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Polyglotte Erziehung
Sprachen lernen - die Welt verstehen
© Thomas Rabsch
Sonia Ladet lädt gern die Künstlerin Yang Li (Zweite von links) zu sich nach Hause ein, um Kalligrafie mit ihrem älteren Sohn Theo-Paul zu üben
Von Astrid Viciano
Ob Ärztin, Ingenieur oder Parfümerieverkäuferin:
Kaum einer kommt noch ohne Fremdsprachen durchs
Leben. Immer mehr Deutsche möchten ihren Horizont erweitern und polyglott werden.
Und ihren Kindern frühzeitig globale Perspektiven eröffnen. Moderne Methoden bahnen den Weg.
Als Sonia Ladet 18 Jahre alt war, nahm
sie sich vor, alle Sprachen dieser
Welt zu lernen. Sie wollte sich
überall wohlfühlen, eintauchen in jede
Kultur. Bald verhandelte sie mit den Händlern
eines marokkanischen Basars auf Arabisch,
übersetzte ihrem amerikanischen
Freund Gedichte von Joseph von Eichendorff
ins Englische. Später lernte sie Japanisch,
um die fernöstliche Mentalität für
ihren Beruf als Trendforscherin besser zu
verstehen. Und Russisch, das hätte sie beinahe
vergessen, hat die Pariserin in der
Schule gelernt.
Entwicklung
Kleinkinder sind wahre Sprachtalente. Ihre
Entwicklung verläuft rasend schnell.
- Im Alter von zwei Monaten
können Babys bereits unterschiedliche
Phonemlängen
(ba versus baaaa)
unterscheiden, und sie
beginnen zu lallen,
zu gurren und zu quietschen.
- Mit fünf Monaten können Babys
bei Wörtern unterschiedliche Betonungen
unterscheiden.
- Mit sechs Monaten geben sie
erste Silbenketten von sich
("dadada").
- Mit neun Monaten kann
das Baby einzelne Doppelsilben
formen ("Mama").
Wie ein Jongleur, der mit der Zeit immer
mehr Bälle in die Luft werfen kann, katapultierte
Sonia Ladet immer neue Sprachen in
ihr Leben. Die Tochter einer Deutschen und
eines Chinesen wuchs in Paris mit drei Muttersprachen
auf und möchte das Erbe heute
an ihre Kinder weitergeben. Derzeit sucht
die 39-Jährige einen Kung-Fu-Lehrer für
den siebenjährigen Theo-Paul. Der soll Chinesisch
mit dem Jungen reden, während sie
mit ihm Deutsch und ihr Mann mit ihm
Französisch spricht. "Das ist ein Geschenk
für die Kinder", sagt sie. Und steht damit
nicht allein.
Weit verbreitete Notwendigkeit
Ähnlich wie Sonia Ladet wollen immer
mehr Eltern ihren Nachwuchs früh mit
fremden Sprachen in Kontakt bringen.
Und ähnlich wie die Pariserin lernen auch
viele Erwachsene erneut Vokabeln und
Grammatik, oft nach jahrzehntelanger
Abstinenz. Denn die Welt hat sich verändert:
Wer heute nur Deutsch versteht, kann
den größten Teil des Internets nicht nutzen.
Als Arzt oder Ingenieur kann er die
wichtigsten Fachartikel und Bücher nicht
lesen, steht auf vielen Konferenzen im Abseits.
Als Mitarbeiter eines internationalen
Konzerns versteht er womöglich nicht einmal
die Rundmails seiner eigenen Vorstände,
ist bei Arbeitstreffen aus dem Rennen.
Ob in der Modebranche, im Finanzwesen,
in den Medien, in Gastronomie, Großoder
Einzelhandel - überall wird die Fähigkeit
zum interkulturellen Austausch
vorausgesetzt, müssen Mitarbeiter nachrüsten.
Dem Programmierer Sebastian
Fuchs knallte sein Ausbilder eines Tages
ein englisches Informatikhandbuch auf
den Tisch und sagte: "Lernen!" Heute ist
der 32-Jährige dankbar für den Anschub:
"Ich maile und blogge jeden Tag mit Experten
in Amerika und England, entwickele
Webseiten für internationale Kunden.
Ohne die Sprache käme ich überhaupt
nicht voran."
Mathias Wittig, Quality-Manager bei
Airbus, musste sich für den Job eine dritte
Sprache aneignen. Wenn er zu Konferenzen
ins Werk nach Toulouse fuhr, kam
er mit seinem Englisch nicht wirklich weiter,
von Deutsch ganz zu schweigen. "Der
Workshopleiter begrüßte uns auf Englisch,
aber nach zehn Minuten - man konnte die
Uhr danach stellen - fiel ihm ein Wort
nicht ein, "Außenhaut" zum Beispiel. Das
sagte er dann auf Französisch und wechselte
kurz darauf komplett die Sprache, bis
man ihn bat, wieder Englisch zu sprechen
- für die nächsten zehn Minuten. Ich habe
schließlich angefangen, Französisch zu lernen."
In Sekretariaten, am Bankschalter
oder in Parfümerien wird sprachliche Flexibilität
erwartet. "Natürlich muss ich den
Kunden auf Englisch erklären können, was
der Unterschied zwischen einer Lotion
und einem Soft-Tonic ist", sagt etwa
Doreen Schimanski, Auszubildende bei
Douglas auf der Berliner Friedrichstraße.
Kita Video
Und auch Politiker haben die Zeichen
der Zeit erkannt. Kurz nach der Jahrtausendwende
kündigten die EU-Staats- und
Regierungschefs an, die dünne Sprachengrundlage
ihrer damals 380 Millionen Bürger
kräftig aufzupäppeln. Alle Europäer, so
lautet das Ziel, sollen sich von Kindesbeinen
an in drei Sprachen verständigen können.
Der Kommissar für Mehrsprachigkeit bei
der Europäischen Kommission versprach
vor zwei Monaten, künftig noch stärker für
die Vorteile der Sprachenvielfalt zu werben.
Noch nämlich beherrschen 44 Prozent der
Unionsbürger keine Fremdsprache so, dass
sie sich gut darin unterhalten könnten.
Glück hat, wer in den Grenzregionen lebt:
wie etwa Kehl, einer kleinen Stadt in der Nähe
von Straßburg, auf der deutschen Rheinseite.
"Wir sind ein buntes, zweisprachiges
Volk", sagt der Internist Hans-Jürgen Vogel,
der dort mit seiner französischen Frau und
den beiden Kindern lebt. Die Freunde der
Familie sind fast alle zweisprachig, der Vater
arbeitet an einer deutschen Klinik, die Mutter
als Krankenschwester an einer Schule in
Frankreich. Der Sohn geht in die deutschfranzösische
Schule und die Tochter in den
deutsch-französischen Kindergarten. Zum
Abendessen gehen die Eltern gern in französische
Restaurants, bevorzugen jedoch deutsche
Handwerker, wenn es am Haus etwas
zu reparieren gibt. "Wir picken uns das Beste
aus beiden Kulturen heraus", sagt der Vater.
Werden die Kinder nicht überfordert?
Allerdings konnte Hans-Jürgen Vogel
das Sprachgemisch nicht immer so unbeschwert
genießen wie heute. Früher fürchtete
er manchmal, dass die Kleinen sich
vielleicht zu langsam entwickeln, dass sie
in beiden Sprachen weniger kompetent
sein würden als einsprachige Kinder. Eine
Sorge, die tief in den Köpfen vieler Landsleute
verankert ist - unnötigerweise, wie
schon ein Blick in fremde Kulturen zeigt.
In weiten Teilen Asiens und Afrikas beherrschen
die Menschen viele verschiedene
Sprachen, allein in Nigeria werden mehr
als 400 im Alltag verwendet: die Amtssprache
Englisch, heimische Handelssprachen,
die Sprache aus dem Nachbardorf, jene der
Familie. Ohne Tamtam parlieren die Einwohner
je nach Situation auf die eine oder
die andere Weise. "Unser Gehirn ist dafür
angelegt, mehrere Sprachen zu lernen. Wir
unterfordern Kinder, wenn wir ihnen diese
Chance nicht bieten", sagt Jürgen Meisel,
Sprachwissenschaftler an der Universität
Hamburg. Das gilt vor allem für die ersten
Lebensjahre, denn zu dieser Zeit nehmen
Kinder Sprache mühelos auf. Unabhängig
von Intelligenz oder Sprachbegabung.
Immer besser verstehen Forscher, in
welchen Phasen der Mensch das Verstehen
und Sprechen auf welche Weise lernt. Ihre
Erkenntnisse bestätigen Eltern, die auf frühe
Mehrsprachigkeit setzen: So besitzen
Kinder bis etwa zum Alter von drei oder
vier Jahren die Fähigkeit, ganz mühelos in
Sprachen hineinzuwachsen. Ab dem
vierten Jahr aber können sie manche
Verben in einer zweiten Sprache nicht
mehr sofort korrekt beugen. Im Alter von
acht bis zehn Jahren schließlich ist eine
große Phase der Entwicklung abgeschlossen
- ausgerechnet, wenn Schüler traditionsgemäß
mit dem Erwerb ihrer ersten
Fremdsprache beginnen: "Von diesem
Zeitpunkt an lernen Kinder eine Sprache
nicht mehr intuitiv, sondern müssen sie
sich ähnlich wie Erwachsene erarbeiten",
sagt der Hamburger Philologe.
Das weiß Alexander Wilms nur zu gut.
Der Mathematiker erinnert sich ungern
an das Pauken der englischen Grammatik
in der Schulzeit. "Ich bin kein großes
Sprachtalent", gesteht er. Über die Kultur
fand er dennoch seinen Zugang zur Sprache:
Den ersten Urlaub mit seiner Frau
verbrachte Wilms im Königreich, später
studierte er fast ein Jahr im englischen
Coventry. "Die Begeisterung für das Land
hat uns wie ein Virus befallen", sagt
Wilms. Er beschloss, mit seinen Töchtern
nur Englisch zu reden, Spiele, CDs und
Kinderfilme nur in der Weltsprache anzuschaffen.
Wilms selbst lernt mit - und
weiterhin dazu. Zum Beispiel muss er wissen,
was Eiche oder Fichte auf Englisch
heißt, wenn er mit den Töchtern im Wald
spazieren geht, muss die unterschiedlichen
Formen der Blätter erklären können. Inzwischen
ist er kaum noch von einem
Muttersprachler zu unterscheiden. Nur
manchmal kommt es noch vor, dass ihm
eine Vokabel fehlt. "Daddy, das musst du
im Wörterbuch nachsehen", mahnt dann
die ältere Tochter auf Englisch.
Oft fällt es Eltern schwer, so fest an
den Erfolg ihrer Sprachenmission zu glauben.
Wenn die Kleinen nicht in der zweiten
Sprache zu reden beginnen, wenn sich
die Sprachentwicklung verzögert oder die
Kinder die Sprache ablehnen, weil sie etwa
im Kindergarten nicht auffallen wollen.
Eine deutsche Linguistin berichtet sogar
von einem Jungen, der sich weigerte, mit
seiner Mutter Englisch zu reden. Da sie als
Einzige in der Umgebung Englisch sprach,
war er überzeugt, dass nur Frauen die Sprache
verwenden. "Eltern müssen viel Geduld
haben", sagt Conxita Lleó, Projektleiterin
im Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit
der Universität Hamburg.
Nicht beunruhigen lassen
Haben einsprachige Kinder im Alter von
18 Monaten einen Wortschatz von 50 Wörtern,
dann haben mehrsprachige den auch - allerdings auf die verschiedenen Muttersprachen
verteilt. In jeder einzelnen Sprache
können sie sich im Vergleich zu anderen
Gleichaltrigen vielleicht nicht so gut ausdrücken.
"Davon sollten sich Eltern nicht irritieren
lassen, das holen die Kinder auf ", beruhigt
Lleó. Die Spanierin hat sogar beobachtet, dass
Zweisprachigkeit die Sprachentwicklung
beschleunigen kann. Kinder, die
neben Spanisch auch mit Deutsch aufwuchsen,
konnten Endkonsonanten früher richtig
aussprechen als monolinguale spanische
Kinder. Im Deutschen enden mehr Wörter
auf Konsonanten, im Spanischen mehr auf
einen Vokal, so heißt "Obst" oder "Frucht"
im Spanischen "fruta".
Das Wachstum der Worte
- Ab zwölf Monaten werden Laute
erstmals bestimmten Dingen zugeordnet
("Wauwau").
- Mit 18 Monaten folgt die Wortschatzexplosion:
Zwei-Wort-Sätze, erste Fragen,
die Sätze werden länger.
- Nach 24 Monaten zeigen Kleinkinder
erste Reaktionen,
wenn Sätze inkorrekt
aufgebaut sind, die
Reaktion ist vermutlich
mit 32 Monaten voll
ausgebildet.
Vertrauen die Eltern auf die Kapazität
ihrer Sprösslinge, geben sie ihnen einen
großen Schatz für ihr weiteres Leben mit
auf den Weg. Nicht nur die Beherrschung
von zwei oder mehr Sprachen zählt dazu;
das frühe Hirntraining bringt vermutlich
noch weiteren Profit. So beobachtete der
Psychologe Albert Costa von der Universität
Barcelona bei zweisprachigen Kindern
eine höhere Aufnahmefähigkeit und stellte
fest, dass sie Wichtiges von Unwichtigem
besser unterscheiden konnten. Schon früher
hatte er gesehen, dass sich bilingual
aufgewachsene Menschen im Lärm eines
Großraumbüros besser konzentrieren können
als einsprachige. Auch die Pariserin
Sonia Ladet hat nie Probleme, ihre herumtobenden
Söhne auszublenden, wenn sie
dringend arbeiten muss. "Vielleicht ist
mein Gehirn darauf trainiert, ständig zwischen
den Sprachen umzuschalten und
sich dann voll auf die aktive Sprache zu
konzentrieren", überlegt sie.
Wie hat es Sonia Ladet geschafft, ihre
Muttersprachen so mühelos aufzunehmen?
Warum schließen sich bei den meisten
spätestens mit zehn Jahren die Türen
zum intuitiven Spracherwerb? Das kindliche
Gehirn, so beschreiben es Wissenschaftler
gern, gleicht zunächst einem Teig,
der sich leicht formen lässt. Später wird es
dann zunehmend steifer. Nervenzellen,
die beim Lernen der Muttersprache aktiv
sind, verweigern offensichtlich später bei
den Fremdsprachen die Mitarbeit. Andere
Hirnbereiche müssen dann aushelfen, so
dachten Forscher lange Zeit.
stern-Artikel aus Heft 47/2008
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