Milliarden-Investitionen Nudel-Offensive, Papierfabrik, Schiffsflotte: Wie der Lidl-Konzern in der Krise sein Imperium ausbaut

Die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, ist das größte Einzelhandelsunternehmen Europas
© Jaap Arriens/ / Picture Alliance
Andere Unternehmen müssen in der Krise sparen. Lidl-Mutterkonzern Schwarz reagiert mit bemerkenswerten Investitionen – in neue Fabriken, IT-Systeme und eine eigene Container-Schiffsflotte. Ist das die Antwort auf Versorgungs- und Lieferkettenprobleme?

Die Schwarz-Gruppe kennen Verbraucher in Gestalt der Tochterunternehmen Lidl und Kaufland. Jetzt wird der Konzern auch noch einer der größten Nudelproduzenten der Republik. Sofern das Kartellamt zustimmt, übernimmt Schwarz zeitnah die Erfurter Teigwaren GmbH, "eine der traditionsreichsten Nudelfabriken Deutschlands", wie Schwarz mitteilt.

In Erfurt produzieren 170 Mitarbeiter rund 100.000 Tonnen Teigwaren im Jahr. Laut Lebensmittelzeitung handelt es sich um den größten Produzenten von Eigenmarkennudeln in Deutschland, der bisher im großen Stil unter anderem Edeka und Aldi Nord belieferte. "Ziel der Akquisition ist es, die Handelsunternehmen der Schwarz-Gruppe zuverlässig mit qualitativ hochwertigen Teigwaren-Produkten aus eigener Herstellung zu versorgen", erklärt der Lidl-Konzern, der sich zum Kaufpreis auf Anfrage nicht äußern wollte.

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Für sich genommen mag die Nudel-Offensive lediglich wie eine Branchennews klingen. Bedeutend, aber auch nicht super überraschend. Schließlich weiß man ja, dass Eigenmarken ein wichtiger Kern des Geschäfts von Discountern und Supermärkten sind. Bemerkenswert ist aber, in welcher Reihe die jüngste Akquisition steht.  

Papierfabrik und Knabberproduktion

Denn Schwarz kauft nicht nur eine Nudelproduktion, sondern auch sonst allerhand. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der Konzern eine Papierfabrik bei Karlsruhe mit mehr als 400 Mitarbeitern übernimmt. Über 200 Millionen Euro soll die Fabrik wert sein, die vom finnischen Papier- und Verpackungsriesen Stora Enso übernommen wird. Dort können Lidl und Kaufland künftig ihre Prospekte selbst drucken. Das benötigte Altpapier kann wiederum Prezero liefern, die konzerneigene Recyclingsparte. In deren Aufbau hat Schwarz im vergangenen Jahr einen Milliardenbetrag investiert, durch internationale Übernahmen ist Prezero zu einer europäischen Größe im Abfallgeschäft aufgestiegen.

Doch das war noch lange nicht alles, woran im Schwarz-Imperium gerade gewerkelt wird. Am Standort Rheine baut Schwarz neben der bestehenden Kaffeerösterei ein zweites Werk für Nüsse und Trockenfrüchte auf. Die Kaffeerösterei hatte auch erst Ende März den Betrieb aufgenommen – über 80 Mitarbeiter produzieren dort 50.000 Tonnen Kaffee für Lidl und Kaufland.  

Das sind alles bedeutende Investitionen, mitten in der schlimmsten Energiekrise seit Jahrzehnten. Während Papierhersteller in die Insolvenz rutschen und andere Industriezweige ihre Produktion einschränken, legt Schwarz offenbar erst so richtig los. "Möglich ist, dass wir noch weitere Akquisitionen vornehmen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten", kündigte Jörg Aldenkott, Chef von Schwarz Produktion, im Handelsblatt an.

Dabei waren die Neckarsulmer auch bislang kein kleiner Spieler: Bereits vor den jüngsten Zukäufen hatten die in der Tochtergesellschaft "Schwarz Produktion" gebündelten Produktionsbetriebe rund 4500 Mitarbeiter, die zum Beispiel Backwaren oder Schokolade herstellen. Schwarz Produktion zählt sich zu den Top Ten der deutschen Lebensmittelindustrie. Zwar produzieren auch andere Discounter- und Supermarktketten manche Produkte selbst. Doch so offensiv wie Lidl und Kaufland geht die Konkurrenz derzeit nicht vor. 

Lidl-Containerschiffe auf den Weltmeeren

Mit insgesamt 550.000 Mitarbeitern und 130 Milliarden Euro Umsatz ist die Schwarz-Gruppe das größte Einzelhandelsunternehmen Europas. Aber: "Ist Lidl überhaupt noch ein Händler?", fragt ketzerisch die Lebensmittelzeitung angesichts der jüngsten Umtriebe. Denn rund um das eigentliche Geschäft – das Verkaufen von Lebensmitteln – reißt der Konzern neben der Produktion weitere Bereiche an sich. Zum Beispiel in der Logistik: Dort hat Lidl in den vergangenen Monaten mit Tailwind Shipping Lines eine eigene Reederei aus dem Boden gestampft.

Zwischen China und Europa pendeln nun die ersten drei Lidl-Frachter mit Tausenden blau-gelben Containern über die Weltmeere. Dies sei ein Baustein zur Sicherung der Lieferketten und der Warenverfügbarkeit in den Filialen, erklärte Lidl dem Handelsblatt. Auch ein Ausbau der Flotte ist möglich. Denn das allgemeine Chaos in der Containerschifffahrt und verspätete Lieferungen hatten Lidl zuletzt insbesondere bei Nonfood-Aktionsware empfindlich getroffen.

Mehr Produktion in eigener Hand und mehr Kontrolle über die Lieferketten – das scheint die Antwort des Schwarz-Konzerns auf eine veränderte Weltlage zu sein, in der Krisen manch gewohnte Versorgungssicherheit in Frage stellen. Und in der es nebenbei natürlich auch immer um Gewinnmargen geht. 

Cloud-Angebot und israelische Cybersecurity

Daneben wagt sich der Lebensmittelriese auch auf komplett andere Felder. So hat Schwarz eine neue Cloud-Plattform entwickelt, die nicht nur der eigenen IT dienen soll, sondern auch ein eigenständiges Geschäftsfeld bietet. Seit diesem Jahr wird der Cloud-Speicherplatz in großem Stil mittelständischen Unternehmen angeboten, die keine Lust haben, ihre Daten in die Clouds der großen US-Anbieter zu geben.

Und auch bei der IT-Sicherheit hat die Schwarz-Gruppe zuletzt mächtig aufgerüstet. Um sich besser gegen Hackerangriffe schützen zu können, erwarb der Konzern Ende 2021 die israelische Firma XM Cyber, gegründet von ehemaligen Agenten des Mossad. Die Cybersecurity-Firma soll mehr als 500 Millionen Euro gekostet haben.

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