Nährboden der Geistesblitze

15. Dezember 2005, 10:42 Uhr

Vor genau 40 Jahren rief stern-Chefredakteur Henri Nannen zum ersten Wettbewerb "Jugend forscht" auf. Ein Rückblick auf Geniestreiche und Preisträger - und was aus ihnen geworden ist.

Presiträgerin Natalie Wegner: Seit 1965 ist der Anteil der Mädchen von 8 auf 38 Prozent gewachsen©

Charles Percy Snow und Henri Nannen hatten ähnliche Sorgen: Der englische Physiker und Autor hielt 1959 eine flammende Rede über die Kluft zwischen den "zwei Kulturen" der Natur- und der Geisteswissenschaften. Jeder halte es für wichtig, Shakespeare zitieren zu können, schäme sich aber nicht seines Unwissens über die Zusammenhänge in der Natur.

stern-Gründer Henri Nannen - obwohl kein großer Fan der Naturwissenschaften - ärgerte sich derweil in Deutschland ebenfalls über die Missachtung dieses Forschungsfeldes. Er beschloss, etwas gegen diesen "Bildungsnotstand" zu tun. Unter der Überschrift "stern sucht die Forscher von morgen" rief er 1965 im Heft Nr. 51 den Schülerwettbewerb "Jugend forscht" ins Leben - vor genau 40 Jahren.

"Naturwissenschaften fuhren zu meiner Schulzeit eher auf dem Abstellgleis", schrieb Nannen später über seine Idee. "Und manch einer genierte sich nicht, dröhnend zu verkünden, davon verstehe er nichts, ha, ha, ha." Als Pragmatiker holte der Chefredakteur sich Unternehmer ins Boot, die gemeinsam mit dem stern und später auch dem Verlag Gruner + Jahr den Wettbewerb finanzierten. Inzwischen unterstützen die Bundesregierung und rund 250 Firmen und Institutionen "Jugend forscht".

Öle, Fette und Rechenautomaten

Im April 1966 wurden in Hamburg feierlich die ersten Bundessieger gekürt. Ihr Preis war eine Reise nach Dallas, wo die Schüler die Chance hatten, an der "Science Fair" teilzunehmen, einer internationalen Messe junger Wissenschaftler. Dort räumten zwei von ihnen weitere Medaillen ab: Maria Klein für ihre chemischen Versuche zur Struktur von Ölen und Fetten, Theodor Hildebrand für den Bau seines "elektronischen Rechenautomaten", der immerhin schon handliche Schubladengröße hatte.

An dem ersten Wettbewerb um die pfiffigsten Ideen hatten damals 244 Schüler aus der ganzen Bundesrepublik teilgenommen. Seither ist die Beteiligung immer weiter gestiegen; die Gesamtzahl aller "Jufos" liegt inzwischen bei über 130.000. Der Anteil der Mädchen ist dabei von bescheidenen 8 auf 38 Prozent gewachsen. Schon lange gibt es zwei getrennte Ausscheidungen: Neben dem "Jugend forscht"-Wettbewerb der 15- bis 21-Jährigen können sich die Jüngeren bis 14 Jahre bei "Schüler experimentieren" miteinander messen. Jedes Winterhalbjahr finden Regional- und Landeswettbewerbe statt, im Mai treffen dann die Besten im Finale aufeinander. Beide Sparten zusammen brachten es 2005 auf die Rekordzahl von 8945 Anmeldungen.

Einige Preisträger sind heute weltberühmt

Viele Ex-JuFos haben beachtliche Karrieren gemacht: Andreas von Bechtolsheim präsentierte 1974 als 18-Jähriger seine "Strömungsmessung mit Ultraschall" und erhielt dafür den 1. Preis im Fach Physik. Einige Jahre später gründete er in Kalifornien mit drei Partnern eine kleine Computerfirma. Sie ist mittlerweile zum Imperium Sun Microsystems herangewachsen. Von Bechtolsheim gilt damit als wohl einziger Milliardär, der sich eines "Jugend forscht"-Titels rühmen kann.

Gisela Anton, Technik-Siegerin von 1975, ist heute Professorin für Teilchenphysik an der Universität Erlangen-Nürnberg. 1994 erhielt sie für die Entwicklung ihres Teilchendetektors Amadeus den Leibniz-Preis, den höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis. Drei Millionen Mark gingen damals an ihre Forschungskasse. Seit 1986 haben insgesamt nur 22 Frauen diesen Preis erhalten.

Erfindung ging in Serie

Auch jüngere Jufos haben den Hobbykeller längst hinter sich gelassen: Etwa Daniel Gurdan, der siebenmal an "Jugend forscht" teilnahm, viermal ins Finale einzog und 1999 den ersten Platz im Gebiet Arbeitswelt belegte: mit einer handschuhartigen Fingerprothese. Bekannt wurde er allerdings mit seinem vierten Platz im Jahr 2003: Damals bauten Gurdan und sein Mitstreiter Klaus-Michael Doth ein propellergetriebenes Ufo, das mit Hilfe eines Handschuhs durch die Luft gelenkt wird. Nach dem Wettbewerb meldete sich die Spielzeugfirma Silverlit bei den Schülern, um das Flugobjekt in Serie zu bauen. 2004 wurde es auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vorgestellt und löste eine wahre Bestell-Lawine aus.

Vor Anfragen kann sich auch Marc Brunke kaum retten: Er entwickelte eine Audiotechnik namens Optocore aus seinem "Jugend forscht"-Projekt von 1992. Als Schüler und begeisterter Musiker hatte sich Brunke mit seiner Band oft über brummende Kupferkabel geärgert, die so manchen Auftritt vermasselten. So erfand er ein System, das Töne in Lichtsignale umsetzt, sie durch feine Glasfaserkabel schickt und am anderen Ende wieder Töne daraus zusammenbastelt - störungsarm und ultraleicht. 1996 stellte er Optocore auf der Musikmesse in Frankfurt vor. Inzwischen ist Brunkes Technik weltweit patentiert und hat schon die Olympia-Eröffnung in Athen beschallt, den Weltjugendtag und Konzerte von Robbie Williams. Nächste Großbaustelle für Brunke ist die Fußball-WM 2006.

Dressierte Guppys sorgen für Aufsehen

Viel Originelles wurde in den 40 Jahren erforscht und erfunden: Schon beim ersten Bundeswettbewerb 1966 sorgte Christa Dogs mit ihren Dressurversuchen an Guppys für Aufsehen. 30 Jahre später bauten Melanie Kalbrecht, Sven Junger und Andres Zabinski den "Linearpara-bolischen Reflexionswärmeerzeuger" - den Solar-Wurstgrill. "Eine Solarzelle mit der Größe von circa 50 mal 50 Millimetern dreht die Wurst in der Brennlinie in 10 Sekunden um die Längsachse", schrieben die Erfinder. Nach 30 Minuten (!) sei die "Heiße Rote" dann fertig.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 51/2005

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