Sie leiden bei einer Trennung, fühlen sich verstoßen oder wollen einfach mal protestieren: Auch Tiere nehmen mitunter ungewöhnliche Verhaltensweisen an. Dann sind Therapeuten gefragt. Die schulen auch das Herrchen, denn der ist meist Schuld an der Misere. Von Sylvie-Sophie Schindler

Auch Hunde können trauern, etwa wenn das Herrchen stirbt. Therapeuten sollen dann helfen© Picture-Alliance/DPA
Sie weinte sich die Augen aus: Nach dreieinhalb gemeinsamen Jahren hatte Thorsten sie verlassen und Anja Kurz fühlte sich, wie sie erzählt, "als wäre innerlich alles in mir abgeblüht." Eine Veränderung, die wohl auch Hauskatze Cadisha nicht gefiel. Sonst ein sanftes Schmusewesen, lief sie plötzlich fauchend und knurrend durch die Wohnung. Um Thorstens ehemaliges Arbeitszimmer machte sie einen großen Bogen, und wenn Anja sie streicheln wollte, entwischte Cadisha ihr blitzschnell. Inzwischen sind acht Monate vergangen, Berlin ist eine große Stadt und Anja frisch verliebt. Auch Cadisha fühlt sich wieder rundherum wohl. Dank einer Therapie durch einen Facharzt für Tiermedizin ist das weiß-schwarze Kätzchen wieder, wie Anja sagt, "das alte Kuschelknäuel".
Dass deutsche Haustierbesitzer ihre Tiere zum Therapeuten bringen, ist längst keine Seltenheit mehr. Das geliebte Fellwesen muss sich natürlich nicht gleich auf die Couch legen. Was Haustierbesitzer oft suchen ist einfach ein Rat, weil sie alleine nicht mehr weiter wissen. "Die häufigsten Anfragen kommen wegen aggressiven oder ängstlichen Verhaltens des Haustieres", sagt Michaela Schneider, Fachtierärztin für Verhaltenskunde am Münchner Institut für Tierschutz, Verhaltenskunde und Tierhygiene. Doch nicht immer müssen sofort die Alarmglocken schrillen. "Die meisten als 'psychische Störungen' eingestuften Verhaltensweisen von unseren Haustieren sind keine Störungen, sondern Normalverhalten, welches aber vom Besitzer unerwünscht ist", sagt Michaela Schneider.
Es sei eine der wichtigsten Aufgaben von Therapeuten, unerwünschtes Verhalten von "gestörtem" Verhalten zu unterscheiden und dem Besitzer das zu erklären. Wer sich beispielsweise einen sehr bewegungsfreudigen Hund zulege, etwa einen Golden Retriever, ihn aber nicht ausreichend beschäftige, der dürfe sich nicht wundern, wenn sich das Tier selbst eine Beschäftigung suche: "Den Charakter des Tieres muss man einfach kennen."
Nur bei jedem fünften bis zehnten Hund, der verhaltensauffällig ist, hat das organische Ursachen. "Fehlverhalten der Tiere werden meistens durch den Menschen verursacht", sagt Michaela Schneider. Denn Tiere gucken sich Verhaltensweisen von ihrem Herrchen ab. Zudem holen sich viele Menschen unüberlegt einen Hund aus dem Tierheim und bringen ihn kurzerhand zurück, wenn es ihnen zu viel wird: "So etwas bleibt nicht ohne Spuren." Ein großes Problem seien auch die zunehmenden Ost-Importe von Tieren, bei denen Welpen zu früh von der Mutter getrennt und dadurch in ihrer Entwicklung gestört würden - oder Hunde die in den ersten Monaten im Zwinger gehalten worden sind. "Mit normalen Umweltreizen wie Autolärm, Telefonklingeln oder Staubsaugergeräuschen sind solche Tiere völlig überfordert", sagt die Münchner Tierärztin. In den ersten Lebensmonaten werden die Weichen gestellt: "Schwierige" Hunde etwa seien nicht selten durch falsche Hände gegangen und unter einer schwachen Führung aufgewachsen, so Schneider.