sich genügend CO2-freie Techniken am Markt durchsetzen, kann der Preis auch wieder sinken. Je innovativer die Wirtschaft ist, um so schneller. Wenn sich die Weltgemeinschaft vornimmt, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf zwei Grad Celsius zu begrenzen und die CO2-Emissionen dementsprechend zu reduzieren, ist das der Preis, den eine Tonne CO2 dann kosten wird.
Kohlekraftwerke, die jetzt ans Netz gehen und nicht mit einer CO2-Abscheidung und unterirdischen Lagerung nachgerüstet werden können, sind keine sinnvolle Option. Würden die Zertifikate nicht kostenlos zugeteilt, sondern versteigert werden, würden sich Kohlekraftwerke ohne Abscheidungstechnik ohnehin nicht lohnen. Die Versteigerung würde einen großen Innovationsdruck auslösen - entweder müssten Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke oder durch Kraftwärmekoppelung ersetzt werden
Die Regierung sollte einen funktionsfähigen Emissionshandel installieren - die Investitionsentscheidungen sollten die Firmen selber fällen..
Die Politik ist gut beraten, wenn sie ihre politischen Energien darauf richtet, den Emissionshandel funktionsfähig zu machen. Die Alternative wäre, dass man nur Kohlekraftwerke ans Netz gehen lässt, die grundsätzlich mit der Abscheidungstechnik nachrüstbar sind. Aber diese ordnungsrechtliche Alternative wäre nur zweite Wahl.
Der IPCC hat keineswegs den vollen Ausbau der Kernenergie gefordert. Der IPCC schätzt das ökonomische Potenzial der Kernenergie auf 18 Prozent (gegenüber heute 16 Prozent) des globalen Stromverbrauchs bis 2030, wenn die Fragen des nuklearen Abfalls, der Sicherheit und der Proliferation geklärt sind. Das ökonomische Potenzial der Kernenergie verringert sich, wenn die anderen Alternativen, zum Beispiel Kohlenstoffabscheidung und die erneuerbaren Energien, ihre Kosten durch technischen Fortschritt senken können. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass der Anteil der Kernenergie eher sinken wird.
Selbst wenn man die Kernenergie für eine klimapolitisch sinnvolle Option hält, wird man auf die anderen Optionen nicht verzichten können. Der IPCC schätzt das ökonomische Potenzial der erneuerbaren Energien auf 30-35 Prozent an der globalen Stromproduktion bis zum Jahre 2030, bei einem Preis von 50 Euro pro Tonne CO2.
Daher sollte man die Prioritäten jetzt richtig setzen. Mit und ohne Kernenergie brauchen wir technische Durchbrüche bei den erneuerbaren Energien, bei der Kohlenstoffabscheidung und auch bei der Erhöhung der Energieeffizienz. Darauf müssen wir uns jetzt konzentrieren.
Wir werden die fossilen Energieträger ungefähr auf dem heutigen Niveau nutzen. Bei großen Kohle- und Gaskraftwerken werden wir das CO2 abscheiden. In China und Indien wird es im großen Stil Kohleverflüssigung geben, die Treibstoffversorgung wird also nicht nur vom Öl abhängen. Ab 2050 werden wir einen großen Anteil von Biomasse und Wind bei der Elektrizitätserzeugung haben, während der Anteil der Solarenergie zu steigen beginnt. Auch die Kernenergie wird Bestand des globalen Energiemixes sein. Ihr Anteil wird aber sinken.
Das ist eine großartige Idee. Denn wir haben in Europa beschlossen, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 auf 30 Prozent der Stromerzeugung zu steigern. Dafür brauchen wir zunächst neue, intelligente Stromnetze. Aber wenn wir bis 2050 solarthermische Kraftwerke in Nordafrika hätten, die Europa mit Strom beliefern, wäre das eine große Perspektive - auch entwicklungspolitisch.
Das ist die falsche Analogie, denn von Bodenschätzen profitieren die Länder am wenigsten, in denen die Bodenschätze abgebaut werden. Bei solarthermischer Elektrizität ist das anders, denn Elektrizität ist ökonomisch bereits ein veredeltes Produkt, dessen Nachfrage steigen wird. Nordafrika könnte davon dauerhaft profitieren. Das würde ihrer Wirtschaft sehr gut tun.
Das ist eine hochinteressante Perspektive, man sollte die Forschung intensivieren. Aber energiepolitisch ist diese Vision frühestens für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts relevant - vielleicht auch erst am Beginn des 22. Jahrhunderts. Es wäre daher fahrlässig, jetzt auf eine Option zu setzen und die anderen Optionen zu vernachlässigen.
Ottmar Edenhofer ist Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und gehört zu den Autoren des UN-Weltklimaberichtes.