• 23.11.2008, 07:06 Uhr

Polyglotte Erziehung

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Sprachen lernen - die Welt verstehen

Polyglotte Erziehung
 © Thomas Rabsch
Sonia Ladet lädt gern die Künstlerin Yang Li (Zweite von links) zu sich nach Hause ein, um Kalligrafie mit ihrem älteren Sohn Theo-Paul zu üben

Von Astrid Viciano

Ob Ärztin, Ingenieur oder Parfümerieverkäuferin: Kaum einer kommt noch ohne Fremdsprachen durchs Leben. Immer mehr Deutsche möchten ihren Horizont erweitern und polyglott werden. Und ihren Kindern frühzeitig globale Perspektiven eröffnen. Moderne Methoden bahnen den Weg.

Als Sonia Ladet 18 Jahre alt war, nahm sie sich vor, alle Sprachen dieser Welt zu lernen. Sie wollte sich überall wohlfühlen, eintauchen in jede Kultur. Bald verhandelte sie mit den Händlern eines marokkanischen Basars auf Arabisch, übersetzte ihrem amerikanischen Freund Gedichte von Joseph von Eichendorff ins Englische. Später lernte sie Japanisch, um die fernöstliche Mentalität für ihren Beruf als Trendforscherin besser zu verstehen. Und Russisch, das hätte sie beinahe vergessen, hat die Pariserin in der Schule gelernt.
 
Entwicklung
Kleinkinder sind wahre Sprachtalente. Ihre Entwicklung verläuft rasend schnell.

- Im Alter von zwei Monaten können Babys bereits unterschiedliche Phonemlängen (ba versus baaaa) unterscheiden, und sie beginnen zu lallen, zu gurren und zu quietschen.
- Mit fünf Monaten können Babys bei Wörtern unterschiedliche Betonungen unterscheiden.
- Mit sechs Monaten geben sie erste Silbenketten von sich ("dadada").
- Mit neun Monaten kann das Baby einzelne Doppelsilben formen ("Mama").
Wie ein Jongleur, der mit der Zeit immer mehr Bälle in die Luft werfen kann, katapultierte Sonia Ladet immer neue Sprachen in ihr Leben. Die Tochter einer Deutschen und eines Chinesen wuchs in Paris mit drei Muttersprachen auf und möchte das Erbe heute an ihre Kinder weitergeben. Derzeit sucht die 39-Jährige einen Kung-Fu-Lehrer für den siebenjährigen Theo-Paul. Der soll Chinesisch mit dem Jungen reden, während sie mit ihm Deutsch und ihr Mann mit ihm Französisch spricht. "Das ist ein Geschenk für die Kinder", sagt sie. Und steht damit nicht allein.

Weit verbreitete Notwendigkeit
Ähnlich wie Sonia Ladet wollen immer mehr Eltern ihren Nachwuchs früh mit fremden Sprachen in Kontakt bringen. Und ähnlich wie die Pariserin lernen auch viele Erwachsene erneut Vokabeln und Grammatik, oft nach jahrzehntelanger Abstinenz. Denn die Welt hat sich verändert: Wer heute nur Deutsch versteht, kann den größten Teil des Internets nicht nutzen. Als Arzt oder Ingenieur kann er die wichtigsten Fachartikel und Bücher nicht lesen, steht auf vielen Konferenzen im Abseits. Als Mitarbeiter eines internationalen Konzerns versteht er womöglich nicht einmal die Rundmails seiner eigenen Vorstände, ist bei Arbeitstreffen aus dem Rennen. Ob in der Modebranche, im Finanzwesen, in den Medien, in Gastronomie, Großoder Einzelhandel - überall wird die Fähigkeit zum interkulturellen Austausch vorausgesetzt, müssen Mitarbeiter nachrüsten. Dem Programmierer Sebastian Fuchs knallte sein Ausbilder eines Tages ein englisches Informatikhandbuch auf den Tisch und sagte: "Lernen!" Heute ist der 32-Jährige dankbar für den Anschub: "Ich maile und blogge jeden Tag mit Experten in Amerika und England, entwickele Webseiten für internationale Kunden. Ohne die Sprache käme ich überhaupt nicht voran."

Mathias Wittig, Quality-Manager bei Airbus, musste sich für den Job eine dritte Sprache aneignen. Wenn er zu Konferenzen ins Werk nach Toulouse fuhr, kam er mit seinem Englisch nicht wirklich weiter, von Deutsch ganz zu schweigen. "Der Workshopleiter begrüßte uns auf Englisch, aber nach zehn Minuten - man konnte die Uhr danach stellen - fiel ihm ein Wort nicht ein, "Außenhaut" zum Beispiel. Das sagte er dann auf Französisch und wechselte kurz darauf komplett die Sprache, bis man ihn bat, wieder Englisch zu sprechen - für die nächsten zehn Minuten. Ich habe schließlich angefangen, Französisch zu lernen." In Sekretariaten, am Bankschalter oder in Parfümerien wird sprachliche Flexibilität erwartet. "Natürlich muss ich den Kunden auf Englisch erklären können, was der Unterschied zwischen einer Lotion und einem Soft-Tonic ist", sagt etwa Doreen Schimanski, Auszubildende bei Douglas auf der Berliner Friedrichstraße.
 
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Der Kindergarten der Zukunft
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Und auch Politiker haben die Zeichen der Zeit erkannt. Kurz nach der Jahrtausendwende kündigten die EU-Staats- und Regierungschefs an, die dünne Sprachengrundlage ihrer damals 380 Millionen Bürger kräftig aufzupäppeln. Alle Europäer, so lautet das Ziel, sollen sich von Kindesbeinen an in drei Sprachen verständigen können.

Der Kommissar für Mehrsprachigkeit bei der Europäischen Kommission versprach vor zwei Monaten, künftig noch stärker für die Vorteile der Sprachenvielfalt zu werben. Noch nämlich beherrschen 44 Prozent der Unionsbürger keine Fremdsprache so, dass sie sich gut darin unterhalten könnten. Glück hat, wer in den Grenzregionen lebt: wie etwa Kehl, einer kleinen Stadt in der Nähe von Straßburg, auf der deutschen Rheinseite. "Wir sind ein buntes, zweisprachiges Volk", sagt der Internist Hans-Jürgen Vogel, der dort mit seiner französischen Frau und den beiden Kindern lebt. Die Freunde der Familie sind fast alle zweisprachig, der Vater arbeitet an einer deutschen Klinik, die Mutter als Krankenschwester an einer Schule in Frankreich. Der Sohn geht in die deutschfranzösische Schule und die Tochter in den deutsch-französischen Kindergarten. Zum Abendessen gehen die Eltern gern in französische Restaurants, bevorzugen jedoch deutsche Handwerker, wenn es am Haus etwas zu reparieren gibt. "Wir picken uns das Beste aus beiden Kulturen heraus", sagt der Vater.

Werden die Kinder nicht überfordert?
Allerdings konnte Hans-Jürgen Vogel das Sprachgemisch nicht immer so unbeschwert genießen wie heute. Früher fürchtete er manchmal, dass die Kleinen sich vielleicht zu langsam entwickeln, dass sie in beiden Sprachen weniger kompetent sein würden als einsprachige Kinder. Eine Sorge, die tief in den Köpfen vieler Landsleute verankert ist - unnötigerweise, wie schon ein Blick in fremde Kulturen zeigt. In weiten Teilen Asiens und Afrikas beherrschen die Menschen viele verschiedene Sprachen, allein in Nigeria werden mehr als 400 im Alltag verwendet: die Amtssprache Englisch, heimische Handelssprachen, die Sprache aus dem Nachbardorf, jene der Familie. Ohne Tamtam parlieren die Einwohner je nach Situation auf die eine oder die andere Weise. "Unser Gehirn ist dafür angelegt, mehrere Sprachen zu lernen. Wir unterfordern Kinder, wenn wir ihnen diese Chance nicht bieten", sagt Jürgen Meisel, Sprachwissenschaftler an der Universität Hamburg. Das gilt vor allem für die ersten Lebensjahre, denn zu dieser Zeit nehmen Kinder Sprache mühelos auf. Unabhängig von Intelligenz oder Sprachbegabung.

Immer besser verstehen Forscher, in welchen Phasen der Mensch das Verstehen und Sprechen auf welche Weise lernt. Ihre Erkenntnisse bestätigen Eltern, die auf frühe Mehrsprachigkeit setzen: So besitzen Kinder bis etwa zum Alter von drei oder vier Jahren die Fähigkeit, ganz mühelos in Sprachen hineinzuwachsen. Ab dem vierten Jahr aber können sie manche Verben in einer zweiten Sprache nicht mehr sofort korrekt beugen. Im Alter von acht bis zehn Jahren schließlich ist eine große Phase der Entwicklung abgeschlossen - ausgerechnet, wenn Schüler traditionsgemäß mit dem Erwerb ihrer ersten Fremdsprache beginnen: "Von diesem Zeitpunkt an lernen Kinder eine Sprache nicht mehr intuitiv, sondern müssen sie sich ähnlich wie Erwachsene erarbeiten", sagt der Hamburger Philologe.
 
Das weiß Alexander Wilms nur zu gut. Der Mathematiker erinnert sich ungern an das Pauken der englischen Grammatik in der Schulzeit. "Ich bin kein großes Sprachtalent", gesteht er. Über die Kultur fand er dennoch seinen Zugang zur Sprache: Den ersten Urlaub mit seiner Frau verbrachte Wilms im Königreich, später studierte er fast ein Jahr im englischen Coventry. "Die Begeisterung für das Land hat uns wie ein Virus befallen", sagt Wilms. Er beschloss, mit seinen Töchtern nur Englisch zu reden, Spiele, CDs und Kinderfilme nur in der Weltsprache anzuschaffen. Wilms selbst lernt mit - und weiterhin dazu. Zum Beispiel muss er wissen, was Eiche oder Fichte auf Englisch heißt, wenn er mit den Töchtern im Wald spazieren geht, muss die unterschiedlichen Formen der Blätter erklären können. Inzwischen ist er kaum noch von einem Muttersprachler zu unterscheiden. Nur manchmal kommt es noch vor, dass ihm eine Vokabel fehlt. "Daddy, das musst du im Wörterbuch nachsehen", mahnt dann die ältere Tochter auf Englisch.

Oft fällt es Eltern schwer, so fest an den Erfolg ihrer Sprachenmission zu glauben. Wenn die Kleinen nicht in der zweiten Sprache zu reden beginnen, wenn sich die Sprachentwicklung verzögert oder die Kinder die Sprache ablehnen, weil sie etwa im Kindergarten nicht auffallen wollen. Eine deutsche Linguistin berichtet sogar von einem Jungen, der sich weigerte, mit seiner Mutter Englisch zu reden. Da sie als Einzige in der Umgebung Englisch sprach, war er überzeugt, dass nur Frauen die Sprache verwenden. "Eltern müssen viel Geduld haben", sagt Conxita Lleó, Projektleiterin im Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit der Universität Hamburg.

Nicht beunruhigen lassen
Haben einsprachige Kinder im Alter von 18 Monaten einen Wortschatz von 50 Wörtern, dann haben mehrsprachige den auch - allerdings auf die verschiedenen Muttersprachen verteilt. In jeder einzelnen Sprache können sie sich im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen vielleicht nicht so gut ausdrücken. "Davon sollten sich Eltern nicht irritieren lassen, das holen die Kinder auf ", beruhigt Lleó. Die Spanierin hat sogar beobachtet, dass Zweisprachigkeit die Sprachentwicklung beschleunigen kann. Kinder, die neben Spanisch auch mit Deutsch aufwuchsen, konnten Endkonsonanten früher richtig aussprechen als monolinguale spanische Kinder. Im Deutschen enden mehr Wörter auf Konsonanten, im Spanischen mehr auf einen Vokal, so heißt "Obst" oder "Frucht" im Spanischen "fruta".
 
Das Wachstum der Worte
- Ab zwölf Monaten werden Laute erstmals bestimmten Dingen zugeordnet ("Wauwau").
- Mit 18 Monaten folgt die Wortschatzexplosion: Zwei-Wort-Sätze, erste Fragen, die Sätze werden länger.
- Nach 24 Monaten zeigen Kleinkinder erste Reaktionen, wenn Sätze inkorrekt aufgebaut sind, die Reaktion ist vermutlich mit 32 Monaten voll ausgebildet.
Vertrauen die Eltern auf die Kapazität ihrer Sprösslinge, geben sie ihnen einen großen Schatz für ihr weiteres Leben mit auf den Weg. Nicht nur die Beherrschung von zwei oder mehr Sprachen zählt dazu; das frühe Hirntraining bringt vermutlich noch weiteren Profit. So beobachtete der Psychologe Albert Costa von der Universität Barcelona bei zweisprachigen Kindern eine höhere Aufnahmefähigkeit und stellte fest, dass sie Wichtiges von Unwichtigem besser unterscheiden konnten. Schon früher hatte er gesehen, dass sich bilingual aufgewachsene Menschen im Lärm eines Großraumbüros besser konzentrieren können als einsprachige. Auch die Pariserin Sonia Ladet hat nie Probleme, ihre herumtobenden Söhne auszublenden, wenn sie dringend arbeiten muss. "Vielleicht ist mein Gehirn darauf trainiert, ständig zwischen den Sprachen umzuschalten und sich dann voll auf die aktive Sprache zu konzentrieren", überlegt sie.

Wie hat es Sonia Ladet geschafft, ihre Muttersprachen so mühelos aufzunehmen? Warum schließen sich bei den meisten spätestens mit zehn Jahren die Türen zum intuitiven Spracherwerb? Das kindliche Gehirn, so beschreiben es Wissenschaftler gern, gleicht zunächst einem Teig, der sich leicht formen lässt. Später wird es dann zunehmend steifer. Nervenzellen, die beim Lernen der Muttersprache aktiv sind, verweigern offensichtlich später bei den Fremdsprachen die Mitarbeit. Andere Hirnbereiche müssen dann aushelfen, so dachten Forscher lange Zeit.
 


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Leser-Kommentare (2) zu diesem Artikel
Sprachbeherrschung sehr wichtig! (24.11.2008, 1:37 Uhr)
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