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13. Juni 2008, 17:02 Uhr
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Freie Sicht in den Tunnel

In Nürnberg wird Deutschlands erste vollautomatische U-Bahn in Betrieb genommen, die von einem Computer anstelle eines Fahrers gesteuert wird. Für die Fahrgäste soll das neue System nur Vorteile bringen - wenn sie sich in die Wagen trauen. Von Carsten Görig

Kein Fahrer sitzt hinter der Glasscheibe der automatischen Nürnberger U-Bahn© Frank Boxler

Ich habe keine Angst, weil kein Zugführer mehr mitfährt", sagt Lydia Weiner. Die Rentnerin ist extra in einen Zug der Nürnberger Linie U3 gestiegen, um dort das neue Fahrgefühl zu testen. Jetzt steht sie direkt an der Frontscheibe. Dort, wo sonst die Fahrerkabine ist. Hier ist aber keine. Weiner: "Die Aussicht gefällt mir gut." Ab Sonntag kommt die gute Aussicht planmäßig. Dann startet Deutschlands erste fahrerlose U-Bahn-Linie ihren regulären Betrieb.

Gesteuert werden die zehn Züge der U3 von einem Computer in der Leitstelle. Der weiß nicht nur, wo sich jeder Zug gerade befindet, sondern auch auf die Minute genau, wann er einen Zug anfahren lassen muss und einen anderen zu bremsen hat. Obwohl die Zeiten genau getaktet sind, ist es dennoch notwendig, den Rechner täglich neu mit dem Fahrplan zu füttern - um eventuelle Sonderzüge ohne große Verzögerung für alle in den Fahrplan zu quetschen.

Bisher fuhren die Züge noch im Probebetrieb. Am Wochenende mit Publikum, in der Woche als Geisterzüge, beaufsichtigt von Mitarbeitern des Kundenservice. Anatolij Maisner ist einer von ihnen. "Am Anfang musste ich noch öfter eingreifen und Tests machen. Inzwischen funktioniert alles zu gut", sagt er während einer Fahrt in der U3. Im Notfall soll er den Zug per Hand steuern, sofern beim Probelauf Pannen passieren. Maisner und weitere Kollegen werden weiter an Bord sein, wenn der normale Betrieb startet. Auch aus psychologischen Gründen. "In den ersten Monaten werden wir immer Mitarbeiter in den Zügen haben", sagt Andreas May, "sie sollen Fragen der Passagiere beantworten." May ist Projektleiter für die Automatisierung der U-Bahn in Nürnberg.

Ohne Fahrer mehr Züge

300.000 Menschen transportiert die Nürnberger U-Bahn insgesamt jeden Tag. In Stoßzeiten fahren alle 3,5 Minuten Bahnen durch den Tunnel in der Innenstadt, die sogenannte Stammstrecke, die sich mehrere Linien teilen. Alle 3,5 Minuten, das klingt nach kurzen Abständen. Wünschenswert wäre eine noch engere Taktung, denn die Fahrgastzahlen steigen. "Öfter", sagt May, "geht aber nicht, solange Fahrer vorne sitzen." Die Sicherheitsvorschriften sprechen dagegen. Ohne Fahrer dagegen kann es schneller gehen. Am unsichtbaren Gängelband des Zugleitsystems sollen Abstände von 1,5 Minuten zwischen den Bahnen erreicht werden.

"Das Schwierigste an dem Projekt war der Ausbau der Stammstrecke für den automatisierten Betrieb", sagt May. Das neue Zugleitsystem musste während des laufenden Verkehrs eingebaut werden. Dieses System ist das Herzstück. Zwischen den Schienen sind Kabel verlegt, die sich alle 90 Meter kreuzen. Sie wirken wie eine Antenne: Über sie sendet die Zentrale Anweisungen an des elektronische Hirn im Zug. Der antwortet mit der Information, wo er sich gerade befindet und wie schnell er fährt. Auf diese Weise sollen sich die ferngesteuerten Bahnen bis auf 90 Meter nähern. Ohne die Überwachung muss mindestens die Strecke bis zum nächsten Bahnhof frei bleiben.

Kurz hinter dem Rathenauplatz biegt der fahrerlose Zug auf eine Neubaustrecke ab. "Hier wird mit der Automatisierung begonnen", sagt May. Zwei weitere Linien sollen folgen. Obendrein müssen die generell überalterten U-Bahn-Züge der Frankenmetropole nach und nach ersetzt werden. Denn viele stammen aus den frühen 70er-Jahren. Ein normaler Zug kostet 3,7 Millionen Euro, 200.000 Euro zusätzlich die Automatisierung.

Der Aufschlag rechnet sich, sagt Andreas May. Allerdings auf Kosten von Personal. Zwar wird niemand entlassen wegen der Computerzüge, aber ohne sie "müssten wir 95 neue Mitarbeiter in verschiedenen Bereichen einstellen", sagt May. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit klingt der Verzicht auf neue Arbeitsplätze zwar etwas zynisch, doch das Fehlen des Fahrers hat angesichts der steigenden Fahrgastzahlen auch Vorteile. Zum Beispiel ist es bislang so, dass der Fahrer an der Endhaltestelle immer durch den Zug gehen und nach dem Rechten schauen musste. Weil das beim neuen Zug wegfällt, werden acht Minuten pro Strecke gespart. Zeit, in der zwei weitere dieser Züge bereits fahren könnten.

Einblick in die Wagen

Und was ist, wenn es Randale gibt? "Wir können viel besser eingreifen als vorher, wenn etwas passiert", sagt Projektleiter May. Die Notrufanlagen im Zug sind direkt mit der Leitstelle verbunden. Von dort können sich die Mitarbeiter direkt per Kamera in den Wagen schalten, um die Lage zu überprüfen und Hilfe zu holen. Vorher musste der Fahrer entscheiden, was in solchen Fällen zu tun ist. Das Problem war allerdings oft, dass er in seinem Führerhäuschen gar nicht genau wissen konnte, was hinten im Wagen passiert.

Und wenn jemand von der Bahnsteinkannte auf das Gleis fällt? May: "Wir überwachen das gesamte Gleis und die Tunnelzugänge mit Sensoren." Diese unterscheiden sogar zwischen Müll und Menschen, indem sie nicht nur auf die Größe reagieren, sondern auch auf elektrischen Widerstand. Entdecken die Kontrolleure etwas Verdächtiges, wird der Betrieb sofort gestoppt.

Selbst wenn das alles wie geplant funktionieren sollte, mindestens zu Anfang werden viele Passagiere ein Unbehagen darüber verspüren, ferngesteuert zu werden. Das weiß auch Andreas May. "Natürlich sind noch nicht alle von der neuen U-Bahn überzeugt." Doch, und da winkt er ab, das sei das Gleiche, wie vor zwanzig Jahren, als auf einmal Frauen Busse und Bahnen lenkten: "Manche sind erstmal nicht eingestiegen, aber irgendwann hatten sich alle dran gewöhnt."

Von Carsten Görig
KOMMENTARE (10 von 13)
 
chatahootchee (16.06.2008, 12:54 Uhr)
TYPISCH DEUTSCH
diese Duseldiskussion mit Risiko, Toten, usw.
Geht mal nach Zuerich-Flugplatz, Atlanta-Airport, Miami, Tokyo, usw. usw. Dort geht's doch auch.
Filapensill (16.06.2008, 01:50 Uhr)
Medienhype
erste vollautomatische U-Bahn? Eine U-Bahn ohne Fahrer? Gibt es in Berlin seit vielen Jahren auf der gelben Strecke. Aber ebenso in Japan und Paris etc.. Was ist das für ein unrecherchierte Sommerlochnachricht? Der Spiegel hats auch gleich abgeschrieben.
Motte07 (15.06.2008, 19:18 Uhr)
@elliottsmith
Habe ich irgendwas von 100% gesagt? Bitte richtig zitieren.
-
Zitat: "Das macht die, die in den neuen Branchen einen Job finden reicher und viele Menschen Arbeitslos." Klingt ja dramatisch. Aber was kann der Einzelne dagegen tun? Ganz einfach: Durch Fleiß und Eigenverantwortung dafür sorgen, dass er zu den Erstgenannten gehört...
Pamela_1971 (15.06.2008, 17:39 Uhr)
Menschliche Arbeit wird zunehmend überflüssig
An sich eine gute Entwicklung - mittel- und langfristig wird der Mensch als Arbeitskraft nicht mehr benötigt. Gut so! Denn je mehr Arbeit von Maschinen, Robotern, Automaten und Computern erledigt wird, umso mehr Freizeit hat der Mensch. Schon in wenigen Jahrzehnten wird es kaum noch Arbeit geben, die von Menschen erledigt wird... Es muss nur noch dafür gesorgt werden, dass das, was die Maschinen erwirtschaften, dann auch allen gleichermaßen zugute kommt.
elliottsmith (15.06.2008, 17:32 Uhr)
@Motte07
Klingt ja super, was du da schreibst, ist aber leider eine Milchmädchenrechnung. Mit dem Prozess geht nämlich nicht nur eine Verlagerung, sondern auch eine Minimierung von Arbeitsplätzen einher. Die gleiche Arbeit wird auf weniger Arbeitnehmer umverlagert, die aufgrund ihrer höheren Qualifikation mehr verdienen. Das macht die, die in den neuen Branchen einen Job finden reicher und viele Menschen Arbeitslos. Zudem halte ich deine Ansicht, dass diese automatischen Systeme zukünftig 100% in Deutschland produziert würden für recht naiv.:-) Ein Zugführer oder Kassierer in Deutschland hat aber bis jetzt immer 1000% zur Wirtschaft in Deutschland beigetragen, hier gelebt, Steuern gezahlt und konsumiert.
tricky_dude (15.06.2008, 09:56 Uhr)
Riskofaktor Mensch
@Alichino: Es war ein Mensch der beim Transrapid die Sicherheitstechnik DEAKTIVIERT und anschließend nicht aufgepasst hat.
Ich frage mich ob in den vollautomatischen Zügen nicht bald nachts der Bär los ist. Die Videokameras werden manipuliert und dann ist Party angesagt.
Übrigens: in München fahren die U-bahnen seit Betriebsbeginn 1971 vollautomatisch. Der Fahrer macht nur noch die Türen zu und gibt das Abfahrtssignal.
Motte07 (15.06.2008, 09:24 Uhr)
Arbeitsplätze
Arbeitsplätze werden dort geschaffen, wo diese Packstationen, automatischen Kassen etc. entworfen, gebaut und gewartet werden. In sowas sind wir Deutschen eh besser.
Das hat allerdings zur Folge, dass diese Arbeitsplätze immer komplizierter werden. Arbeitnehmer deren Intellekt nicht besonders weit reicht, werden es im Deutschland der Zukunft schwer haben. Die "einfachen" Jobs sterben aus...
elliottsmith (15.06.2008, 04:00 Uhr)
Ist das toll?
Automatisch fahrende U-Bahnzüge, automatische Kassen in Supermärkten, Packstationen der Deutschen Post, egal wie sicher oder funktionstüchtig solche Technologien sind, Arbeitsplätze werden damit ganz sicher nicht geschaffen. Was bleibt ist der fade Beigeschmack das die zunehmende Automatisierung nicht nur zu höherer Wirtschaftlichkeit führt, sondern auch das Einkommen und die Arbeitsmöglichkeiten der Bürger beschränkt und letztenendes die Reichen noch reicher macht und die Armen noch ärmer. Herrlich.
Alichino (15.06.2008, 02:21 Uhr)
schöne neue Technik
Hat bei der Magnetschwebebahn ja auch gut funktioniert. Da waren soagar Menschen als Aufpasser dabei und trotzdem hats geknallt wie nichts Gutes.
blog-kade (14.06.2008, 22:50 Uhr)
Ohne Menschen geht es auch
Mir fällt nicht ein Grund ein, weshalb ich in Nürnberg mit der U-Bahn fahren sollte.
Wir sollten uns aber schon im Klaren darüber sein, dass die Zukunft ohne Menschen stattfinden wird. Nicht nur in U-Bahnen. Der Planet Erde wird es uns danken.
LG
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