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Pkw-Neuzulassungen auf Wachstumskurs Branchenexperte Dudenhöffer warnt vor Auto-Rezession in Europa: "Wir fallen in eine neue Krise"

Portraitbild von Prof. Ferdinand Dudenhöffer
Prof. Ferdinand Dudenhöffer beim Genfer Autosalon. Der Branchenexperte sieht die Automobilbranche erneut vor schwierigen Zeiten.
© dpa-tmn | Nicolas Blandin / Picture Alliance
Nach über einem Jahr verzeichneten die Pkw-Neuzulassungen in der EU zuletzt erstmals wieder Wachstum. Für den Branchenexperten Prof. Ferdinand Dudenhöffer ist das jedoch keineswegs ein Grund zum Aufatmen. Er warnt gegenüber dem stern vor einer "neuen Krise" in der Automobilbranche.

Im Juli waren die Neuzulassungen von Pkws in der EU noch um Minus 10,4 Prozent zurückgegangen – trotz des ohnehin niedrigen Vergleichszeitraums. Der Halbleitermangel belastete weiter die Produktion. Die vier großen Absatzmärkte schrieben schlechtere Zahlen als vor einem Jahr. Deutschland erlebte mit Minus 12,9 Prozent den stärksten Rückgang, vor Spanien mit Minus 12,5 Prozent.

Einen Monat später erlebten die Pkw-Zulassungen in der EU dann erstmals seit 13 Monaten wieder einen Zuwachs, wie der europäische Branchenverband Acea vergangene Woche Freitag mitteilte. Sie lagen bei über 650.000 zugelassenen Einheiten – ein Plus von 4,4 Prozent. Die vier wichtigsten EU-Märkte verzeichneten allesamt ein Plus: Italien 9,9 Prozent, Spanien 9,1 Prozent, Frankreich 3,8 Prozent und Deutschland immerhin 3 Prozent. Diese Zahlen liegen noch weit unter dem Vorpandemie-Niveau. Beginnt damit dennoch ein Weg der Besserung für die europäische Automobilbranche?

Branchenexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (Car) erklärt gegenüber dem stern, dass sich die Halbleiter-Krise entspannt habe. Die Autobauer würden langsam wieder in den Normalmodus gehen, wodurch viele bereits bestellten Fahrzeuge ausgeliefert werden könnten. Daher komme das kleine Plus.

Zuversichtlich gibt sich Dudenhöffer dennoch nicht: "Insgesamt wird die Konjunktur schwerer und die Auftragsbestände schmelzen. Wir gehen also in eine Auto-Rezession in Europa", warnt er. Man schaffe es allmählich, die Angebotsprobleme zu lösen, "aber wir fallen gleichzeitig in eine neue Krise". In einem Report des Car, welcher im September verfasst und dem stern vorliegt, spricht Dudenhöffer von einer "neuen Herausforderung". "Diesmal fehlen keine Chips, sondern die Kunden. Der Automarkt kippt also von der Angebots- in eine Nachfragekrise", so der Branchenexperte. In der Folge geht er von einer Rückkehr der Fahrzeugrabatte aus. Denn hohe Preise seien aufgrund der geringen Nachfrage nicht durchzusetzen.

Dudenhöffer: Verteuerung der Neuwagen-Finanzierungen und Anstieg der Leasingraten für Neuwagen

Auf die ersten acht Monate des Jahres gesehen, ging das Gesamtvolumen der Pkw-Neuzulassungen um 11,9 Prozent auf fast 6 Millionen verkaufte Einheiten zurück. Diese Entwicklung werde Dudenhöffer zufolge auch erst einmal so weitergehen. Mit den steigenden Energiepreisen würden auch die Einkaufspreise für Material- und Zulieferteile steigen. Der Branchenexperte erwartet durch die steigenden Zinsen eine Verteuerung der Neuwagen-Finanzierungen sowie einen Anstieg der Leasingraten für Neuwagen. "Autobauer werden gezwungen sein, in Verluste zu gehen, um wenigsten mit positiven Deckungsbeiträgen einen Teil der Fixkosten zu erwirtschaften."

In China bringen staatliche Prämien den Neuwagenmarkt wieder zum Laufen, heißt es. Auch die USA seien aufgrund einer geringeren Energie-Abhängigkeit und eigener Erdöl- und Gasproduktion in einer komfortableren Situation als wichtige EU-Staaten. Hinzukommt die neulich von US-Präsident Joe Biden auf den Weg gebrachte Steuererleichterung "Inflation Reduction Act". US-Unternehmen stünden damit erheblich besser da als europäische und deutsche Unternehmen.

Und wann ist nun eine Besserung in Sicht? Laut Dudenhöffer, dürfte auch das kommende Jahr noch schwierig werden. "2024 wird es besser, aber die Besserung dauert. 2025 könnten wir wieder Anschluss finden, aber der 'Winter' ist lang." Da die Fahrzeugbestände deutlich in den vergangenen Jahren gealtert seien, rechne man beim Car ab 2024 mit einem längeren Aufschwung der Autoverkäufe in Europa, wenn die Energiekrise und der Russland-Aggressionskrieg wieder beherrschbar seien.

In dem Report prognostiziert Dudenhöffer außerdem eine schwierige Zeit für Elektroautos. Demnach werden sie aus verschiedenen Gründen ab dem Jahr 2023 der "größte Verlierer" in Deutschland sein.

Quellen: ACEA, Car, mit Material der dpa


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