Während die Patientin auf einer Fantasiereise den Ganges hinabtreibt, reißt der Zahnarzt ihr zwei Zähne heraus. Der therapeutisch begleitete Übergang in einen anderen Bewusstseinszustand macht Erstaunliches möglich. Von Rüdiger Braun

Der Übergang in den Trancezustand fällt Menschen mit ausgeprägter bildhafter Vorstellungskraft besonders leicht© Bernd Wüstneck/Picture-Alliance
Es riecht nach Zimt- und Orangen statt nach Desinfektionsmitteln. Im Hintergrund läuft ruhige Musik. Nirgends in der Praxis von Horst Freigang ist ein weißer Kittel zu sehen. Eine junge, blonde Frau nimmt auf dem Zahnarztstuhl Platz. Sie ist bleich und wirkt aufgeregt. Seit einer schweren Geburt, bei der sie und ihr Kind beinahe gestorben wären, leidet Andrea Schuster* unter einer massiven Schmerzphobie. Schon der Gedanke an den kurzen Einstich einer Spritze versetzt die Sozialpädagogin in Panik. Doch nun müssen zwei Zähne dringend gezogen werden. Nach einem ausführlichen Vorgespräch und einigen kleinen Tests ist Freigang überzeugt, dass er der 35-Jährigen beide Zähne in nur einer Sitzung entfernen kann – ohne jedes Betäubungsmittel und "ohne dass sie mit der Wimper zuckt". Die Methode, die das möglich macht, ist Hypnose.
Vor allem bei Schmerzphobie und ausgeprägter Zahnarztangst hat sich Zahnbehandlung unter Hypnose bewährt und bei Menschen, die allergisch auf Betäubungsmittel reagieren oder bei denen Berührungen im Mund Würgereize auslösen. Auch langwierige Eingriffe lassen sich mit der Trancetechnik besser ertragen, in körperlich und emotional vollkommen entspanntem Zustand.
Befreit vom Ruch des Mystischen und Hokuspokus, ist Hypnose inzwischen zu einer weitgehend anerkannten zahnmedizinischen Methode aufgestiegen. "Trance" bezeichnet Bewusstseinszustände, in denen die Umgebung, der Körper und die eigene Identität anders erlebt werden als in der gewohnten Alltagsrealität. Einfache Formen von ihr hat fast jeder schon einmal erlebt: durch mitreißende Musik, die in die Glieder fährt; beim Eintauchen in einen spannenden Roman, der die Welt völlig vergessen lässt; während ekstatischer Gruppenerlebnisse im Fußballstadion.
Zwischen aufmerksamer Wachheit und tiefem Schlaf existiert eine ganze Reihe unterschiedlicher Stadien, zwischen ihnen wechselt ein Mensch im Tagesverlauf mehrfach hin und her. Diese Fähigkeit nutzen inzwischen rund 3000 Zahnärzte für ihre Behandlung. Die meisten von ihnen sind wie Horst Freigang in der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose (DGZH) zusammengeschlossen, die sich seit 14 Jahren für eine fundierte Ausbildung und die wissenschaftliche Untermauerung der Methode einsetzt.
Bei schwierigen Fällen holt sich Freigang Unterstützung in seine Berliner Praxis. Regelmäßiger Partner ist der Psychologe Gerhard Schütz. Während der Zahnarzt und seine Assistentin den Eingriff vorbereiten, bittet Schütz die Patientin mit ruhiger, weicher, melodischer Stimme, die Augen zu schließen und sich einen schönen Ort vorzustellen, an dem sie sich "uneingeschränkt wohlfühlt". Nach Indien, zum Ganges, möchte sie. Das soll ihre "Ruheinsel" sein.
Der Psychologe stimmt die Frau auf ihre Fantasiereise ein – die Leuchte im Zimmer wird zur Sonne, das Gurgeln des Saugers zum Rauschen des Flusses. Irgendwann beginnt auch Freigang, sonor und rhythmisch mit der Patientin zu sprechen: "Alles, was sie hier erleben, dient ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden. Immer mehr, immer mehr gehen Sie in einen Zustand tiefer Entspannung. Immer mehr, immer mehr ..."
"Doppelinduktion" nennen Hypnotherapeuten diese Methode. Die Patientin hat Schwierigkeiten, beiden gleichzeitig zuzuhören. Es strengt sie an, doch sie will sich ja entspannen. Sie flieht vor dem Druck in ihre Vorstellungswelt. Die Stimmen entfernen sich immer mehr, immer mehr ...
Die Gesichtszüge der Frau sind nun weicher, die Augen geschlossen, der Mund ist locker geöffnet. Sie atmet ruhig und gleichmäßig. Sanft streicht Horst Freigang mit dem Rücken seines Zeigefingers über ihre Schläfen. "Die Trance ist jetzt tief und fest", kommentiert er.
Um sicherzugehen, dass die Hypnose funktioniert, überprüft Schütz die Trancetiefe: "Wenn Sie entspannt sind und sich wohlfühlen, steigt Ihr linker Arm langsam nach oben, wie von selbst, ohne Kraft, ohne jede Anstrengung." Als würde er schweben, beginnt Andrea Schusters Arm, Millimeter um Millimeter nach oben zu steigen.
Übernommen aus ...
Ausgabe 4/2008