
Die Meere leiden sehr unter Überfischung. Eine neue Politik muss her© Dorothée Junkers/DPA
Ob Kutter oder Fabrik-Trawler: Für die dänische Fischereiministerin Eva Kjer Hansen ist die Schnüffel-Technik an Bord die Zukunft einer überlebensfähigen Fischerei. Am 8. Oktober will sie ihre europäischen Amtskollegen davon überzeugen, die Methode auf freiwilliger Basis europaweit zuzulassen. Doch wie immer, wenn es um die erlaubten Fangmengen ("Quoten") geht, ist Streit programmiert. Und die Quoten sind ein wichtiger Teil des dänischen Plans. Denn ohne eine Aufstockung seiner Fanglizenz würde kein Fischer freiwillig mitmachen. Und ohne das Prinzip der Freiwilligkeit wiederum wäre das ganze Projekt eine Totgeburt, die Zustimmung stolzer Fischereinationen wie Spanien oder Frankreich undenkbar.
Gegen 6 Uhr werfen die Matrosen Svaneborg und Nielsen den Anker. Mit pinkfarbenen Bojen markieren sie die Stelle, und das Schiff nimmt wieder Fahrt auf. Eine halbe Stunde lang läuft die erste der beiden gut zwei Meilen langen Leinen von einer riesigen Rolle, dann - die Bojen sind längst außer Sichtweise - folgt das grüne Netz. Am Ende ihrer Runde ist die "Fru Middleboe" wieder am Anker angelangt und zieht das Netz ein. Mit ihrer Bewegung scheuchen die schweren Leinen die Plattfische in ihre Mitte, wo sie vom Netz eingesammelt werden. Der Vorteil: Die traditionell-dänische Ankerwade pflügt weniger den Meeresboden um als andere Techniken, auch spart sie Energie.
Um neun Uhr windet sich das Netz am Heck, platscht der zappelnde Fang in die Luke; neben Schollen auch Krebse, Seesterne, Quallen und einige andere Fischarten - der sogenannte Beifang. Eine knappe Stunde braucht die Crew, um am Fließband die Tiere zu sortieren. Nur ab einer Mindestgröße von 27 Zentimeter dürften die Schollen angelandet werden, erklärt Nielsen, während er flink mit einem Messer die Fische ausnimmt und je nach Größe in Kisten wirft. Ruckelnd bewegt sich das Fließband - zu langsam für die zu kleinen Schollen, die am Anfang der Prozedur noch nach Luft schnappen, am Ende des Bandes aber tot durch eine Luke zurück ins Meer rutschen.
Eine solche Mindestgröße ist sogar in den Augen von Umweltschützern notwendig. So sollen die Fischer dazu gebracht werden, mit Mindestmaschengrößen oder gezieltem Vermeiden gewisser Gebiete Jungfische zu verschonen. Denn die Tiere sollen sich wenigstens einmal fortgepflanzt haben, bevor sie gefangen werden - nur sieben Prozent des Kabeljau beispielsweise gelingt dies.
Ansonsten aber treiben die mehreren tausend EU-Regeln die Betroffenen in den Wahnsinn: Vorgeschrieben werden je nach Fischart, Fanggebiet oder Schiffsgröße die erlaubten Fangmengen, aber auch die erlaubten Tage auf See, Maschengrößen, die Geräte zur Messung derselben, Garndicke, und so weiter.
Wer dahinter weltfremde Regelungswut von Brüsseler Eurokraten vermutet, irrt. Die Europäische Kommission, zuständig für die Einhaltung der EU-Gesetze, stöhnt über Zwangs-"Mikromanagement" und hat mit ihrem Grünbuch im April den Reformprozess eingeleitet. Scharf greift Fischereikommissar Joe Borg EU-Staaten und Industrie an: Eine von den Regierungen in Paris, Rom oder Madrid finanzierte, unrentable, immer höher gerüstete Flotte mache Jagd auf schrumpfende Fischbestände. Mit diesem "Teufelskreis" müsse endlich Schluss sein, um eine "ökonomische und ökologische Katastrophe" zu vermeiden.
Dass es auch künftig EU-Regeln und -Quoten geben muss, ist klar: Fische kennen keine Landesgrenzen, deshalb werden die Bestände auf EU-Ebene verwaltet. Doch die EU-Fischereipolitik hat nach Ansicht der Betroffenen versagt: Gegen Ende eines jeden Jahres liefern sich die europäischen Fischereiminister in nächtlichen Sitzungen Schlachten um die Quoten für das nächste Jahr. Grundlage dafür sind die Empfehlungen des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) - an die sich nur niemand hält. Die Spanier kämpfen für ihre Sardellenquoten, für die Franzosen ist es der Thun, für die Polen der Dorsch.
Und weil die Fangrechte vergeben werden für angelandete Fische und nicht den gesamten Fang, wirft der Fischer zu kleine oder solche, für die er keine Quote hat, wieder ins Wasser. EU-weit ist es die Hälfte des Fangs, der zum größten Teil tot wieder über Bord geht.
Während für Borg die Überkapazität das Grundübel ist, stellen die Dänen bei ihren Reformvorschlägen das Regelwerk auf die Füße und den einzelnen Fischer in den Mittelpunkt. Er soll künftig alles über der Mindestgröße anlanden, was er fängt, und dafür auch die Erlaubnis, sprich Quoten bereit halten. Da mit wirtschaftlichen Einbußen zu rechnen ist - etwa weil er mehr Schiffsraum braucht auch für unrentablere Fische - erhält der Fischer eine Prämie in Form einer Extra-Quote. Sie soll in etwa der Menge entsprechen, die sonst als Rückwürfe wieder im Meer gelandet wäre.