Es findet in den Meerestiefen vor der Küste eines anderen Kontinents statt, tausende Kilometer von Deutschland entfernt. Und doch ist das Drama im Golf von Mexiko auch unser Drama. Aus vielen Gründen. Von Nina Bublitz, Sönke Wiese und Lea Wolz

Die Wut auf BP wird immer größer: In Washington demonstrieren diese Menschen gegen den Konzern© Alex Wong/Getty Images/AFP
Fast 90 Millionen Liter sind seit der Explosion der BP-Plattform Deepwater Horizon in den Golf von Mexiko gelangt. An Land wird die Katastrophe langsam sichtbar, tote Tiere und verklebte Landstriche bieten ein trauriges Bild. Auch wenn sich das Umweltdesaster tausende Kilometer von Deutschland entfernt abspielt, geht es uns alle an.
Auch wenn wir es im Alltag nicht immer wahrhaben wollen: Es handelt sich um eine der schlimmsten von Menschen verursachten Umweltkatastrophen. Sie wirft die Frage auf, ob wir alles machen sollten, was technologisch möglich ist. "Aus immer tieferen Tiefen Öl zu fördern, ist ein gefährliches Geschäft", sagt Meeresexperte Christian Bussau von der Umweltorganisation Greenpeace. Das Unglück im Golf von Mexiko mache deutlich, "dass wir die Bohrungen in der Tiefsee nicht im Griff haben". Bussau fordert daher: "Raus aus der Tiefsee." Auch neue Genehmigungen zur Förderung von Öl und Gas in den Tiefen des Meeres sollten nicht mehr erteilt werden.
Matthias Reich, Experte für Bohrtechnik an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg, ist anderer Meinung. Er selbst hat 16 Jahre bei einer US-Firma gearbeitet, die Bohrtechnik für Ölplattformen liefert und jetzt für die Entlastungsbohrungen an der versunkenen Plattform Deepwater Horizon zuständig ist. "Es gibt keine hundertprozentig sichere Technologie", sagt er. "Wenn wir ohne Risiken auskommen wollen, müsste jeder einzelne seinen Energiebedarf zurückschrauben." Solange die Menschheit nach den Rohstoffen verlange, werde es Firmen geben, die die Gier nach Öl befriedigen, ist Reich sich sicher. Dabei steigen beim Wettrennen der Ölkonzerne um die immer tiefer verborgenen Schätze auch die Gefahren.
1995 waren im Golf von Mexiko 800 Meter Wassertiefe noch Rekord. Die 2001 fertig gestellte Deepwater Horizon reichte schon 1500 Meter bis zum Meeresgrund. Bis zu 2500 Meter wären laut Betreiber Transocean möglich.
"In diesen Tiefen hat man es mit ganz anderen Kräften zu tun, wir greifen in diese ein, ohne sie zu beherrschen", kritisiert Greenpeace-Experte Bussau. "Man arbeitet in diesen Tiefen am Limit - auch am technischen", sagt Reich. "In der Lagerstätte herrschen extreme Zustände. Die Technik, die hier zum Einsatz kommt, ist ähnlich anspruchsvoll wie die Weltraumtechnik." Und sie muss ähnlich viel aushalten: an Hitze und Kälte, an Druck, an Vibrationen. "Die Ingenieure betreten hier ständig Neuland." Auch bei dem Versuch, die Katastrophe im Golf von Mexiko zu beenden - nachdem alle Sicherungsmaßnahmen sie nicht verhindern konnten.
Auch wenn BP mit der Absaugglocke nun einen Teilerfolg vermelden kann: Die Liste der gescheiterten Operationen ist lang. "Alle Versuche am Meeresboden sind im Prinzip nur Kosmetik. Auch mit der Glocke wird bestenfalls nur ein Teil des Öls abgefangen", sagt Reich. Um die Ölquelle zu stopfen, muss man tiefer ansetzen - kurz oberhalb der Lagerstätte. Alle Hoffnung ruht daher nun auf Entlastungsbohrungen. Dabei soll der bereits bei "Top Kill" eingesetzte Spezialschlamm drei bis vier Kilometer unterhalb der Meeresbodens in das alte Rohr eingefüllt werden und so den Ölfluss zurück in die Lagerstätte drängen. Die Bohrköpfe müssen dafür die alte Leitung, die einen Durchmesser von 20 Zentimetern hat, präzise treffen.
"Entlastungsbohrungen sind eine erprobte Methode, die seit Jahrzehnten eingesetzt wird, wenn nichts mehr anderes funktioniert", sagt Reich. "Ich bin zuversichtlich, dass es klappt." Doch die Bohrungen dauern. Frühestens im August sollen sie fertig sein.
Bis dahin fließen weiter täglich schlimmstenfalls bis zu vier Millionen Liter Öl in den Golf von Mexiko. Insgesamt haben sich seit der Explosion der BP-Plattform am 20. April Schätzungen zufolge bereits fast 90 Millionen Liter (76.000 Tonnen) Öl in den Golf von Mexiko ergossen.
Ölkatastrophe im Golf von Mexiko - ganz weit weg oder zu nah dran? Diskutieren Sie mit uns auf Facebook.