Invasion der Borkenkäfer

29. Juni 2011, 10:09 Uhr

Experten warnen vor einer Borkenkäfer-Plage: Fichten sind ideale Bruträume für die Schädlinge. Nach dem trockenen Frühjahr sind die Bäume aber geschwächt und können sich kaum gegen die Käfer zur Wehr setzen.

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So klein und doch so schädlich: Borkenkäfer setzen deutschen Fichten massiv zu©

Ein, zwei gezielte Hiebe mit seinem Beil und schon hat Revierförster Wolfgang Ladwig ein großes Rindenstück einer umgestürzten Fichte abgeschält. Darunter wimmelt es emsig: Kleine hellbraune Käfer sind ebenso sichtbar wie weiße Larven. Für Ladwig und seine Kollegen ein schlechtes Zeichen, denn was da krabbelt, sind frisch geschlüpfte Borkenkäfer. Bald werden sie ausfliegen, sich unter die Rinde benachbarter Bäume bohren und dort ihre Eier ablegen. Die Bäume sterben dann in der Regel ab. Nach dem Schneebruch im Winter und dem trockenen Frühjahr befürchten Experten eine immense Borkenkäfer-Plage in Deutschlands Fichtenwäldern.

"Wir sind jetzt in einer Phase, in der sich alles entscheidet", sagt Ladwig, der rund 2000 Hektar Wald um Ziegenrück in Ostthüringen betreut. "Momentan gibt es noch keine Katastrophenbilder, aber wenn es in den kommenden Wochen heiß und trocken bleibt, sieht es schlecht aus." Er zeigt auf eine Fichte: Noch ist ihre Krone zwar grün, doch am Stamm sind große, hellbraune Flecken sichtbar, an denen die Rinde fehlt. "Dort ist der Käfer schon ausgeflogen", sagt Ladwig.

In vielen Regionen droht eine Plage

Behält die alte Bauernregel vom Siebenschläfer recht, werden die kommenden Wochen heiß und trocken. Dann wird es in vielen Regionen "eine ganz kritische Situation" geben, erläutert Waldschutz-Experte Alfred Wulf vom Julius-Kühn-Institut in Braunschweig. Besonders in Bundesländern mit sehr hohem Fichtenanteil wie Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen sowie Thüringen und Sachsen drohe eine Plage. Das Thüringer Forstministerium hat schon jüngst auf Basis des landesweiten Überwachungssystems mit Lockstofffallen vor der Gefahr einer Massenvermehrung gewarnt. Von Januar bis Mai sei 16 Prozent mehr Käferschadholz angefallen als im Vorjahreszeitraum. Auch in Bayern wird in etlichen Regionen vor hohem Borkenkäfer-Aufkommen gewarnt, besonders schlimm ist es um Ansbach und nahe Regensburg.

"Die Buchdrucker und Kupferstecher sind relativ gut durch den Winter gekommen", sagt Wulf. In diesen Tagen schwärmt nun die erste Nachwuchsgeneration aus und befällt neue Bäume. Normalerweise können sie die Eindringlinge ausharzen, doch die Trockenheit im Frühjahr hat ihre Abwehrkräfte geschwächt. Die Käfer legen ihre Eier unter der Rinde ab, wo sich dann die Larven durch das Bastgewebe des Baumes fressen und dessen Wasser- und Nährstoffbahnen zerstören. Wulf schätzt, dass dieses Jahr zwei bis drei Käfergenerationen schlüpfen. Ein Weibchen könne so schon mal rund 80.000 Nachkommen haben.

Das Käfer-Holz muss so rasch wie möglich aus dem Wald, um die verhängnisvolle Kette zu durchbrechen. Dabei kommt den Waldbesitzern der momentan hohe Holzpreis zugute, so dass sie trotz der Abschläge noch Gewinn machen können. Eine Möglichkeit sei auch, die Stämme zu entrinden, erklärt Förster Ladwig. Dadurch werde die Käferbrut ausgetrocknet. Insektizide sollten nach Expertenmeinung nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden - etwa in Fangholzhaufen, in die die Käfer mithilfe von Pheromonen gelockt werden.

Waldbesitzer reagieren oft spät

Im Kampf gegen den Borkenkäfer macht den Förstern in Ostthüringen zu schaffen, dass der Waldbesitz stark zersplittert ist. Etliche Besitzer wohnen auswärts und hätten kaum Bezug zu ihrem Wald, erklärt der Leiter des Forstamtes Schleiz, Herbert Seyfarth, dem auch Ladwigs Revier untersteht. "Bis sie informiert sind und reagieren, verstreicht oft wertvolle Zeit." Die zum Forstamt gehörenden 29.300 Hektar Wald seien fast ausschließlich in privater Hand, meist in Größen von drei bis sechs Hektar. Nur wenn die Gefahr akut sei, dürften die Förster auf eigene Faust einschreiten, betont Seyfarth.

Damit sich Borkenkäfer in Zukunft nicht mehr so massenhaft im Wald vermehren, setzt Seyfarth mit seinen Kollegen auf einen stärkeren Mix an Bäumen. In seinem Forstamt soll in den nächsten zwei Jahrzehnten der Anteil der Fichte von heute 90 Prozent auf 70 Prozent sinken. Stattdessen sollen verstärkt Douglasie, Weißtanne und Laubbäume wachsen, die Trockenheiten besser verkraften. Eine Strategie, die auch nach Einschätzung von Waldschutz-Experte Wulf Erfolg verspricht.

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