Die meisten Deutschen haben Angst vor dem Zahnarzt. Jeder Zehnte leidet sogar unter einer krankhaften Zahnbehandlungsphobie und schiebt einen Besuch beim Arzt so lange wie möglich hinaus - oft auch mit Folgen für sein Sozialleben. Doch irgendwann werden die Schmerzen größer als die Angst. Von Christian Pieper

Drei Viertel der Deutschen haben Angst vor dem Zahnarzt© Michael Probst/AP
Tränen laufen über seine Wangen, Schweißperlen stehen auf der Stirn. Die bräunlichen Reste eines Backenzahns liegen in einer Metallschale, an ihnen klebt Blut. Carsten Gerbert (Name geändert) zittert am ganzen Körper. Der 37-Jährige hat heute zum ersten Mal wieder eine Zahnarztpraxis betreten - nach acht Jahren. Die Schmerzen waren einfach nicht mehr zu ertragen. Gerbert leidet unter einer Zahnbehandlungsphobie. "Schon der Gedanke an eine Zahnarztpraxis lassen mir Schauer über den Rücken laufen", sagt der hochgewachsene Mann. "Ich habe seit Tagen Zahnschmerzen. Letzte Nacht war es so schlimm, dass ich hätte schreien können."
Sein Backenzahn war nicht mehr zu retten. Karies hat ihn in den letzten Jahren so weit zerfressen, dass jede Hilfe zu spät kam. Gerbert ringt immer noch mit der Fassung. Auch die beruhigenden Worte der Zahnärztin helfen nicht. Er putzt sich die Nase, wischt sich die Tränen weg. Die schlimmen Zahnschmerzen sind jetzt vorbei. Doch die meisten seiner Zähne sind braun, einige schief. Sie sind Zeugen einer langen Geschichte von Nichtbeachtung und Verdrängung. Immer wieder hat Carsten Gerbert seinen Zahnarztbesuch aufgeschoben. So lange, bis die Schmerzen unerträglich wurden. Beinahe jeder seiner Zähne benötigt eine Behandlung.
Bis zu 75 Prozent der Deutschen geben an, Angst vor einem Zahnarztbesuch zu haben. Bei rund fünf bis zehn Prozent ist die Angst so stark, dass Mediziner von einer krankhaften Behandlungsphobie sprechen. "Die Konfrontation mit dem Reiz löst fast immer eine unmittelbare Angstreaktion aus, die das Ausmaß einer Panikattacke annehmen kann", sagt Ursula Sigmund, Klinische- und Gesundheitspsychologin aus Stuttgart. "Der Betroffene vermeidet die Zahnarztbehandlung und findet erst dann den Weg in die Praxis, wenn es sich wirklich nicht mehr vermeiden lässt." Auch eine neue Partnerschaft oder eine neue Arbeitsstelle können den Anstoß für das Aufsuchen eines Zahnarztes geben, so die Expertin, weil sich der Betroffene für seine Zähne schäme.
Die Auswirkungen einer Behandlungsphobie beschränken sich dabei nicht allein auf die Zähne. "Diese Patienten sind ebenfalls im psychosozialen Bereich erheblich eingeschränkt", sagt Sigmund. "Oft zeigt sich ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten ebenfalls in Bezug auf spezielle Nahrungsmittel, auch Schlafstörungen kommen vor." Ebenso beeinträchtige die Zahnbehandlungsangst zwischenmenschliche Beziehungen und die Leistung im Beruf, was zu einem niedrigen Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen führen könne. Im Durchschnitt sei die Lebensqualität dieser Menschen deutlich niedriger als die der Patienten ohne Zahnbehandlungsphobie.
Kathrin Jessen (Name geändert) sitzt unruhig im Behandlungsstuhl einer Hamburger Zahnarztpraxis. Auch sie seit Jahren zum ersten Mal wieder, auch sie leidet unter einer Behandlungsphobie. Doch anders als Carsten Gerbert, stellt sie sich freiwillig ihren Ängsten: Die Untersuchungslampe strahlt in ihren weit geöffneten Mund. Keine Ecke, kein Winkel ihres lange versteckten Gebisses bleibt ungesehen. Kein Loch, kein Zahnstein unnotiert. Heute sollen zwei Löcher behandelt werden. In ihrer linken Hand hält die Mutter von drei Kindern ein kleines Metallkrokodil - einen sogenannten Klicker. Sobald sie möchte, dass die Behandlung unterbrochen wird, solle sie klicken, erklärt ihr Zahnarzt Dr. Rudolf Völker. Das kleine, bunt bemalte Metalltier, wie man es sonst nur aus Kinderzimmern kennt, soll dazu beitragen, zwischen Zahnarzt und Patientin Vertrauen aufzubauen. Dr. Völker hat Routine mit der Behandlung von Phobiepatienten. Neben den klassischen Methoden setzt er medizinische Hypnose und anthroposophische Medizin ein. Dazu gehört auch ein ausführliches Vorgespräch.