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70 Jahre stern

40 Jahre nach aufrüttelnder Serie: Der Christiane-F.-Effekt

Die Geschichte der "Kinder vom Bahnof Zoo" in Berlin erschütterte vor 40 Jahren das gesamte Land. Die stern-Serie hat viel verändert. Heute gibt es Heroin sogar auf Rezept.

Legendärer Film: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" – so sieht die "Christiane F."-Darstellerin heute aus

Und dann fließt die Wärme wie beim ersten Mal, damals mit zwölf auf dem versifften Klo am Bahnhof Zoo, wo sonst? Wusste ja jeder, das ganze Land, spätestens seit Christiane F. Die Wärme strömt vom Einstich durch die Venen, überwindet die Blut-Hirn-Schranke, dockt an den Opioid-Rezeptoren an und flutet ihn. Geborgenheit.

Michael Birkholz, der Rocker in Lederweste, von den Waden bis zum Kehlkopf tätowiert, ist süchtig nach dieser Wärme, die er im echten Leben nirgends fand – weder zu Hause noch in der Schule und schon gar nicht im Knast, wo er fast die Hälfte seiner 44 Jahre verbracht hat. Heroin ist sein Ersatz. Er nimmt den Tupfer aus der Nierenschale, das Pflaster und zieht den Venenstauer ab, dann sagt er: "Hätte es das hier schon früher gegeben, wäre mir einiges erspart geblieben."

"Das hier" ist der Applikationsraum der Berliner Praxis "Patrida" von Dr. Thomas Peschel, Psychiater und Psychotherapeut, von seinen Patienten verehrt wie ein Gott im Poloshirt. "Der Doc hat mir das Leben gerettet", sagt Michael. Peschel hat ihn und 135 andere Schwerstabhängige befreit aus dem ewigen Kreislauf von Entzug, Therapie und Rückfall und versorgt sie seit fünf Jahren mit Stoff. Nicht mit dem Dreck von der Straße! Im Tresor der Ausgabestelle, hinter Sicherheitstüren und Panzerglas, von Kameras bewacht, lagert 98,5-prozentiges Diamorphin, wie der chemische Name von Heroin lautet. Auf Rezept, komplett legal – und wenn es sein muss, ein Leben lang.

Christiane F. im Alter von 15 Jahren, 1978

Christiane F. 1978: Sie ist 15, als sie die stern-Reporter trifft.

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Christiane F. - Schockwellen in der Gesellschaft

Neben "Patrida" geben bundesweit nur neun Praxen Diamorphin an insgesamt etwa 800 Schwerstabhängige ab – ein Bruchteil der schätzungsweise 150.000 bis 200.000 Heroinsüchtigen, von denen inzwischen knapp 80.000 mit Ersatzdrogen substituiert werden. Peschels Patienten haben die Therapie mit echtem Stoff der späten Einsicht zu verdanken, dass die Gesellschaft nicht alle Drogenprobleme mit Aufklärung und Abschreckung verhindern kann. Es war und ist bis heute ein zäher Prozess, der seinen Anfang nahm mit dem Blick in den Abgrund: mit der zwölfteiligen stern-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo".

Als die Geschichte der Christiane F. vor fast auf den Tag genau 40 Jahren erschien, war Michael gerade mal vier Jahre alt. Er erfuhr nichts von den Schockwellen in der Gesellschaft, als man las, dass 13-Jährige mitten im Wohlstandsdeutschland an der Nadel hingen und 14-Jährige ihre Körper auf dem Kinderstrich verkauften. Das Buch zur Serie, übersetzt in rund 20 Sprachen, wurde zum Weltbestseller – gelesen unter Bettdecken und Schulbänken und schließlich als mahnende Pflichtlektüre im Unterricht.

"Das wollte ich auch" - ganz einfach

Als die Filmleute ihre Autos vor seinem Haus parkten und die Wohnung, eine Etage über der seiner Eltern, in eine Fixerbude verwandelten, da war Michael gerade sechs. Er fand es aufregend, er wollte dabei sein, doch seine Mutter verbot strikt, dass er diesen Film sah. Erst Jahre später, Michael galt längst als "schwieriger Junge", der nicht nur wegen Alkohol und Zigaretten ständig Ärger hatte, gab sie seinem Drängen nach: aber nur gemeinsam mit der Familientherapeutin!

"Ich dachte nur: wow! Die haben ja alle die gleichen Probleme wie ich, die Christiane, der Detlef, einen Vater, der schlägt, einen Alltag, der anödet. Dann nehmen sie Drogen, und dann geht’s ihnen gut." Für ihn stand fest: "Das wollte ich auch." So einfach? "So einfach."

Als das Heroin in sein Leben trat, war er zwölf – so alt wie Christiane F. Drei Monate hatte es gedauert, bis er die 50 Mark für das erste „Äitsch“ zusammengespart hatte. Er fuhr mit der U-Bahn zum Bahnhof Zoo. Beim ersten Mal haben sie ihm Sand verkauft. Beim zweiten Mal Pfeffer. Beim dritten Mal nahmen sie sein Geld und gaben ihm eine Backpfeife. „Beim vierten Mal hatte ich Glück“ , sagt Michael, „na ja, wie man’s nimmt, eigentlich war es ja Pech.“ Er hatte einen Junkie gefragt, ob der ihm was besorge, wenn er ihm dafür die Hälfte abgebe. Erst nach dem Schuss verriet er dem Junkie, dass es sein erster war. Da hat er sich eine gefangen. Es war ihm egal, so egal wie das Kotzen, anfangs eine normale Begleiterscheinung, denn da war ja – diese wohlige Wärme.

David Bowie im Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

David Bowie im Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1981)

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... und dazu sang David Bowie

Christiane F. ist nicht schuld an seiner Sucht, und doch scheint ein unsichtbares Band von ihr zu ihm zu führen. Millionen Jugendlichen galt das Schicksal des Drogenmädchens als Horror, manche aber waren von ihrem wilden Leben so fasziniert, dass sie ihr folgen wollten. In Peschels Praxis sitzt Robert, heute Mitte 50, damals Heimkind, der vor Glück im Kino weinte, als er sah, wie Christianes Clique bedröhnt durchs nächtliche Europa-Center marodierte und oben auf dem Dach im blauen Neonlicht dem Morgen entgegendämmerte – und dazu sang sein Held David Bowie. Da ist Tanja, 54, die in der Schulvorführung war: "Wir sind raus aus dem Kino und rein in die Apotheke."

Gab es also, wie einst bei Goethes "Werther", einen Christiane-F.-Effekt? In Aufnahmegesprächen spiele ihre Geschichte tatsächlich häufig eine Rolle, sagt Thomas Peschel, aber natürlich hätten weder Buch noch Film ein simples Reiz-Reaktions-Schema ausgelöst. Die Sucht sei vielmehr das Symptom einer schweren psychischen Erkrankung, die mangels Alternativen mit Drogen "behandelt" wurde. Heroin sei nun mal ein sehr wirksames Schmerzmittel, auch gegen seelische Schmerzen.

Niemand würde einem Diabetiker Insulin wegnehmen

Peschel vergleicht die Abhängigkeit gern mit anderen chronischen Krankheiten. "Niemand käme auf die Idee, einem Diabetiker das Insulin wegzunehmen", sagt er. Manche Menschen seien so krank, dass sie ohne medizinische Hilfe nicht leben könnten – und bei einigen sei die einzig wirksame Hilfe: Diamorphin.

"In der reinen Form und der richtigen Dosis ist der Wirkstoff für den Körper nicht toxisch", sagt Peschel. Dass er süchtig macht, unterscheidet ihn nicht von Methadon, Polamidon und all den anderen Ersatzdrogen, die für seine Patienten kein wirksamer Drogenersatz waren, weil sie zwar die körperlichen Schmerzen des "turkey" lindern, aber keine psychische Wirkung erzeugen. Und so landen viele Substituierte am Ende doch wieder in der Szene. Oder in Haft.

Stoff auf Rezept? Klingt nach einer Junkie-Story

Bevor Michael mit all seinem Krempel in Peschels Praxis aufschlug, hatte auch er mal wieder gesessen, irgendwas war ja immer – die Sache mit der Postbank, das Ding in der Sparkasse, und beim letzten Mal waren es halt die Rezepte. Er hatte sie selbst ausgedruckt und in einer Apotheke gegen Opiate eingelöst. Ein Teil für sich, ein Teil für die Kundschaft auf den U-Bahnhöfen rings um den Ku’damm. So traf er eines Tages auch sie: die echte Christiane F. Sie freundeten sich an, er besuchte sie zu Hause, brachte Stoff und spielte mit ihrem Sohn auf der Playstation – bis der Knast sie wieder trennte.

Kurz vor der Entlassung hatte seine Anwältin ihm von "Patrida" erzählt. Stoff auf Rezept? Es klang wie eine durchgeknallte Junkie-Story. Die Praxis war gerade eröffnet worden, und tatsächlich wirkte sie völlig anders als alle Einrichtungen, bei denen er im Laufe diverser Entzugs- und Therapieversuche ein- und ausgegangen war: helle Räume, eine Wohnküche, Sofas, eine Tischtennisplatte, sogar ein Klavier. Die Praxis bot Wärme und Geborgenheit, vielleicht sogar eine Heimat, griechisch: "Patrida".

stern-Cover mit Christiane F. zum Start der Serie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

stern-Titel mit Christiane F. zum Start der Serie Wir "Kinder vom Bahnhof Zoo" (1978)

Nach wenigen Tagen entspannen sich die Gesichtszüge

Immer wieder stellt Peschel bei neuen Patienten fest, wie sich schon nach wenigen Tagen die Gesichtszüge entspannen. Weil kein Dealer und kein Zivilfahnder nervt und Stoff einfach verfügbar ist. Oft dauert es nur Wochen, bis sich auch der Gesundheitszustand deutlich bessert. Weil das Spritzbesteck so rein ist wie das Diamorphin und sich endlich jemand um ihre Hepatitis kümmert. Und irgendwann beginnen sie, die Trümmer ihres Junkie-Lebens zu sortieren.

Robert, der schon in Drei-Sterne-Restaurants gekocht hat und so penibel auf sein Äußeres achtet, will sich endlich die zerfressenen Zähne machen lassen. Philip, der im Gespräch immer wieder den Kopf auf den Tisch legen muss, hat es in den drei Jahren seiner Behandlung bis ins fünfte Semester geschafft, Physik und Chemie auf Lehramt. Andere haben Arbeit gefunden, eine Ausbildung begonnen, eine Patientin hat sogar das Sorgerecht für ihre Kinder zurückbekommen – nicht trotz, sondern dank Diamorphin.

Keiner macht Druck, dennoch gelingt Umstieg

„Abstinenz ist ausdrücklich nicht unser Hauptziel“, sagt Thomas Peschel. Niemand übt Druck aus, die tägliche Dosis zu verkleinern. Und dennoch schaffen es die meisten, innerhalb von zwei Jahren die Menge um ein Drittel zu reduzieren. Michael hat sogar den Umstieg auf Polamidon geschafft, seit dem Frühjahr kommt er nur noch einmal im Monat in die Praxis, um die Ersatzdroge abzuholen. Gut, wenn er schon mal da ist, setzt er sich auch einen Schuss, aber nur einen kleinen, 60 statt 1200 Milligramm wie zu Anfang der Therapie. Dann steigt er wieder in den Zug und fährt zurück an die Nordsee. Er hat jetzt einen Job als Nachtwächter auf einem Campingplatz. Vielleicht schafft er es diesmal, das unsichtbare Band zwischen Christiane und ihm endgültig zu zerreißen.

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