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12. März 2009, 16:45 Uhr

"Uns läuft die Zeit davon"

Gestern ging die wissenschaftliche Klimakonferenz in Kopenhagen zu Ende. Im stern.de-Interview erklärt Professor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung mit welchen Folgen des Klimawandels wir in naher Zukunft rechnen müssen.

Klima, Klimawandel, Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung

Um den Klimawandel noch zu stoppen, müssen wir zügig unser Wirtschafts- und Energiessystem auf Nachhaltigkeit umstellen, warnen Wissenschaftler© Colourbox

Herr Professor Rahmstorf, UN-Wissenschaftler haben vor kurzem Alarm geschlagen: Schädliche Klimafolgen treten offenbar schneller ein als gedacht. Muss das Ziel der Europäischen Union, die Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, neu überdacht werden?

Nein, aber die neuen Daten zeigen, dass wir noch entschlossener und rascher handeln müssen, um nicht über die zwei Grad hinaus zu schießen. Wir sollten schnellstmöglich die Trendwende bei den Emissionen schaffen, damit der Klimawandel noch in einem Rahmen bleibt, der unsere Anpassungsfähigkeit nicht völlig überfordert.

Mit welchen Folgen des Klimawandels müssen wir rechnen?

In den nächsten Jahrzehnten wird vermutlich das Problem der wachsenden Dürre in vielen Weltregionen die größten Sorgen machen. Im Mittelmeerraum macht sich das durch die zunehmenden Waldbrände im Sommer bemerkbar. Daneben ist es der immer raschere Anstieg des Meeresspiegels, der die Sturmflutgefahr erhöht. Man denke an Taifun Nargis in Birma im vergangenen Jahr mit über 100.000 Toten– eine solche Sturmflut wird umso schlimmer ausfallen, je höher der Meeresspiegel steigt.

Was erwarten Sie als Ergebnisse des "International Scientific Congress on Climate Change"?

Wir diskutieren hier die neuesten Messdaten und Modellstudien aus aller Welt, um die wissenschaftliche Grundlage für die Klimakonferenz Ende des Jahres in Kopenhagen zu schaffen. Am Ende wird ein dickes Buch für Fachleute entstehen, aber auch eine allgemeinverständliche Broschüre mit den wichtigsten Ergebnissen, die schon im Juni erscheinen soll. Was da genau drinstehen wird kann man erst sagen, wenn die Konferenz mit über 1600 vorgestellten Forschungsarbeiten vorüber ist.

Welche Tendenz zeigen die neuesten Messdaten und Modellstudien?

Die Studien zeigen, dass die Vorgänge wie das Schmelzen des arktischen Meereises oder der Anstieg des Meeresspiegels schneller vor sich gehen, als bisher angenommen. Gute Nachrichten gibt es allerdings hinsichtlich der Lösungen. Es wird immer deutlicher, dass ein rascher Umstieg auf erneuerbare Energien möglich ist und einen zentralen Baustein der Lösung darstellt. Hier wachsen die Investititionen dramatisch, zum Beispiel in die Solarenergie in Kalifornien.

Welche Weichenstellungen müssen Ende des Jahres auf der Klimakonferenz in Kopenhagen erfolgen?

Dort wird über die Zukunft des globalen Klimaschutzes entschieden. Es ist die wohl letzte Chance, sich weltweit auf Emissionsminderungen zu einigen, mit denen man den Klimawandel noch auf zwei Grad begrenzen kann. Die Zeit läuft uns davon.

Der Klimawandel ist nur weltweit zu stoppen. Ist unter dem US-amerikanischen Präsidenten Obama ein Weltklimaabkommen in greifbare Nähe gerückt?

Alles, was ich aus den USA höre, stimmt mich sehr optimistisch. Nach Jahren der Verleugnung des Problems sind die USA wieder aktiv beim Klimaschutz mit dabei und wollen sogar eine führende Rolle spielen.

Was müsste ein Weltklimaabkommen beinhalten?

Ehrgeizige, konkrete Reduktionsziele für die Industriestaaten, die nicht in großer Ferne liegen - etwa den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren. Und einen Modus, wie die wichtigsten Entwicklungs- und Schwellenländer mit eingebunden werden können. Alle sitzen in einem Boot – nur gemeinsam können wir die Krise bewältigen.

Macht der Klimawandel die Ärmsten noch ärmer?

So sieht es aus. Die Industrieländer sind für 75 Prozent der zusätzlichen Treibhausgase in der Atmosphäre verantwortlich, aber die Ärmsten der Welt sind den Folgen der globalen Erwärmung, etwa Dürren und Sturmfluten, am schutzlosesten ausgesetzt.

Müssen wir mit Klimaflüchtlingen rechnen? Ist die Europäische Union darauf vorbereitet?

Es ist zu befürchten, dass die Zahl der Flüchtlinge dramatisch ansteigt, etwa wenn es durch Dürren zu größeren Ernteausfällen kommt, oder infolge klimabedingter Extremereignisse oder Landverlusten durch den steigenden Meeresspiegel. Bislang sind Klimaflüchtlinge oder im weiteren Sinne Umweltflüchtlinge im internationalen Recht nicht als anerkannte Kategorie vorgesehen. Es ist also nicht geregelt, wohin sie sich wenden können und wer sie aufnehmen sollte.

Was bedeutet das im Ernstfall konkret?

Vermutlich werden Staatengruppen wie die Europäische Union ihre Grenzen dicht machen. Wir erleben das ja jetzt schon mit den Flüchtlingen aus Afrika. Diese Problematik wird sich verschärfen.

Mehr zur Person

Mehr zur Person Stefan Rahmstorf studierte Physik in Ulm und Konstanz und physikalische Ozeanographie an der University of Wales. 1990 promovierte er in Ozeanographie an der Victoria University of Wellington in Neuseeland. Nach mehreren Forschungfahrten im Südpazifik arbeitete er als Wissenschaftler am New Zealand Oceanographic Institute, am Institut für Meereskunde in Kiel und seit 1996 am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Dort beschäftigt er sich vor allem mit der Rolle der Meeresströmungen bei Klimaänderungen. Rahmstorf ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) und einer der Leitautoren des 4. IPCC-Berichts. Zusammen mit dem Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans-Joachim Schellnhuber, hat er 2006 das Buch "Der Klimawandel" veröffentlicht.

Klimakonferenz in Kopenhagen Vom 10. bis zum 12. März hat an der Universität Kopenhagen der "International Scientific Congress on Climate Change" stattgefunden. Tausende Wissenschaftler aus aller Welt kamen dort zusammen, um den neuesten Stand in der Klimaforschung zu diskutieren. Die Ergebnisse werden Ende des Jahres auf der "Climate Change Conference" (COP15) der Vereinten Nationen präsentiert und sollen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft als Grundlage für ein neues Weltabkommen zur Bekämpfung des Klimawandels dienen.

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