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Meinung

"The Last Dance" : Die Sportwelt feiert Michael Jordan – und trotzdem ist LeBron James der bessere Basketballer

Michael Jordan gilt als bester Basketballer aller Zeiten. Unser Autor widerspricht. Er findet, LeBron James habe diesen Titel mehr verdient.
Foto: Uncredited / Picture Alliance
Von: René-Pascal Weiß
Nach der weltweit gefeierten Dokumentation "The Last Dance" scheint für Experten und Fans endgültig festzustehen: Michael Jordan ist der beste Basketballer aller Zeiten. Unser Autor widerspricht. Er findet, dass LeBron James den Titel viel eher verdient habe.
Michael Jordans Denkmal glänzt wieder. Es hat sogar einen goldenen Anstrich bekommen. "The Last Dance" sei Dank. "His Airness" ist wieder unbestritten der beste Basketballer aller Zeiten. Da sind sich nach der zehnteiligen ESPN-Dokumentation, die seit Montag in voller Länge auf Netflix verfügbar ist, fast alle Experten einig. Sogar Dirk Nowitzki schrieb auf Twitter: "Michael Jordan ist der GOAT [Greatest of all time, Anm. d. Red.]." Und wenn Deutschlands bester Basketballer der Geschichte das findet, wer will ihm widersprechen?
"The Last Dance" macht es nicht. Die Doku-Serie zeichnet ein Bild von Jordan, das ihn zu einer Art "schwarzer Jesus" des Basketball macht: ER hat den Sport zu einer Weltmarke gemacht. ER gewann sechs NBA-Titel in acht Jahren. ER holte Olympia-Gold mit dem Dream-Team 1992 in Barcelona, das als bestes Team der Geschichte gilt. Und: ER machte mit seinen Schuhen Nike zum größten Sportartikelhersteller der Welt. Das ist das Narrativ.
Und dennoch stellt sich die Frage: Warum kommt ausgerechnet jetzt eine zehnteilige Dokumentation über Michael Jordan heraus? Ein Großteil der Aufnahmen stammt aus den Jahren 1997 und 1998. Der US-amerikanische Sportsender ESPN hatte damals "All Access", unbeschränkten exklusiven Zugang. Es wurden knapp 500 Stunden gedreht. Aber erst jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, gab Michael Jordan grünes Licht. Das ist merkwürdig.

"The Last Dance" erzählt Jordans Geschichte geschönt

Zumal in den vergangenen Jahren die Leistungen eines Mannes Michael Jordans Status als bester Basketballer aller Zeiten in Frage gestellt haben: LeBron James. Immer öfter fragten Fans und Experten, ob dieser besser als Jordan sei. James überholte ihn in der All-Time-Scoring-Liste der NBA (darin werden die Spieler mit den meisten Punkten in der Liga-Geschichte aufgelistet, Anm. d. Red.), er wurde viermal als wertvollster Spieler der Liga ausgezeichnet, erreichte neunmal – dreimal häufiger als Jordan – das Meisterschaftsfinale, und gewann drei Meisterschaften.
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Michael Jordans Statue bekam dadurch Risse. Sie drohte zu einem dieser Denkmäler zu verkommen, das nur noch ein Sammelbecken für Graffiti-Tags und Taubenkot ist. Doch dann kam "The Last Dance" als eine Art kulturrettender Politiker, der mit viel Geld das Denkmal restaurierte und vergoldete. Nun zweifelt kaum einer an Jordans Status. Als Stephen A. Smith, Journalist bei ESPN, vor wenigen Tagen gefragt wurde, ob James besser als Jordan sei, fühlte er sich fast persönlich beleidigt. "Labert in meiner Gegenwart nicht ein solchen Schwachsinn, dass LeBron besser als MJ ist."
Dabei vergessen viele, dass die Doku-Serie nicht objektiv ist. In "The Last Dance" wird Jordans Geschichte geschönt erzählt – einiges wird sogar ausgelassen. Ein Beispiel ist die Causa Isaiah Thomas. Der Point Guard der Detroit Pistons und Michael Jordan mochten sich nicht. Die Rivalität ihrer Teams ging über den Platz hinaus. Jordan war einer Gründe, warum Thomas 1992 nicht für Olympia nominiert wurde. 
Es war ein Skandal. Denn Thomas war zum damaligen Zeitpunkt der beste Spieler auf seiner Position. Aber Jordan sprach sich gegen dessen Olympia-Teilnahme aus. "Dream Team"-Autor Jack McCallum hat die Aussage sogar auf Band. In der Dokumentation behauptet Jordan aber das Gegenteil. Er hätte Thomas' Namen nie genannt. Wie schreibt es Ole Frerks in einem Kommentar auf "Spox" so schön? "Der Sieger hat immer Recht. Sein Erfolg rechtfertigt alles."

Nostalgiker und ein Trugschluss

Zur Dokumentation gesellen sich ganz viele Nostalgiker – wie Dirk Nowitzki. Sie waren damals Teenager oder Kinder, als Jordan gespielt hat. Er ist ihr Kindheitsheld. Und deshalb ist jede gegenteilige Behauptung, dass Jordan nicht der GOAT ist, auch ein Angriff auf sie, gegen ihre schöne Erinnerung. Das Phänomen gibt es auch im Fußball. Da glauben Menschen der älteren Generationen tatsächlich noch, dass Pelé und Maradona besser als Cristiano Ronaldo und Lionel Messi seien.
Man kann ihnen das nicht einmal vorwerfen, weil sie befangen sind. Gleichzeitig erliegen sie dem Trugschluss, dass der Beste einer Sportart ein Endzustand ist. Dabei ist es ein stetiger Prozess. Es ist wie in der Wirtschaft, alles verändert sich. Nichts währt ewig. Das müsste Dirk Nowitzki eigentlich am besten wissen.
Als er im Jahr 1998 in die NBA kam, waren Spieler mit seiner Körpergröße klassische Rebounder und Ringbeschützer. Sie standen in Korbnähe herum und warteten darauf, dass ihnen der Ball in die Hände fiel. Durch ihn veränderte sich das Spiel. Er war ein großer Spieler, der werfen konnte. Heute ist es normal, dass ein Spieler mit 2,13 Meter auch einmal an der Dreilinie steht und den Ball von dort im Korb versenkt. 

Die NBA hat sich verändert

Das ist nur ein Beispiel. In den vergangenen Jahren hat es sich noch viel mehr verändert. Der Basketball ist viel athletischer, viel schneller und taktisch versierter geworden. Das Niveau ist ein ganz anderes als damals zu Jordans Hochzeiten. In der heutigen NBA können die Spieler besser werfen und verteidigen. Es wird viel mehr geswitcht, das heißt, man muss als Spieler mehrere Positionen verteidigen, und im Raum verteidigt. Damals wurde in der Verteidigung mehr Manndeckung gespielt. Kurz gesagt: Es ist heutzutage viel schwieriger, so dominant wie LeBron James zu sein. 
Dazu kommt das Gesamtpaket. Jordan ist zwar der bessere Scorer, er erzielt im Schnitt drei Punkte pro Partie (30,1) mehr als James (27,1), aber verteilt weniger Assists, holt weniger Rebounds, ist nicht so athletisch wie James und der schlechtere Werfer von beiden. Das belegen alle Statistiken (hier und hier).
Deshalb ist es auch völlig egal, ob Jordan mehr Titel gewonnen hat. Das sieht Isaiah Thomas ähnlich: "Ich glaube, die aktuelle Generation von Spielern bekommt nicht genug Anerkennung", sagte er vor wenigen Tagen in einem Interview bei FOX Sports. "Die Athleten aus dieser Generation sind dem deutlich überlegen, was es in meiner Generation gab." Und weiter: Damals sei Michael Jordan der beste Athlet gewesen, "den wir jemals gesehen haben". Mittlerweile gebe es in der Liga aber "zehn oder elf Jungs, die Jordans Athletik haben. So etwas hatten wir nicht."
Quellen: "Spox" / "New York Times" / FOX Sports