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Telemedizin
Lebensrettende Tipps zur Teatime
© Steve Forrest
Dutzende Mails erreichen Lord un Lady Swinfen Woche für Woche in ihrem Arbeitszimmer in Kent. Assistentin Sharon Checksfield (l.) unterstützt sie beim Sichten
Von Cornelia Fuchs
Mit bescheidenen Mitteln hat ein britisches Ehepaar
eine internationale medizinische Schaltzentrale
aufgebaut, über die Ärzte weltweit ihr Wissen teilen.
Lord und Lady Swinfen sehen nicht
so aus, als ob sie fast täglich Leben
retten würden. Roger Swinfen, 69,
zieht gern gemächlich an seiner Pfeife,
wenn er über Probleme nachdenkt. Seine
Frau Pat, 70, backt Apfelkuchen im gusseisernen
Ofen der Landhausküche. Die
beiden wirken wie zufriedene Pensionäre,
die sich um ihren Labradorwelpen Josh
kümmern und um ihre fünf Enkel, deren
Fotos auf jedem freien Regalmeter in Küche
und Wohnzimmer stehen.
Doch immer wieder treibt es die Swinfens
vor einen der drei Computermonitore,
die den Esszimmertisch belegen - das
Arbeitszimmer quillt längst über vor Akten,
Papieren und Technik.
Was ist mit dem Säugling im Irak, der
fünf Tage nach der Geburt wegen einer
Fistel operiert wurde? Hat der Spezialist
für Schwangerschaftskomplikationen schon
geantwortet auf die Frage, wie die Frau mit
Drillingen in Afghanistan zu behandeln
ist, die Fruchtwasser verliert?
Einfach und effektiv
Zwischen Kies, Kletterrosen und
einem großen Kamin haben Pat und Roger
Swinfen in den vergangenen zehn Jahren
eine globale medizinische Schaltzentrale
aufgebaut. Was kompliziert klingt, ist ein
einfaches, aber effektives Hilfsprogramm
für Ärzte in Entwicklungsländern und Krisenregionen.
So einfach ist es, dass man
sich fragt, warum dies von einem Oberhausabgeordneten
und einstigen Offizier
und einer ehemaligen Armee-Krankenschwester
auf dem Land in England entwickelt
wurde und nicht, zum Beispiel, von
der Weltgesundheitsorganisation WHO.
Die Swinfens verteilen über ihre Privatstiftung,
den "Swinfen Charitable Trust",
Digitalkameras, Stative und, wenn nötig,
Satellitentelefone an Ärzte in Krankenhäusern
- bislang sind es 140 Kliniken
zum Beispiel in Nepal, Äthiopien, auf den
Salomon-Inseln, in Papua-Neuguinea und
Bangladesch. Sie registrieren diese Ärzte
für den Zugang zu ihrer Webseite. Und
dann warten sie auf E-Mails.
Darin erzählte ein Doktor in Bangladesch
zum Beispiel von einem Jungen, der
nach der verunglückten Behandlung eines
Schlangenbisses mit schwerstem Wundbrand
an seinem Bein zu ihm kam. Er
schickte Fotos der Wunde an die Swinfens,
und die leiteten die Mail an einen Spezialisten
weiter. Über 380 Ärzte aus Europa,
Amerika, Südafrika und Australien stellen
ihre Ratschläge kostenlos zur Verfügung.
Das Bein des Jungen konnte durch Rat aus
Europa gerettet werden.
Der virtuelle Krankenhausflur
"Viele Ärzte in Entwicklungsländern
sind großartige Mediziner", sagt Roger
Swinfen. "Aber sie leben häufig über eine
Tagesreise entfernt vom nächsten Krankenhaus.
Wir sind der virtuelle Flur für
diese Ärzte, auf dem sie sich mit Kollegen
austauschen können." Auf diesem Flur
kann es ziemlich geschäftig werden. Als die
Swinfens in diesem Sommer Freunde zu
einer Dinner-Party eingeladen hatten, erreichten
Pat kurz hintereinander sieben
Hilferufe aus verschiedenen Teilen der
Welt - kurz bevor sie das Essen in den Ofen
schieben wollte. Sie rannte zwischen Küche
und Computer hin und her, zwischen
Fragen zu Schwangerschaftskomplikationen
und dem aufgehenden Soufflé. Heute
lacht sie über die Aufregung. Aber sie sagt
auch, dass sie wohl so schnell keine Party
mehr geben wird.
© Steve Forrest
Auf einer Weltkarte haben die Swinfens einige ihrer Projekte markiert. Bislang sind es rund 140 - von Äthiopien bis zu den Salomon-Inseln. Via Satellitentelefon und E-Mail kommunizieren die dortigen Ärzte mit Experten auf der ganzen Erde
Der in der südenglischen Grafschaft
Surrey praktizierende Kinderarzt Majeed
Rawad kümmert sich gerade zusammen
mit einem Kollegen um ein Neugeborenes
im Irak. Dem Säugling wurde eine
Fistel zwischen Speise- und Luftröhre entfernt,
eine höchst komplizierte Operation.
Per Digitalfotos haben die behandelnden
Ärzte den Eingriff dokumentiert und fragen
nun, was sie bei der Nachbehandlung
beachten müssen.
Der Rat des Kollegen in England: Das
Baby muss auf der linken Seite schlafen, mit
erhöhtem Kopfteil. Äußerste Vorsicht sei
geboten bei Anzeichen einer Lungenentzündung,
dazu gibt er genaue Medikationsanweisungen.
Die Kommunikation hilft dabei
nicht nur den Patienten, sagt Rawad:
"Ich lerne, weil ich Fälle sehe, die es hier in
Europa so nicht gibt. Und die Ärzte vor Ort
lernen, mehr Vertrauen in ihre eigenen Diagnosen
zu haben. Denn meistens müssen
wir ihnen bei der Behandlung schwieriger
Fälle nur ein bisschen zur Seite stehen."
Das Umdenken hat begonnen
Über 400 Patienten halfen die Swinfens
mit ihren E-Mails im vergangenen
Jahr. Knappe 250 Euro kostet die Fotoausrüstung,
die sie den Krankenhäusern zur
Verfügung stellen. Als sie vor zehn Jahren
ihr E-Mail-Netzwerk aufzubauen begannen,
interessierte sich keine Hilfsorganisation
für die Idee. Damals galt Telemedizin
ohne teure Videokonferenzschaltungen als
unpraktikabel. Dass sogar hochkomplizierte
neurologische Probleme per E-Mail diskutiert
und gelöst werden könnten, war für
Experten unvorstellbar.
© Swinfen Trust
Wüstensand statt Kletterrosen: Bei einem Besuch im Irak, nahe der kuwaitischen Grenze, verteilten Pat und Roger Swinfen Digitalkameras an Krankenhäuser. 250 Euro kostet eine Ausrüstung, mit deren Hilfe Leben gerettet werden kann
Die Swinfens gingen nicht völlig naiv an
das Projekt heran: Roger Swinfen arbeitete
nach seinem Abschied von der Armee im
Jahr 1963 Jahrzehnte für eine Organisation,
die sich für Behinderte in England
einsetzt. Und die Idee für die E-Mail-Hilfe
kam von einem Armee-Chirurgen, der
Verletzte nach einem Hubschrauberunglück
in Bosnien dank virtueller Ratschläge
aus einem englischen Krankenhaus vor
Ort behandeln konnte.
Trotzdem musste sich das Ehepaar anhören, sie seien nur Hilfe-Touristen,
als sie 1998 im strömenden Monsunregen
ein Satellitentelefon auf dem Dach
eines Krankenhauses in Bangladeschs
Hauptstadt Dhaka aufbauten. Doch das
Umdenken hat begonnen. Die Leiterin
der WHO-Mission im Irak verkündete,
dass die Telemedizin zwar einen "bescheidenen
Anfang" im Lande gehabt habe.
Es sei aber nun an der Zeit, diese Hilfe
für noch mehr Krankenhäuser zugänglich
zu machen. Sie wird sich beeilen
müssen: Bei den Swinfens haben sich,
überzeugt von deren großartiger Arbeit,
längst 40 irakische Krankenhäuser registrieren
lassen.
stern-Artikel aus Heft 47/2008
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