Auf einem dänischen Fischkutter wird mit moderner Überwachungstechnik experimentiert: Kameras und Sensoren sollen alles erfassen, was an Bord gehievt wird. So kann der problematische Beifang nicht mehr heimlich entsorgt werden.

Der Skipper Erik Petersen hat seinen Kutter "Fru Middelboe" für das Überwachungsprojekt zur Verfügung gestellt© Dorothée Junkers/DPA
Es ist kühl und stockfinster an diesem nordischen Herbstmorgen, als Skipper Erik Petersen und seine Matrosen Dennis Svaneborg und Allan Nielsen gegen 5 Uhr den Hafen von Hanstholm verlassen. Am Horizont vor der jütländischen Küste grollt und blitzt es: Ein Wetterleuchten. Unverdrossen steuert Petersen die "Fru Middelboe" mit flotten acht Knoten aufs offene Meer. Er macht Jagd auf Scholle. Der 48-jährige Däne weiß genau, wo er heute fündig werden kann, fährt lange genug zur See. Und deshalb weiß er auch, dass Scholle überfischt ist. Fast jede neunte Fischart in Europa teilt dieses Schicksal, weltweit etwa jede Achte.
Wenn die Menschheit so weitermacht, warnen Wissenschaftler, könnte die kommerzielle Fischerei bis Mitte des Jahrhunderts zusammenbrechen. Nirgendwo ist die Lage so dramatisch wie in der EU. Gerade die Nordsee war einst eines der fischreichsten Meere der Welt. Jetzt sind leckere Speisefische wie der Kabeljau selten geworden. Das liegt nicht etwa an Rekord-Verkaufszahlen. Tatsächlich schmeißen Europas Fischer im Schnitt für jeden Kabeljau, den sie an Land liefern, einen toten wieder über Bord.
Grund für diese verhängnisvolle Praxis der "Rückwürfe" ist auch ein absurdes Gesetzesdickicht, in das die EU-Staaten die Spielregeln für die Fischer gegossen haben. Gleichzeitig ist die europäische Fangflotte völlig überdimensioniert - dank Subventionen aus Steuergeldern. Bis zu dreimal größer ist deshalb die Fangkapazität auf einige Arten, als dies der jeweilige Bestand verkraften könnte. Und so fischen riesige europäische Fabrik-Trawler längst auch viele Küsten Afrikas leer. Die dortigen Regierungen kriegen EU-Steuergelder dafür, aber die Fischer dieser Länder treibt es in den Ruin.
Jetzt soll die EU-Fischereipolitik reformiert werden. Um danach mit der Überfischung endlich Schluss zu machen, haben die Dänen ein Konzept entwickelt: Die "vollständig dokumentierte Fischerei" erinnert auf den ersten Blick an "Big Brother", wird aber sogar von Umweltschützern als Durchbruch gepriesen.
Die Politiker müssten dringend handeln - und zwar gemeinsam mit den Fischern, findet Skipper Petersen. So hat der hochgewachsene Däne mit dem gutmütigen Gesicht und den zerzausten, roten Haaren seinen 22 Meter langen Snurrewadenkutter HM 423 "Fru Middelboe" ("Frau Middelboe") der Regierung in Kopenhagen für ihr ambitioniertes Forschungsprojekt zur Verfügung gestellt. Ein knappes Jahr lang lang haben Wissenschaftler der Technischen Universität von Dänemark (DTU) dem Skipper und seiner Crew nun von der Ferne auf die Finger geschaut. Mithilfe von Kameras, Sensoren und Druckmessgeräten haben die Forscher jeden noch so kleinen Fisch gezählt, der bei den insgesamt sechs teilnehmenden Booten ins Netz ging.