Mit dem Paradoxon einer zugleich toten und lebenden Katze verdeutlichte der Physiker Erwin Schrödinger die Verrücktheit der Quantenmechanik. Die bestens überprüfte Theorie könnte vielleicht sogar das menschliche Bewusstsein erklären. Von Wolfgang Richter

Tot und lebendig zugleich - Erwin Schrödinger konstruierte das berühmte Katzen-Paradoxon, das die Merkwürdigkeiten der Quantenmechanik verdeutlichte© Joerg Koch/DDP
"Immer wenn ich von Schrödingers Katze höre, greife ich nach meinem Revolver", sagt der britische Physiker Stephen Hawking. Doch die wohl berühmteste Katze der Welt wird immer fetter.
Auch wenn Stephen Hawking es nicht ganz ernst meinte: Viele Physiker lassen sich auch heute noch nur ungern auf das Gedankenexperiment ein, das der Österreicher Erwin Schrödinger 1935 ersann, um seine Kollegen auf die Merkwürdigkeiten der Quantenmechanik hinzuweisen. Seiner Meinung nach hatten sie sich zu sehr mit dem Formalismus der Theorie arrangiert, ohne sich um die haarsträubenden Konsequenzen zu kümmern. Dabei hatte Schrödinger selber die Quantenphysik mitbegründet - und die nach ihm benannte berühmte Wellengleichung entwickelt.
Die Quanten-Katze ist tot und lebendig zugleich
Was Schrödinger störte: Die Quantenmechanik kann das Verhalten von Atomen, Elektronen oder Lichtteilchen nur dadurch erklären, dass sie annimmt, diese Teilchen seien vor einer Messung nicht in einem einzigen Zustand, sondern befänden sich in allen möglichen Zuständen gleichzeitig. Erst die Beobachtung ihrer Eigenschaften, also eine Messung, würde die Teilchen dazu bringen, diesen Überlagerungszustand zu verlassen und sich spontan für irgendeinen der möglichen Zustände zu entscheiden.

Erwin Schrödinger (1887-1961), war Mitbegründer der Wellenmechanik und bekam 1933 den Nobelpreis für Physik© Picture-Alliance
Konnte so etwas Verrücktes wahr sein? Schrödinger wählte sich als Gegenbeispiel ein radioaktives Atom, das innerhalb einer bestimmten Zeitspanne mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt. Ist das Atom unbeobachtet, wäre es laut Quantenmechanik gleichzeitig sowohl noch intakt wie auch schon zerfallen - also in einer Überlagerung beider Zustände. Schrödinger fragte seine Kollegen, was passieren würde, wenn man das Atom an ein Objekt aus der Alltagswelt - etwa eine Katze - koppelt. So könnte man das Atom in einen Geigerzähler stecken, der bei Registrierung des Zerfalls einen Hammer auslöst, der wiederum eine Gift-Flasche zerschlägt und so die Katze tötet. Schrödingers Gedanke: Packt man die Katze zusammen mit dieser Höllenmaschine in eine Kiste und macht den Deckel zu, dann müsste sich nicht nur das Atom in einer Überlagerung der Zustände "zerfallen" und "nicht zerfallen" befinden, sondern auch die Katze sowohl "tot" wie auch "lebendig" sein! Tote und gleichzeitig lebendige Katzen wurden aber bisher in freier Wildbahn nicht beobachtet.
Die Quantenmechanik ist zwar verrückt, aber die am besten überprüfte Theorie der Wissenschaft
Schrödingers Kollegen hatten für dieses paradoxe Beispiel auch keine richtig befriedigende Lösung oder nahmen es sogar ernst und wörtlich. Die Quantenmechanik war offenbar eine ziemlich verrückte Sache. Trotzdem konnten die Forscher wunderbar mit ihr arbeiten und so viele Phänomene der Physik erklären - heute gilt sie als die am besten überprüfte Theorie in der gesamten Wissenschaft. Und in jüngsten Experimenten zeigen nicht nur einzelne Atome, sondern auch weitaus größere Objekte quantenmechanische Eigenschaften. Schrödingers Katze wird also immer fetter...