Sie erledigen Hüftoperationen, verschweißen Karosserien - und kümmern sich ums Staubsaugen. Während Japan und Südkorea längst daran arbeiten, Roboter in den Alltag zu integrieren, verursacht diese Vorstellung bei Europäern eher Unbehagen. Dahinter steckt eine Reihe von Gründen. Von Eva Schatz

Mit "Repliee Q2" will Erbauer Hiroshi Ishiguro dazu beitragen, dass Menschen ihre Scheu vor Robotern verlieren.© Osaka University and Kokoro Co., Ltd.
Südkorea hat es am eiligsten: Spätestens bis zum Jahr 2020 soll jeder Haushalt des Landes über einen eigenen Service-Roboter verfügen. Dieser Plan mag ehrgeizig erscheinen, doch die drittgrößte Wirtschaftsmacht Asiens hat es auch schon geschafft, als weltweit einziges Land 93 Prozent aller Haushalte mit Breitband-Internet zu versorgen. Auch Japan sieht in Robotern die Zukunft: Das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI) plant, bis zum Jahr 2025 Service-Roboter schrittweise in die Gesellschaft zu integrieren.
Und so könnte das Leben einer asiatischen Bilderbuchfamilie in einigen Jahren aussehen: Während die Eltern sich von ihrem autonomen Auto zum Arbeitsplatz bringen lassen, erledigt der Haushaltsroboter sämtliche Aufräum- und Putzarbeiten. Sobald die Kinder von der Schule nach Hause kommen, wartet in der vollautomatischen Küche schon das Essen. Danach steht Vokabellernen mit dem Bildungsroboter auf der Tagesordnung, und hinterher darf mit dem autonomen Roboter-Teddy gespielt werden. Praktischer Nebeneffekt: Lieblingsspielzeuge gehen nicht verloren, weil sie sich nicht nur fortbewegen, sondern auch selbstständig in der Wohnung zurecht finden können.
Roboter erobern immer neue Arbeitsbereiche: Bisher waren die willigen Helfer vor allem bei den drei "D" im Einsatz - dull, dirty, dangerous - also entweder bei Routineaufgaben wie Produktmontage oder allem, was für Menschen entweder ungemütlich oder gefährlich ist. Nun verschiebt sich der Trend weg vom Spezialeinsatz und hin zum Hausgebrauch: Die drei "E" versprechen Roboter in "education, entertainment, everyday" (Erziehung, Unterhaltung, Alltag). Das Potenzial dieser Nische wird für das Jahr 2015 von der US-Marktforschungsgruppe ABI Research auf rund zwölf Milliarden US-Dollar geschätzt.
Japans Parade-Android Asimo, seit über 20 Jahren in der Entwicklung, gilt als der weltweit fortgeschrittenste Versuch, motorische Fähigkeiten nachzubilden: Der weiß verkleidete Roboter aus dem Hause Honda kann mit einer Geschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde rennen, Treppen steigen und Kaffee servieren. Allerdings ist jede Unterhaltung, die über einfache Kommandos hinausgeht, immer noch eine zu große Herausforderung für den 1,30 Meter kleinen Kerl. Trotzdem gehören er und seinesgleichen zu den Hoffnungsträgern für Japans Senioren. Die schrumpfende und gleichzeitig äußerst langlebige Bevölkerung wird im Alter nicht mehr damit rechnen können, von liebevollen menschlichen Krankenschwestern gepflegt zu werden. Da Japan es bisher abgelehnt hat, für diesen Zweck ausländische Arbeitskräfte ins Land zu lassen, müssen in Zukunft Roboter ran.
Greifarme, die den Löffel zum Mund führen, Badewannen mit vollautomatischem Waschprogramm oder Ersatzkameraden, die etwas Leben in den Alltag bringen - für diese in Asien entwickelten Neuerungen haben Europäer meist nur Misstrauen übrig. Dass ein humanoider Roboter wie Asimo zum Nationalsymbol wird und sogar Premierminister Koizumi 2003 auf einem Staatsbesuch in die tschechische Republik begleiten durfte, ist hierzulande wohl kaum vorstellbar. Nicht umsonst wird Japan auch das "Königreich der Roboter" genannt - es verfügt über die weltweit höchste Roboterdichte vor Deutschland und den USA. Warum die Blechkameraden im Fernen Osten viel beliebter sind als in westlichen Ländern, lässt sich mit einer Reihe von historischen und kulturellen Gründen erklären.
Eine wichtige Basis für die Grundeinstellung gegenüber Robotern bildet die japanische Shinto-Religion. Zu Shinto gehört das Konzept des Animismus: Demnach besitzen nicht nur Lebewesen, sondern auch Naturphänomene und Dinge eine eigene Seele. Im vormodernen Japan erhielten anspruchsvolle Werkzeuge vom ersten Tag ihrer Nutzung an einen eigenen Namen und eine eigene spirituelle Existenz. Dieser Glaube an eine eigene Seele solle aber nicht verwechselt werden mit der subjektiven Darstellung von Robotern in westlichen Science-Fiction-Filmen, schreibt Naho Kitano von Tokyos Waseda-Universität. In Hollywood-Filmen ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis ein Roboter anfängt, auf eigene Faust zu handeln, oder gar durchdreht.
Solche Extra-Touren sind gemäß des japanischen Verständnisses nicht vorgesehen, denn die spirituelle Existenz eines Werkzeugs ist grundsätzlich an die seines Eigentümers gekoppelt. So lange der Eigentümer sein Werkzeug gut behandelt, erweist es ihm demnach auch den angemessenen Respekt. Japans Sozialgefüge beruht wesentlich darauf, dass sich jeder seines Platzes in der Gesellschaft und somit seiner sozialen Verantwortung bewusst ist. Diese Sichtweise nimmt Maschinen ihren Schrecken - sie lässt sie als Partner und nicht als Bedrohung erscheinen.
Zwar ist der Brauch, Dingen einen Namen zu geben, im heutigen Japan nicht mehr so häufig. Aber immer noch werden wertvolle Gebrauchsgegenstände nicht einfach weggeworfen, sondern bei einem Tempel oder Schrein zeremoniell verbrannt. Auch wenn sich Japan nach dem zweiten Weltkrieg westlichen Ideen und Technologien öffnete und Shinto seitdem nicht mehr Staatsreligion ist, nimmt die Tradition des Animismus weiterhin Einfluss auf das Alltagsleben. So brachte die japanische Robotik-Firma Tmsuk im Dezember 2005 ihren humanoiden Roboter mit zu einem Schrein, um für Betriebssicherheit und Erfolg für die gesamte Robotikindustrie zu beten.