Warum der Klimagipfel zum Desaster wurde

19. Dezember 2009, 08:57 Uhr

Es ging um die Zukunft der Erde. Obwohl die Teilnehmer einen Vertrag erzielen wollten, hat es nur zu einem unverbindlichen Abkommen gereicht. Der Klimaschutz ist trotzdem nicht am Ende. Von Axel Bojanowski, Kopenhagen

Kopenhagen, Klimagipfel, Rasmussen, Merkel, Regierungschefs

Da half alles Beten nichts: Dänemarks Premierminister Lars Lokke Rasmussen beim Klimagipfel©

Diesen Tag hatten alle ersehnt. 14 Jahre wurde darauf hin gearbeitet, 14 Welt-Klimakonferenzen waren abgehalten worden, Tausende Kontakt-Treffen zwischen Diplomaten hatten stattgefunden. Es ging um nichts Geringeres als um die Zukunft der Erde, haben Wissenschaftler in vier aufrüttelnden Klimaberichten seit 1992 gewarnt. Auf der UN-Tagung in Kopenhagen sollte nun endlich ein weltweit gültiger Klimaschutz-Vertrag geschlossen werden, der den Ausstoß von Treibhausgasen Einhalt gebietet.

120 Staatschefs waren am Donnerstag in die dänische Hauptstadt gereist, wo bereits seit zehn Tagen 15.000 Delegierte verhandelt hatten. "Zu groß, um zu scheitern" sei der Klimagipfel, raunten sich die Teilnehmer zu. Und alle, wirklich alle, betonten, dass sie ein Abkommen erreichen wollten. Doch trotz des guten Willens und des wohl größten Aufwandes, der je für ein Vorhaben der Weltgemeinschaft getrieben wurde: Es hat nicht geklappt, ein Klimavertrag ist nicht zustande gekommen. Nicht mal zu einem unverbindlichen Abkommen wird es wohl reichen. Das einzige abstimmungsfähige Dokument ist am frühen Samstagvormittag im Plenum durchgefallen. Kaum jemand erwartet noch eine Einigung - die Staatschefs sind schon abgereist. Trotz des Debakels von Kopenhagen ist der Klimaschutz aber nicht unbedingt am Ende, noch wurden nicht alle Möglichkeiten ausgelotet.

Zunächst hatten sich die Regierungschefs und Delegierten von über 20 Ländern auf ein Abschlussdokument geeinigt. Das Dokument sei immerhin ein "Ausgangspunkt", sagte Angela Merkel Freitag-Mitternacht gegenüber Journalisten. Das Papier enthielt allerdings weder Abgas-Verpflichtungen noch konkrete Verminderungsziele beim Treibhausgas-Ausstoß. Immerhin wurde darin Finanzhilfe für die Entwicklungsländer im Kampf gegen den Klimawandel beschlossen: Die Europäische Union und Japan wollen bis 2012 jeweils rund elf Milliarden Dollar bereitstellen; die USA hingegen nur 3,6 Milliarden - ein überraschend geringer Betrag, nachdem Außenministerin Hillary Clinton am Donnerstag mit großem Pathos erstmals Klima-Finanzhilfen der USA in Aussicht gestellt hatte. Doch selbst dieses schwache Kompromisspapier ist bei den Delegierten der anderen 163 Staaten gescheitert.

Beim Truthahn-Essen wird gepokert

Die Welt traf sich im "Bella Center": Vertreter aller Nationen liefen im Kopenhagener Tagungsgebäude umher, tippten an langen Tischen auf ihren Laptops oder ruhten erschöpft in einer Sitzecke. Immer wieder eilten die Staatschefs durch die Gänge, umringt von Leibwächtern und Journalisten. Einer nach dem anderen hielt eine Ansprache im Plenarsaal. Verhandelt wurde in kleinen Hinterzimmern, oder in benachbarten Hotels. Donnerstagabend, 20 Stunden vor der avisierten Verkündung des neuen Klima-Abkommen, nahm die Hektik zu. Noch immer lag eine Einigung in weiter Ferne. Da fuhren schwarze Limousinen vor, um die Regierungschefs auf das Schloss Christiansborg zu bringen. Das lange geplante Abendessen bei Truthahn und Gemüse wurde zum Politpoker.

Bundeskanzlerin Merkel saß beim Essen neben dem chinesischen Staatschef Wen Jiabao. Doch auch sie konnte Wen nicht überzeugen, den Abgasausstoß seines Landes kontrollierbar zu machen. Die Weigerung der Chinesen gegen solche Transparenz sollte einer der wesentlichen Punkte sein, der den Klimagipfel scheitern lassen sollte. China habe seine Positionen während der Verhandlungen kaum geändert, berichtete Merkel kurz vor ihrem Heimflug nach Deutschland Freitagnacht.

Beim Abendessen im Schloss wurde schon längst nicht mehr eines, sondern wurden zwei Klima-Abkommen diskutiert: Eines für die Industrienationen, eines für die anderen. Beide enthielten freilich rund 100 strittige Vertragspunkte, über die in diversen Fachgruppen verhandelt wurde. Eine Vereinigung beider Papiere wurde ausgeschlossen. Um dennoch eine Übereinkunft der Weltgemeinschaft zu erzielen, regten die Europäer einen politischen "Dach-Text" an, der Richtlinien für künftige Klimaschutz-Verhandlungen enthalten sollte.

Von 23 Uhr bis 2 Uhr begab sich Merkel mit Staatschefs und Top-Delegierten von über 20 Staaten in ein Zimmer des Kongresszentrums. Die Vertreter der Schwellenländer, etwa Indien und Brasilien, forderten ihre Abgas-Ziele von ihrem Wirtschaftswachstum abhängig machen lassen, die Entwicklungsländer wollten hohe "Wiedergutmachungszahlungen" der Industrienationen für "Klimaschäden". Manche dieser Länder sperrten sich zudem gegen jede Überprüfung ihrer Emissionen; das Indische Parlament hatte sich bereits vor Kopenhagen dagegen ausgesprochen. Umweltminister Norbert Röttgen sprach von einer "Blockade krisenhafter Art". Er hatte bis morgens um Acht weiter verhandelt.

Rede Obamas dämpft die Hoffnungen

Am Vormittag übernahmen wieder die Regierungschefs. US-Präsident Barack Obama enttäuschte nach seiner Ankunft in Kopenhagen am Freitagvormittag mit seiner Rede. "Er hatte nichts Zusätzliches mitgebracht", sagte Bundeskanzlerin Merkel. Am Abend half Obama aber offenbar ein totales Scheitern des Gipfels zu verhindern, indem er nach Berichten von US-Medien eine geschlossene Sitzung von Chinesen, Brasilianern und Indern sprengte, obwohl ihn Sicherheitsbeamte zunächst daran hindern wollten. Chinas Präsident Wen Jiabao willigte nun wenigstens ein, die Welt über ihre Abgasverringerungs-Ziele zu informieren.

Stundenlang saßen die Regierungschefs beisammen und rangen um den Abschlusstext. Parallel arbeiteten Fachausschüsse, um Änderungen der Formulierungen zu prüfen. Zuweilen sei die Verhandlungssituation "recht lustig" gewesen, weil Staatschefs mit Spezialisten diskutieren mussten, berichtete Merkel. Letztlich waren aber nur die Europäer an einem Kompromiss interessiert. "Ohne sie wäre der Klimaschutzprozess undenkbar", sagte Merkel.

Das Abschlussdokument "Copenhagen Accord", das die 30 Staaten schließlich kurz vor Mitternacht am Freitag präsentierten, wurde gegenüber den Versionen vom Nachmittag sogar noch deutlich abgeschwächt. Nur das 2-Grad-Ziel sei letztlich erreicht worden, räumte Merkel ein. Demnach soll die Erwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden. Wie das geschafft werden soll, lässt der "Copenhagen Accord" jedoch vollkommen offen; dem Dokument fehlt jede Verbindlichkeit. Ob die Zwei-Grad-Grenze zu halten sein wird, erscheint nun ungewisser denn je. Auch auf der nächsten Welt-Klimakonferenz in Mexiko sei der Abschluss eines Klimavertrags ungewiss, sagte Merkel. Der Weg zu einem Abkommen sei weit.

Er ist noch weiter, als Merkel ahnte. Eine Übereinstimmung deute sich an, glaubte sie noch vor Ihrer Abreise aus Kopenhagen. Zwei Stunden später wurde der "Copenhagen Accord" bereits im Plenum fallengelassen. "Wir können dem nicht zustimmen", sagte etwa der Delegierte Tuvalus.

So scheint es an der Zeit, neue Möglichkeiten des Klimaschutzes auszuloten. Viele Länder seien nicht gewillt, Probleme global zu lösen, hat Angela Merkel festgestellt. Also bleiben wohl nur lokale Lösungen: Eine Vervielfachung der Forschungsinvestitionen in alternative Energien etwa könnte bedeutende technologische Fortschritte bringen. Das Geld wäre anscheinend da, denn vorgesehene teure Klima-Transferzahlungen bleiben mangels eines Klimavertrags nun aus. Gäbe es billige grüne Energie, wären fossile Brennstoffe nicht mehr attraktiv, auch nicht für aufstrebende Schwellenländer. Der Treibhausgas-Ausstoß wäre eingedämmt. Wie die Finanzierung mobilisiert wird, könnte ein neuer - kleiner - Klimaschutz-Prozess ermitteln. Der globale Ansatz ist heute jedenfalls gescheitert.

Lesen Sie auch
KOMMENTARE (10 von 17)
 
Topsy50 (20.12.2009, 11:55 Uhr)
@hose05
Rate mal wann der wärmste November war? Nein, es war nicht der November 2009 sondern der November 1926. Der 3,9 Grad über der mittleren Temperatur lag. Damals gab es noch keine Klimahysteriker.

Der letzte Winter bei uns in Südamerika, war der kälteste seit über 30 Jahren. Dies Jahr haben wir den e, Niño und es regnet viel, wie üblich.

Die Wetterfrösche sind zu dämlich das Wetter für 3 Tage vorauszusagen, aber die "Klimaforscher" wollen der Bevölkerung erzählen, wie das Klima in hundert Jahren ist. *rofl*
hose05 (19.12.2009, 15:30 Uhr)
@Hopsy50, du nicht weißt . . . .
das sich die Menschheit schon öfter auf diesem Planeten fast entsorgt hat. Kleines Dummerchen. Ich hoffe, Sie erleben das noch mit Schrecken. Wie kann man nur so geistfrei sein. Arrogant bis zum Untergang. Wie erwähnt, hoffentlich qualvoll !
Amos (19.12.2009, 15:18 Uhr)
kein Titel
Hat eigentlich schon mal jemand wissenschaftlich untersucht, wie hoch der Einspareffekt bei Erdöl- und Gasheizungen im Winter wäre bei angeblich 2 Grad Celsius höheren Außentemperaturen?????
knilch_59 (19.12.2009, 15:06 Uhr)
Klimapolitik als Fortsetzung des Imperialismus
Es gibt Länder, die sich einen Klimawandel leisten können, andere Länder nicht. Natürlich kann der Klimawandel auch andere als menschliche Ursachen haben, aber das ändert nichts daran, dass er, wenn er eintritt, einige Völker / Nationen in einer Art und Weise belasten wird, die ihre kulturelle Identität auslöschen wird. Logisch, dass die sich dagegen wehren, aber der Druck, den die machen können, halten wir locker aus. Und setzen dann so tolle Argumente wie Sprudelflaschen oder Blähungen entgegen. Das zeigt nur deutlich, dass wir nicht wirklich bereit sind die Ressourcen dieses Planeten zu teilen. Allenfalls sind wir bereit, gegen Wohlverhalten, gewisse Teile unseres Überflusses den Ärmsten der Armen zuzuteilen. Diese Position fällt umso leichter, als dass wir sie mit vielen gemein haben: Amis, Chinesen, Inder, ? Ist ja auch letztlich richtig: wenn die Klimaschützer recht haben, wird sich ein Gutteil der Erdbevölkerung selbst erledigen. Eine Überschwemmung hier, eine Dürre da, ein Bürgerkrieg aus Mangel dort. Wir müssen nur das nervige Gewinsel der Betroffenen aushalten, verrecken können die letztlich auch ganz alleine. Wenn einer abhauen will, werden wir uns zu schützen wissen, damit er nicht zu uns kommt. Also sollten wir den Mist mit Entwicklungshilfe, Klimaschutz, internationaler Zusammenarbeit usw. ganz sein lassen, kostet eh nur Geld. Das nehmen wir, um die Mauern rund um uns einfach etwas höher zu ziehen und besser zu bewachen. Schließlich macht Reichtum nur Spaß, wenn man ihn auch zeigen kann, nicht wahr, @vegefranz?
.
Uns reichen doch die Bilder in den Abendnachrichten, hin und wieder eine Hilfskampagne. Ablasshandel war mal richtig, warum sollte er heute falsch sein? Logisch, dass wir die Guten sind, weil wir uns Gutsein leisten können!
.
In diesem Sinne fühle ich mich auch von Frau Merkel und Herrn Röttgen in Kopenhagen hervorragend vertreten. Wenn Mutti mitmacht ist das Garant dafür, dass die geäußerten Ziele nicht erreicht werden. Das Prinzip Merkel ist nämlich seit jeher gewesen das Gegenteil dessen zu tun, was sie sagt. Ich entschuldige mich dafür, dass ich das mal für Dummheit und Inkompetenz gehalten haben, ist es aber nicht! Das ist Absicht, hat Methode und wirkt nachhaltig, reicht zur Wiederwahl und verpflichtet von daher schon zur Fortsetzung. Und das ist an diesem Wochenende mal wieder gelungen.
Amos (19.12.2009, 14:59 Uhr)
SirDidimus
Nur um das klarzustellen: ich habe nichts gegen Umweltschutz, sortiere auch meinen Abfall (obwohl es in Zukunft sogar wieder aufgehoben werden soll, den Müll zu sortieren, da Maschinen das besser können). Ich wende mich nur gegen die globale Panikmache vor einem bevorstehenden Weltuntergang, wenn es in Deutschland ein halbes Grad wärmer wird. Vielleicht fehlt der frühere Ost-West-Konflikt, der eiserne Vorhang oder ähnliches: da hatte die Menschheit noch ECHTE Probleme!
SirDidimus (19.12.2009, 14:46 Uhr)
Amos
naja. gegenfrage: wo wären wir heute, wenn man nicht den katalysator eingeführt hätte? früher schwammen viele fische mit dem bauch nach oben oder man konnte seinen wagen auf der straße waschen. man weiß auch, dass man sein altöl nicht einfach in den wald kippen darf. wiederverwertung gibt es fast überall. habe in einer pc-zeitung gelesen, dass es von samsung das handy s7550 gibt, welches aus wiederwerwertbaren plastikflaschen hergestellt wird und mit solar aufgeladen wird. vielleicht wird mit der klimakatastrophe ja auch viel müll erzählt, aber häuser isulieren, energie aus wind, kuhscheiße oder solar herstellen kann ja nicht so dumm sein, und ist auch ein ergebnis solcher diskusionsrunden. dennoch würde mich mal die ökobilanz des klimagipfels interessieren.
Amos (19.12.2009, 14:43 Uhr)
@Topsy50
Ganz meine Meinung!!! Sehr guter Kommentar!
Amos (19.12.2009, 14:27 Uhr)
CO 2 - Kohlendioxid
1. CO2 befindet sich in jeder Sprudelflasche. Wenn 6 Milliarden Menschen gleichzeitig eine Sprudelflasche öffnen: geht dann die Welt unter?
2. Jeder Mensch atmet permanent CO2 aus, je mehr Menschen, desto mehr CO2. Menschheit reduzieren?
3. Bei der Photosynthese aller Pflanzen ensteht aus CO2 Glukose und Sauerstoff. Wenn CO2 reduziert wird, sterben dann alle Pflanzen und wir haben keinen Sauerstoff mehr zum Atmen???
4. Baumsterben war großes Thema: heute nichts mehr davon!
5. Ozonloch war großes Thema: heute nichts mehr davon!
6. Bei mir habe ich heute 17,2 Grad Celsius minus. Eine Folge der Erderwärmung?
7.In Jahrmillionen gabe es Eiszeiten und Warmzeiten, meteorologisch belegbar, warum nicht jetzt auch eine Erderwärmung wie vor 500000 Jahren.
8. Schweinegrippe führt zu Panik in Deutschland, was ist passiert: nichts, außer leichten grippeähnlichen Symptomen!
Fazit: in 4 Jahren ist der ganze Spuk vorbei und unsere Klimakanzlerin wieder einfache Abgeordnete und von Klimaschutz spricht keiner mehr!!! Weil es Quatsch ist und sich alle in Deutschland in die Hose machen, sobald irgendwo ein Minirisiko auftaucht!
cybertanne (19.12.2009, 14:19 Uhr)
So groß ist Ihr CO2-Fußabdruck
tönt es bei stern.de. Toll! Und wenn ich bei der Bahnfahrt pupse? Warum wird das nicht berücksichtigt? Skandal!
chrgue (19.12.2009, 14:12 Uhr)
Es ging um die Zukunft der Erde
Wenn man diesen Eingangssatz zum Artikel liest, gewinnt man den Eindruck als seien alle Journalisten in Deutschland manipuliert. Heute morgen las ich in meiner Tageszeitung: "Die Welt vor dem Aus?" ja, Entschuldigung, seid ihr denn alle verrückt geworden?
Wissen
Wissenstests
Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Wie gut ist Ihr Allgemeinwissen? Kniffliges für Ihr Hirn: Quizzen Sie sich zum Allgemeinwissens-Champion! Mit diesen Fragen und Antworten sammeln Sie zudem genug Stoff für jeden Party-Smalltalk. Zu den Wissenstests
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity