9. März 2007, 10:24 Uhr

Wenn Klimaforscher nach Bangkok müssen

Soll man Diesel und Benziner verbieten? Ist das Hybridmodell von Toyota wirklich konkurrenzlos? Und wie geht man mit den Schadstoffausstoß von Fabriken um? Politik und Wissenschaft überbieten sich mit Antworten auf diese Fragen. Doch einige sind falsch oder voreilig. Von Peter Weyer

Heizkraftwerks in Ostbrandenburg: Schadstoffausstoß von Autos überschätzt?©

Diesel und Benziner werden in 13 Jahren gesetzlich verboten. Danach sollen nur noch Autos mit Wasserstoffantrieb oder Hybridtechnik erlaubt sein. Diese radikale Forderung kommt nicht etwa von Öko-Fundamentalisten, sondern von Markus Söder, dem Generalsekretär der CSU. Derzeit überbieten sich Politiker und Umweltschützer mit derlei Patentrezepten im Kampf gegen die geweissagte Klimakatastrophe. Doch nicht alle Lösungsversuche zur Reduzierung der Autoabgase überzeugen mit Vernunft und Sachkunde.

Einige sind schlichtweg falsch oder voreilig. Etwa die Empfehlung von Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag. Sie rief dazu auf, Hybridautos von Toyota zu kaufen. Gemeint war das Modell Prius mit der Kombination von Elektro- und Benzinmotor unter der Haube. Die Promi-Grüne, zuvor als Ministerin mit einem dicken Achtzylinder-Dienstwagen unterwegs, übersah bei ihrer Werbekampagne allerdings den Polo BlueMotion von Volkswagen. Der ist wie der Prius ein vollwertiger Fünfsitzer mit ähnlichen Fahrleistungen, ist rund 8000 Euro billiger, verfeuert aber glatte zehn Prozent weniger Sprit - ohne Hybridtechnik. In der Liga der kleinen Schlucker ist dieser Minderverbrauch schon ein Quantensprung.

Unverständliches Rezept von Sigmar Gabriel

Unverständlich erscheint auch das Klimaschutz-Rezept von Umweltminister Sigmar Gabriel. Der vollzog einen Sinneswandel um 180 Grad. Noch vor kurzem ließ der Minister verkünden, das Thema Tempolimit auf Autobahnen "stehe nicht auf der Tagesordnung". Ein paar Wochen später befürwortete Gabriel plötzlich eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Stundenkilometern. Allerdings nicht aus Gründen des Umweltschutzes. Denn der berge die "ganz große Gefahr, dass sich die Republik darüber streitet und die Autoindustrie sich still und heimlich verdrücken kann." Einfach zu begreifen sind derlei ministeriellen Gedankengänge nicht.

Angesichts der teils überhitzten Treibhausgas-Diskussion mahnt nicht nur EU-Industriekommissar Günter Verheugen vor "hysterischem Aktionismus". Hans von Storch, angesehener Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, sieht im Klimabericht selbst eine "gewisse Neigung zum Alarmismus". Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Mitautor des aktuellen Weltklimaberichtes, hält sogar Organisations- und Bewertungskorrekturen im nächsten Weltklimabericht von 2013 für erforderlich: "Auch das IPCC wird einem Reformprogramm unterworfen werden müssen."

Ist die düstere Klima-Prognose also völlig überzogen? Ist die wissenschaftliche Methodik zweifelhaft? Alles nur heiße Luft? Leider nein.

Denn die Kernaussagen bleiben von der kleinen Insider-Mäkelei völlig unberührt: Kohlendioxid (CO2) sitzt wie eine Käseglocke über dem Globus und lässt die Wärme nicht ins Weltall entweichen. Auf der Erde steigt die Temperatur. Mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit, so der Klimabericht, sind wir Menschen dafür verantwortlich, weil wir immer mehr fossile Brennstoffe wie Öl und Gas verfeuern, wobei CO2 freigesetzt wird.

Autos schlagen nur mit 13 Prozent zu Buche

Auch mit Verbrennungsmotoren auf unseren Straßen. Allerdings nur zu einem geringen Teil. In der Gesamtbilanz aller Kohlendioxid-Produzenten schlagen Autos in Deutschland nur mit etwa 13 Prozent zu Buche. Davon entfallen wiederum rund vier Prozent auf Brummis. Die machen zwar weniger als zehn Prozent am gesamten Fahrzeugbestand aus, aber sie blasen wegen der hohen Spritverbräuche etwa fünfmal mehr Kohlendioxid durch den Auspuff als normale Familienkutschen.

Die allein verursachen nur um die neun Prozent aller jährlichen Kohlendioxide in Deutschland. Weitaus mehr Treibhausgas müssen sich Land- und Forstwirtschaft (31 Prozent), Kraftwerke (26 Prozent) und Fabriken (20 Prozent) zurechnen lassen.

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
AxelR. (09.03.2007, 13:15 Uhr)
Durchschnittsgeschwindigkeit
Das Problem ist nicht die Durchschnittsgeschwindigkeit auf den Autobahnen. Zitat aus dem Artikel: "Da liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit auf frei befahrbaren Abschnitten schon jetzt im Bereich des angestrebten Dauerlimits, nämlich bei rund 130 km/h. Unterschied praktisch null. Ebenso das Einsparpotenzial. "
In der Praxis wechseln sich auf der Autobahn Tempolimit, Baustellen und freie Fahrt ständig ab. 60-130-80-freie Fahrt, und dieser Wechsel erfolgt in sehr kurzen Abständen. Das erzeugt ständiges Beschleunigen und Abbremsen, erhöht die Unfallgefahr und steigert den CO2-Ausstoss. Es gibt faktisch kein vernünftiges Argument, das gegen ein Tempolimit spricht.
Skarrin (09.03.2007, 12:36 Uhr)
Wasserstoff als Klimakiller
Der zusammengesöderte Wasserstoffunfug aus dem CSU-Märchenwald würde wegen seiner unterirdischen Energiebilanz unser Klima und unsere Energieversorgung völlig ruinieren.
Die ganzen Atomkraftwerke könnten wir in 13 Jahren gar nicht bauen, um auch nur ansatzweise genug H2 für die sowieso nichtexistenten GeldverBrennstoffzellen-Serienfahrzeuge herzustellen.
So toll scheint das bayerische Bildungssystem ja dann doch nicht sein, wenn sie einem da nicht mal die Grundrechenarten beibringen - hoffentlich verschwindet dieses Generalsekret-är bald in irgendeiner CO2-Senke.
Kathrein (09.03.2007, 11:44 Uhr)
Klimaschutz-Debatte
Als Ottonormalverbraucher weiß ich langsam nicht mehr, was ich von all dem halten soll. So ist das bei uns, viele Ratschläge von viel zu vielen Leuten, die das Übel, sprich CO2-Werte alle erkannt haben, sich selbst am Ende aber widersprechen. In 13 Jahren soll Benzin und Diesel verboten werden. Von Herrn Söder habe ich keine andere Forderung erwartet. Im Klartext heißt das, wer im Jahr 2020 noch einen Diesel, bzw. Benziner fährt, soll sein Auto dann gefälligst verschrotten, oder in die Ecke stellen. Es ist richtig, ein besseres Patentrezept gibt es gar nicht. Ach ja, die Flieger müssen dann allerdings auch am Boden bleiben, es sei denn, den Flugzeugbauern fallen bis dahin noch echte Lösungen ein. Klimaschutz muß sein, aber bitte mit Verstand.
starmax (09.03.2007, 11:17 Uhr)
Bangkok-Erfahrung unverzichtbar !
...und nicht durch Video zu ersetzen. Gerade diese Stadt mit ca 35°Luftemperatur und 100% Luftfeuchtigkeit wünsche ich allen Grünen plus dem dicken Gabriel als echte körperliche Erfahrung!!! Dazu den 6spurigen Dauerstau auf allen (!)Straßen, alle Wohnungen und Autos mit Klimaanlagen im Dauerlauf, alle 10 Meter Koch-und Imbißstände daneben am Straßenrand, dazu Lebensfreude und hohes Lebenserwartung der Menschen. Der Krebs entsteht wohl doch mehr in den Gehirnen westlicher Politiker...
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