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"stern-Seelsorge" Kommunikationsexpertin berichtet über die Hilfsaktion des stern: "Ein Impuls von außen kann die Blickrichtung ändern"

Anita Hermann-Ruess
Anita Hermann-Ruess berät große deutsche Unternehmen. Sie ist Dozentin an mehreren Hochschulen und Autorin von Sachbüchern zu Kommunikation und Rhetorik, darunter "Speak limbic. Wirkungsvoll präsentieren"
© privat
Die Kommunikationsexpertin Anita Hermann-Ruess bietet im Rahmen der "stern-Seelsorge" ihre Hilfe an. Sie weiß: Krisen verändern auch die Art, wie wir miteinander sprechen
Nina Poelchau

Für die Aktion „stern-Seelsorge“ haben sich mehr als 30 Fachleute bereit erklärt, mit Lesern persönlich über deren Ängste und Probleme zu sprechen. Zu unserem Team gehören Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Familientherapeutinnen, Seelsorger und berufliche Coaches. Rufen Sie an, oder schreiben Sie uns eine E-Mail mit Ihrem Problem oder Anliegen. Wir suchen für Sie einen unserer Experten aus und stellen den Kontakt her. Es handelt sich um stützende und beratende Gespräche und keinen Ersatz für eine Psychotherapie. Alles bleibt anonym und ist kostenlos. Telefonnummer: 0172/1390173 (besetzt ­jeweils dienstags, donnerstags und sonntags zwischen 16 und 18 Uhr), E-Mail: seelsorge@stern.de (Mails werden täglich von 9 bis 20 Uhr bear­beitet).

Sie gehören zu dem Team von Fachleuten, das stern-Lesern in diesen Zeiten mit Rat zur Seite steht. Was macht der Ausnahmezustand mit unserer Kommunikation?

Bei vielen wird sie emotionaler und extremer. Das ist meist so, wenn Menschen unter Stress geraten: Werte und Sprache verändern sich. Selbst ein sonst liebevoller Partner kann plötzlich harsch und ungeduldig reagieren. Manch einer zieht sich auch zurück, verstummt. Und wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Stressmustern aufeinandertreffen, bricht die Kommunikation oft völlig zusammen, das kann gewaltig krachen.

Viele haben kaum noch direkte Gespräche, sie sitzen allein zu Hause.

Ja, ein großer Teil der Kommunikation verlagert sich in den virtuellen Raum – was ein großes Problem ist für alle, die da nicht hinkommen. Ich erlebe Menschen, die den Sprung in die digitale Welt kaum oder gar nicht schaffen. Sie haben Angst, komplett abgehängt zu werden. Manchen raubt das den Schlaf.

Was raten Sie denen, die sich in diesen Tagen stark unter Druck fühlen?

Die Krise erst einmal nicht kleinzureden, sondern sich der Situation zu stellen – mit all ihren negativen Aspekten, mit all den Gefühlen, die sie auslöst. Dann sollte es aber darum gehen, die negativen Gedankenströme zu unterbrechen. Sich auf klare, überschaubare Ziele zu fokussieren und auch die stärkenden, guten Seiten des Lebens im Blick zu behalten, die trotz allem immer noch da sind. Und so simpel es klingt: Dabei können meditative Übungen helfen, zum Beispiel bewusstes, tiefes Ein- und vor allem Ausatmen. So werden unsere alarmistischen Gehirnregionen beruhigt, wir können wieder konstruktiver und auch einfühlsamer handeln.

Haben Sie schon einmal eine vergleichbare Krise erlebt?

Auch in der Finanzkrise 2008/2009 mussten Unternehmen zu harten Sparmaßnahmen greifen, das hat viele in große Nöte gebracht – aber ab 2010 ging es wieder aufwärts. Ich konnte damals beobachten: Es war besonders schwer für diejenigen, die ihre ganze Lebensenergie der Krise opferten. Und für diejenigen, die in einen hektischen Aktionismus verfielen. Wenn die Welt eingefroren ist, bringt es nichts, Gas zu geben und tausend neue Projekte starten zu wollen. Man muss lernen, in kleinen Schritten zu denken, von Woche zu Woche zu schauen, wohin die Reise gehen kann.

Wie schafft man es, Familie, Freunde und Kollegen während dieser schwierigen Zeit nicht vor den Kopf zu stoßen?

Wichtig ist, dass man sich seines eigenen kommunikativen Stressprofils bewusst wird. Dass man sich klarmacht, was der Stress gerade mit den anderen macht. Es geht darum, nachsichtiger zu werden, geduldiger – gegenüber den anderen, aber auch sich selbst gegenüber. Die Situation ist für uns alle schwer und unvertraut. Und wie die Finanzkrise damals betrifft sie die ganze Welt – was auch eine Chance ist.

Inwiefern?

Es gibt uns die Möglichkeit, uns als Menschheit verbunden zu fühlen, auch mitzufühlen. Viele, die genügend Kraft dafür haben, kümmern sich jetzt um ihre Nachbarn, ihre Freunde oder Kollegen.

Was raten Sie denen, die keine Kraft haben?

Ihren Mut zusammenzunehmen und um Unterstützung zu bitten. Das kann Hilfe beim Einkaufen sein, aber auch ein Gespräch bringt viele weiter – das ist eine Erfahrung, die wir mit den Anrufern beim stern-Seelsorge-Projekt machen. Ein Impuls von außen kann manchmal die Blickrichtung ändern – und plötzlich geht alles wieder leichter.

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