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15. August 2007, 14:00 Uhr

Die Ruhe vor dem Sturm

Seit Jahren wird vor mehr Wirbelstürmen infolge der Klimaerwärmung gewarnt. Doch nach Katrina & Co. hielt der Trend nicht an. Und auch dieses Jahr hat es im Atlantik noch keinen einzigen Hurrikan gegeben. Das könnte sich nun ändern: Tropensturm "Dean" wächst und wächst. Von Thomas Langkamp

Satellitenaufnahme des Tropensturms "Dean". In wenigen Tagen könnte er bis zu 220 Kilometer pro Stunde erreichen und wäre damit ein starker Hurrikan© NOAA

Allein 2005 forderten die Hurrikane Wilma, Rita, Katrina und ihre zerstörerische Gefolgschaft in den USA mehr als 2.000 Menschenleben. Katrinas Sturmflut durchbrach Deiche und setzte die Großstadt New Orleans zu 80 Prozent unter Wasser. Mehr als die Hälfte der ursprünglich 440.000 Einwohner hat bis heute der verwüsteten Stadt den Rücken gekehrt.

Jetzt geht es los

Mit dem Herannahen eines jeden Hurrikans wird die Ölindustrie nervös. Am Abend des 13. August ging eine erste Ad-hoc-Meldung über die Börsenticker:

"Der Ölmarkt [wird] jetzt zunehmend vom Wetterbericht aus dem mittleren Atlantik beeinflusst. [...] jetzt bewegt sich ein Tiefdruckgebiet im mittleren Atlantik, das sich nach den Modellen der Wetterforscher zum ersten atlantischen Hurrikan der Saison entwickeln könnte."

Die mögliche Bahn von "Dean" der nächsten fünf Tage. Er könnte genau über die Dominikanische Republik, Puerto Rico und Kuba hinwegziehen© NOAA

Toben die Stürme über das Meer, können Öltanker ihren sicheren Hafen nicht verlassen oder müssen Umwege in Kauf nehmen. Auch Öllagerstädten und Raffinerien an Land sind vor Sturmschäden nicht gefeit. Und tatsächlich geht die aktuelle Wetterbesprechung der US-Behörde für Ozean und Atmosphäre (NOAA) vom 14. August davon aus, dass sich in zwei Tagen aus dem Hochsee-Tiefdruckgebiet Nummer 4 ein Hurrikan namens Dean entwickelt. In fünf Tagen soll er eine geschätzte Windgeschwindigkeit von über 222 Kilometern pro Stunde (120 Knoten) erreichen. Dean würde damit in Kategorie 4 eingeordnet und damit schon zu den starken Hurrikanen zählen. Ob er auf Land trifft oder nur die See gewaltig aufwühlt, bleibt abzuwarten. Ein möglicher Verlauf in den nächsten fünf Tagen zeigt eine Route, die direkt über die Dominikanische Republik, Puerto Rico und Kuba verläuft.

El Niño sorgte für ein ruhiges Jahr 2006

Seit 1850 werden Wirbelstürme regelmäßig dokumentiert. Insgesamt 28 tropische Stürme tobten 2005 über den Atlantik, davon 15 mit der Hurrikanstärke von mindestens 118 Kilometern pro Stunde. Rekord. Die Versicherungswirtschaft verbuchte ebenso rekordverdächtige Schadenssummen. Besorgt fragte sie sich, was 2006 noch kommen würde. Als dann die großen Verwüstungen ausblieben, mussten sich manche Wissenschaftler von der NOAA wundern. Anzahl und Stärke der Stürme über dem Atlantik entsprachen entgegen ihrer Vorhersagen ganz und gar dem Durchschnitt, der bei rund zehn tropischen Stürmen liegt, darunter sechs mit Hurrikanstärke.

Gründe für die nur durchschnittliche Saison waren das Wetterphänomen El Niño sowie geringe Temperaturunterschiede zwischen den drei großen Ozeanen Atlantik, Pazifik und Indik, die unerwartet dazwischen funkten.

Die atlantische Hurrikan-Statistik zeigt eine deutliche Schwankung. In den 40er und 50er Jahren gab es relativ viel tropische Stürme und Hurrikane, in den 70er und 80er Jahren relativ wenige. Seit Mitte der 90er zeigt sich ein erneuter Anstieg© Hamburger Bildungsserver

2007 wird stürmisch

Jedes Jahr gibt das Nationale Hurrikan Zentrum (NHC) der NOAA zwei Prognosen für die Hurrikansaison ab; die erste etwa zwei Wochen vor Beginn der Saison Mitte Mai und die zweite rund einen Monat vor ihrem statistischen Höhepunkt am 10. September. Offiziell dauert die Saison vom 1. Juni bis zum 30. September; nur selten verirren sich Hurrikane in den Januar oder den April.

Im Mai prognostizierten die Forscher eine überdurchschnittliche Sturmaktivität und bleiben auch in ihrer aktuellen Vorhersage vom 9. August dabei. Doch der erste richtige Hurrikan 2007 lässt noch auf sich warten - sofern "Dean" es nicht werden wird. Zwar ist schon knapp die halbe Saison abgelaufen, trotzdem formten sich bisher nur drei tropische Stürmchen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 95 Kilometern pro Stunde: Andrea und Barry wehten schon im Mai, dann folgten zwei Monate vollkommene Flaute und am 28. Juli pustete Chantal nahe den Bahamas die Grashalme krumm. Das Jahr 2007 schien den Wind bislang regelrecht zu verschlucken.

"Es könnte jeden Moment losgehen"

Historisch gesehen kommt der sturmreichste Monat jedoch noch. Seit 1851 produzierte der September die meisten Stürme, 459 an der Zahl, gefolgt von August und Oktober mit 344 zu 280. In den verbleibenden dreieinhalb Monaten der Saison wird es also verdammt stürmisch. Will sich Wettergott Thor an die Prognosen der NOAA halten, wird er 13 bis 16 tropische Stürme und davon 7 bis 9 Hurrikane über den Atlantik schicken.

Der renommierte Hurrikan- und Umweltpolitikforscher Roger Pielke, Jr. von der Universität von Colorado, die als zweites Institut Hurrikanvorhersagen tätigt, erläutert die Situation stern.de: "Die Sturmforscher sind sich einig, dass es zwischen einem ruhigen Saisonstart und der Sturmaktivität der Saison insgesamt keinen Zusammenhang gibt. Es könnte jeden Moment losgehen."

Klimawandel = mehr Stürme? Was die Zukunft bringt

Im Zusammenhang mit dem Klima müssen alle Stürme weltweit betrachtet werden und nicht allein jene über dem Atlantik. Über dem Ost-Pazifik beispielsweise brachte die Saison bereits zwei Hurrikane und vier weitere tropische Stürme. Der Pazifik wird in der europäischen Berichterstattung und der öffentlichen Wahrnehmung des Öfteren "vergessen", da uns wirtschaftliche Schäden dort weniger treffen.

Zur weltweiten Sturmaktivität erscheinen fast monatlich neue Studien, die widersprüchliches behaupten. Zuletzt erklärten amerikanische Forscher vom National Center for Atmospheric Research, dass die Anzahl der Hurrikane 1930 und 1995 jeweils sprunghaft um 50 Prozent zugenommen habe. Dies passe gut zu einer größeren Erwärmung der Meeresoberflächen jeweils wenige Jahre zuvor. Die Studie berücksichtigt nur nicht, dass die Erfassung von Wirbelstürmen erst mit Beginn der Satellitenära lückenlos ist. Viele Wirbelstürme toben über offenem Gewässer und wurden Anfang des Jahrhunderts einfach übersehen, vermuten die Kritiker der Studie.

In einer anderen Studie, ebenfalls Ende Juli veröffentlicht, warnten Forscher von der Universität von Kastilien-La-Mancha in Toledo davor, dass Wirbelstürme am Ende des 21. Jahrhunderts über dem Mittelmeer auftreten könnten. Dazu müsste sich das Oberflächenwasser über die kritischen 26,5 Grad Celsius erwärmen. Doch solche Vorhersagen entstammen noch zu grob aufgelösten regionalen Klimamodellen, die mit starken Unsicherheiten behaftet sind. Erst in einigen Jahren werden Supercomputer schnell genug sein, um Hurrikane fein genug simulieren zu können.

Hurrikan-Bremse El Niño El Niño (spanisch für "das Christkind") ist ein natürlich auftretender Sturmbremser. Alle drei bis sieben Jahre sorgt er zur Weihnachtszeit dafür, dass sich vor Peru ungewöhnlich warme Wassermassen stauen. Gleichzeitig entstehen so genannte Scherwinde über dem Atlantik, die wir als Turbulenzen aus dem Flugzeug kennen. Sie zerstreuen Hurrikane, schon bevor sie sich aufbauen können. Den Wirbelstürmen war es 2006 also zu windig, da El Niño für Scherwinde sorgte.

Und noch etwas Gutes hat El Niño, der eigentlich für Überschwemmungen und den Zusammenbruch der Fischereiindustrie an der Westküste Südamerikas bekannt ist: Er hält die entstehenden Hurrikane vom amerikanischen Festland fern, indem er die aus Osten wehenden Passatwinde umdreht. So drücken sie gegen die Zugbahn der Wirbelstürme. Nur einer der fünf Hurrikane von 2006, Ernesto, konnte bei diesem Gegenwind die amerikanische Ostküste erreichen und größere Schäden anrichten.

Dieses Jahr wacht jedoch El Niños Schwester La Niña (spanisch für "das Mädchen") über den Ozean. La Niña lässt kühlere Wassermassen aus dem Humboldtstrom den Äquator nach Westen hinauf strömen. Das vermindert Luftdruckunterschiede zwischen den Ozeanen, welche sonst die Scherwinde anfeuern. Dann wird's stürmisch.

Von Thomas Langkamp
 
 
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