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16. Juli 2008, 14:18 Uhr

Das Stasi-Puzzle

In 16.000 Säcken lagern die Schnipsel zerrissener Akten der DDR-Staatssicherheit. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört: Forscher eines Berliner Fraunhofer-Instituts rekonstruieren die Dokumente - mithilfe blitzschneller Scanner und viel Computerpower. Von Carsten Görig

Wenn alle Streifen so gerade wären, wär's ein Kinderspiel: Im Fraunhofer Institut werden aber auch unterschiedlich geformte Schnipsel wieder zu einem lesbaren Papier zusammengesetzt© Goetz Schleser

Papierschnipsel. Zerrissen, zerrupft, geschreddert. Papierschnipsel in verschiedenen Größen, in unterschiedlichen Farben, aus Karton, aus Durchschlagpapier, maschinenbeschrieben oder mit der Hand. Die Schnipsel füllen Säcke, viele Säcke: 16.000 Stück, eine ganze Lagerhalle voll. Auf den ersten Blick sind es nur Papierschnipsel, doch sie enthalten brisante deutsche Geschichte. Bis zum Herbst 1989 waren die Papierschnipsel Stasi-Akten. In unzähligen Ordnern standen sie im Hauptquartier des Staatssicherheitsdienstes der DDR an der Berliner Normannenstraße, ebenso in den Bezirksverwaltungen in Magdeburg, Leipzig oder Halle. Dann wurden sie vernichtet, kurz vor dem Untergang der DDR. Vernichtet, um Beweise aus der Welt zu schaffen, um begangenes Unrecht zu vertuschen.

Bertram Nickolay will die Vernichtung rückgängig machen - mithilfe von Computertechnik. Vor elf Jahren sah er im Fernsehen einen Bericht darüber, wie im bayerischen Zirndorf die Stasi-Schnipsel per Hand sortiert werden, damit daraus wieder ganze Seiten entstehen. Stück für Stück, ein riesiges Puzzle. Gerade mal 300 Säcke wurden bisher sortiert, 900.000 Seiten in zwölf Jahren. Ginge es in diesem Tempo weiter, wären die letzten Seiten in 640 Jahren zusammengesetzt. "Das wäre doch eine Herausforderung für meine Abteilung", dachte Nickolay.

Aufklärung für sechs Millionen Euro

Der 55-Jährige leitet die Abteilung für Sicherheitstechnik am Berliner Fraunhofer-Institut IPK. Sie beschäftigt sich mit maschinellem Sehen und entwickelt Computerprogramme, die Bilder auf bestimmte Merkmale untersuchen. Die Programme erkennen gefälschte Handschriften oder Gesichter in Menschenmengen. Jetzt sollen sie das Stasi-Puzzle lösen. Zunächst in einem Pilotprojekt, das zwei Jahre dauert und rund sechs Millionen Euro kostet.

"Für mich ist das nicht nur ein technisch interessantes Thema, sondern auch sehr privat", sagt Nickolay. Er kämpft dafür, die Akten wiederherzustellen. Deshalb ist er gekommen, trotz schlafloser Nacht, trotz Grippe. Nickolay möchte seinen Apparat vorführen, möchte über seine Arbeit sprechen.

Betram Nickolay, Projektleiter am Berliner Fraunhofer-Institut IPK: "Für mich ist das nicht nur ein technisch interessantes Thema"© Goetz Schleser

"Heute kann ich offener darüber reden, wie wichtig mir das Projekt ist", sagt er. Früher hat er lieber geschwiegen, er wollte die Bewerbung seines Instituts für die Ausschreibung nicht gefährden, nicht befangen erscheinen. Aber er hat viele Bekannte unter den einstigen Dissidenten, den Bürgerrechtlern der DDR. "Einer meiner engsten Freunde war der Schriftsteller Jürgen Fuchs." Fuchs starb 1999 an Leukämie, verursacht, glaubt Nickolay, durch fortgesetzte radioaktive Bestrahlung durch die Stasi während der Haft im MfS-Gefängnis. Auch in seinem Gedenken, so ahnt man, arbeitet Nickolay an dem Projekt. Und für all die Stasi-Opfer, die wissen wollen, was der Staat über sie gesammelt hatte. Banales ebenso wie Brisantes. Wann jemand aufgestanden oder zu Bett gegangen ist, wann er andere verraten oder bespitzelt hat.

16.000 Säcke vernichteter Akten

Die zerrissenen Akten stammen vor allem aus den letzten 20 Jahren der DDR und sind besonders spannend, heißt es beim BStU, dem Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Wer sich so viel Mühe bei der Vernichtung gibt, muss etwas zu verbergen haben. "Zuerst wurden die Papiere geschreddert", erklärt Nickolay die Herkunft der Schnipsel. "Doch die Aktenvernichter hielten der Belastung in den letzten Tagen der DDR nicht stand, die Geräte sind richtig verglüht. Dann hat man versucht, die Akten zu ertränken, aber eine Stasi-Zentrale hat nicht so viele Badewannen. Schließlich wurden die Akten zerrissen." Per Hand, 16.000 Säcke voll, während draußen das Volk die Stasi-Verwaltungen belagerte. Es muss tagelang gedauert haben. Blatt für Blatt landete in Fetzen in braunen Papiersäcken.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 29/2008

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