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16. Juli 2010, 16:53 Uhr

Zum Aufatmen ist es zu früh

Erstmals Fortschritte im Golf von Mexiko: Mit einer tonnenschweren Stahlglocke hat BP das Leck abgedichtet. Die Chancen, dass die Aktion glückt, stehen laut Tiefbohrexperte Matthias Reich nicht schlecht. Er fordert, dass in Zukunft solche Lösungen im Vorfeld entwickelt und gebaut sein müssen.

© Bergakademie Freiberg Zur Person Matthias Reich ist Experte für Tiefseebohrungen. Er leitet seit April 2007 das Institut für Bohrtechnik und Fluidbergbau an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg.

Herr Reich, BP hat das Ölleck zum ersten Mal verschließen können - ein Erfolg?

Das ist ein Schritt vorwärts, aber es ist noch nicht die Lösung des Problems. Nach dem Versinken der Bohrinsel war es ja eines der großen Desaster, dass der Blow-Out-Preventer, das Sicherheitsventil am Bohrloch, nicht funktionierte. Jetzt ist es gelungen, einen neuen Blow-Out-Preventer auf das Loch zu setzen, der diesmal auch wirklich seine Aufgabe erfüllt. Die Ventile lassen sich offensichtlich bewegen, sodass es gelingt, das Bohrloch ganz abzudichten. Allerdings steigt bei allen Lösungsansätzen, bei denen am Meeresboden etwas geschlossen wird, der Druck in der verschlossenen Bohrung im Laufe der Zeit immer weiter an. Dauerhaft nützt ein solches Vorgehen daher nicht viel. Aber es hilft, die Bohrung nun erst einmal gründlich zu untersuchen. Sie ist gewissermaßen ein Patient, der in den vergangenen Monaten viel erlitten hat, und keiner weiß genau, in welchem Zustand er jetzt ist.

Was wird in den kommenden Stunden getestet?

Zum einen wird der Druck überwacht, der sich in der Bohrung aufbaut. Steigt er, ist es ein Indiz, dass die Bohrrohre, die von der Quelle durch die Sedimentschichten zum Meeresgrund reichen, noch dicht sind und kein Öl auf anderen Wegen entweicht. Steigt er nicht, könnte es sein, dass die Bohrung an einer anderen Stelle geplatzt ist oder dass Öl und Gas durch das Gestein nach oben gelangt. Das wäre der schlechteste Fall.

Was sind die Gefahren?

Die Druckmessung darf nicht übertrieben werden. Wenn der Druck zu groß wird und die Bohrung anfängt zu knarren und zu ächzen, muss der Versuch sofort abgebrochen werden. Ansonsten könnte durch die Operation am Meeresboden noch mehr beschädigt werden. Damit dies nicht passiert, werden unter anderem seismische Messungen unternommen. Am Meeresgrund sind gewissermaßen Mikrofone installiert, die jedes verdächtige Knacken aufzeichnen. Um unnötigen Lärm zu vermeiden, wurden auch die Entlastungsbohrungen zweitweise gestoppt. In dem neuen Bohrlochkopf sind zudem viele Messgeräte, mit denen genau untersucht werden kann, wie und wo sich der Druck entwickelt.

Ist die Erleichterung, die jetzt überall zu spüren ist, berechtigt? Endgültig ist das Leck ja keineswegs verschlossen.

Nein, das ist es nicht. Aber zum ersten Mal konnte BP demonstrieren, dass man langsam die Oberhand gewinnt. Das Leck kann nun aktiv verschlossen und geöffnet werden. Wie lange der Deckel darauf bleiben kann, ist zwar noch unklar. Wird der Druck zu groß, muss man das Öl wieder ins Meer strömen lassen. Bestenfalls gelingt es dann aber mit der neuen Konstruktion, das Öl gezielt nach oben zu leiten und auf Schiffe zu pumpen.

Wie stehen die Chancen, dass die Operation erfolgreich ist?

Im Prinzip nicht schlecht, endgültig müssen das aber die nächsten Stunden und Tage zeigen. Eine abschließende Lösung bringen ohnehin erst die beiden Entlastungsbohrungen, die das Problem da angreifen, wo es entstanden ist - vier Kilometer tief unter dem Meeresboden. Dort muss die Tür verschlossen werden.

Endgültig aufatmen können wir also erst im August?

Ja. Aber wenn bis dahin das Loch verschlossen oder das austretende Öl sauber abgefangen werden kann, ist das ein beachtlicher Teilerfolg. Zu der riesigen Menge Öl, die ins Wasser gelangt ist, käme dann zumindest nichts mehr hinzu.

Warum kommt eine solche Stahlglocke erst nach fast drei Monaten zum Einsatz?

Weil diese erst konstruiert und getestet werden musste. Diese neue Absperrvorrichtung ist ein ordentliches Stück Ingenieurskunst, schneller war das nicht zu realisieren. Eine Frage, die man sicher stellen könnte, ist allerdings, warum so etwas nicht schon im Vorfeld entwickelt wurde - bevor dieses ganze Desaster begonnen und der Schaden solche Dimensionen angenommen hat. In Zukunft muss das Pflicht sein.

Interview: Interview: Lea Wolz
 
 
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