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Concorso d'Eleganza di Villa d'Este: Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten

Am Ufer des Comer Sees treffen sich in jedem Jahr die bemerkenswertesten Automobile der Welt. Nirgendwo sonst kommt man den Schönheiten aus dem Reich des Karl Benz so nahe wie hier.

Von Gernot Kramper

Der Höhepunkt eines Sammlerlebens: Jeff Fischer mit Goldpokal

Der Höhepunkt eines Sammlerlebens: Jeff Fischer mit Goldpokal

"Die ist doch ein Model, das ist doch nicht seine Frau." - "Aber dann hätte er doch eine Hübsche nehmen können und nicht die da." Chanel schützt nicht vor Bosheit. Gemeint ist die blonde Beifahrerin, doch Jeff Fischer hört die eleganten Lästerzungen nicht. Für den Amerikaner versinken in dieser Sekunde aufgespritzte Zuschauerinnen, hochpolierte Oldtimer und das weite Blau des Comer See im goldenen Licht des Pokals des Publikumspreises der großen Autokonkurrenz.

Vor Freude zermahlen Jeffs mächtige Gesichtsmuskeln den gewaltigen Kiefer, die ungeheure Nackenpartie droht vor Glück den Maßanzug zu sprengen. Jeff ist im Himmel angekommen, sein Transportmittel in die Sphäre über den Wolken: ein Ferrari 212 Export Spider Vignale.

Ferrari 212 Export Spider Vignale

Ferrari 212 Export Spider Vignale

Sorgsam manikürte Hände mit den Dimensionen von Schaufelblättern schließen sich um den Gral der Oldtimerszene, den goldenen Pokal des Concorso d'Eleganza di Villa d'Este. "Vox Populi Vox Dei." Und diese Stimme hat ihn, ihn und seinen Spider Vignale von 1951 erwählt. Der braungebrannte Hühne mit der Gestalt eines römischen Gladiators stammt aus Amerika. Der Ferrari Spider eigentlich aus Italien.

Der Wagen von atemberaubender Eleganz wurde einst für Menschen einer anderen Epoche angefertigt: zierlichen Damen und feinsinnigen Herren mit Menjou-Bärtchen. Der jetzige Besitzer aus Florida steckt so stramm hinter dem Steuer, als hätte ihn ein Schuhlöffel hinein gleiten lassen. Die Frontscheibe reicht bis zur Höhe der Krawattennadel. Aber was sind Unbequemlichkeiten in dem Moment des höchsten Glücks.

Der Ruch des Skandals

Am Ufer des Comer Sees liegt nicht nur für Jeff Fischer das irdische Paradies der Autosammler. Seit dem Beginn 1929 findet hier das Treffen der Schönheiten des Automobilbaus und der Gesellschaft statt. Die Villa d'Este bildete den skandalträchtigen und prunkvollen Rahmen. Der Marquis Bartolomeo Calderara hatte die noble Villa am Ufer des Comer Sees 1785 erworben. Der Mailänder verjuxte hier standesgemäß ein Vermögen und heiratete weniger standesgemäß die Tänzerin Vittoria Pelusa. Nach dem skandalösen Auftakt machte Karoline von Braunschweig-Wolfenbüttel die Lotter-Villa zum Liebesnest. 1815 entfloh die Prinzessin von Wales ihrem unleidlichen Gatten König Georg IV und vergnügte sich in einem Reigen unendlicher Affären - allerdings ohne passende Automobile, diese Tradition setzte später, erst 1929, ein.

Die Jahre gehen, die Wagen bleiben

1929 war der Concorso d'Eleganza noch keine Traditionsveranstaltung älterer Wagen und ältere Herren, sondern eine Frühjahrsschau der flottesten Neuigkeiten. Die Jahre sind vergangen, die Wagen sind geblieben. Damit die Platzhirsche ihre Stammplätze nicht räumen mussten, verwandelte sich die Präsentation der Neuigkeiten in ein Treffen der Oldtimer, oder, wie man heute sagt, in eine gesellige Zusammenkunft von "Vintage Cars" inklusive "Vintage Owners". Bei Kleidung versteht man unter dem Begriff Vintage nagelneue Stücke, die schon leicht abgenutzt erscheinen. Bei Autos ist es offenbar anders, die Ausstellungsstücke am See erscheinen als zeitlose Schönheiten, ruhend in einer besseren Welt - befreit von Lochfraß und Beulen.

Die passende Bühne für den ganz großen Auftritt

Die passende Bühne für den ganz großen Auftritt

Die bedeutendste Schönheitskonkurrenz in Europa

Der weltweit älteste Schönheitswettbewerb für Automobile gilt als bedeutendste Veranstaltung dieser Art in Europa. Die schönste ist es schon wegen des lichten Gartens der Villa direkt am Comer See. Hier auf dem mondänen "Laufsteg" am Ufer kommt man den Pretiosen des Wagenbaus so nahe wie sonst nirgends. Es existieren keine Absperrungen, die Zuschauer kriechen unter die Motorhauben. Freundlich lächeln Chauffeure und Besitzer dem Publikum zu. Männer, die vermutlich allesamt auf Landsitzen mit eigener Rennstrecke residieren, freuen sich wie kleine Jungs über jede Frage zu ihren Besitztümern. Zwei Knaben - Dresscode: Ralph Lauren Sport - lassen sich vom Fahrer den Motor eines Lister Jaguars erklären. Die Kinderaugen und Münder staunen vor den schwarz ummantelten Zylinder. Wie der Rachen des Höllenhundes ragt die unendlich gestreckte Haube des Lister über ihnen in den Himmel, bereit den Nachwuchs in den sanften Wahnsinn der Autobessenheit zu entführen. Ob der Wagen auch "echte" Rennen gefahren sei, wollen sie wissen. Das Stichwort für den Fahrer, seine sonnengebräunten, harten Zügen schmelzen. Als er von den Heldentaten der sechziger Jahre berichten kann, wird er wieder selbst zu dem Kind, das damals an der Rennstrecke stand.

Ein letzter, prüfender Blick

Ein letzter, prüfender Blick

Den Schätzen so nahe

Wer möchte, darf sogar am Allerheiligsten - nämlich hinter dem Steuer - Platz nehmen. Niemals wird großzügiger mit verschwenderischer Pracht umgegangen, als hier im Frühjahr in der Villa d'Este. In Como steht der Wagen als Fahrzeug im Vordergrund. Nicht umsonst gibt es einen besonderen Preis für das Ausstellungsstück, das die längste Anreise auf sich genommen hat. Teilnehmen dürfen nur fahrbereite und fahrfähige Autos, viele Enthusiasten chauffieren ihr Glanzstück dafür auf eigener Achse zur Ausstellung. Neben überrestaurierten Prunkstücken - erstarrt in der sterilen Schönheit klimatisierter Ausstellungsräume - stehen die Boliden der Landstrasse. Dampfend und mit kleinen Schmacken. Unübersehbar die Öl verschmierten Lederhandschuhe auf dem Lenkrad des Bugatti 35 A. Ein Traum im absoluten Originalzustand. Wer ihn sieht, glaubt sofort, dass dieser Wagen immer noch mit vier Reifen auf der Rennstrecke um jede Sekunde kämpft. So wie damals, als sein Blech noch ganz jung war und er ungeduldig auf seinen Piloten Dick Seaman wartete.

Leidenschaften für ein Leben

Einen Heroen der Dreißiger, den der Besitzer des Voisin C14 persönlich gekannt haben könnte. Manche Wagen teilen ihre Lebensgeschichte mit dem Besitzer. Der menschliche Teil dieser Symbiosen leidet an der Zeit, nur die Wagen warten auf die Unendlichkeit. Der Herr des Voisin sitzt im Rollstuhl und schwärmt von den jungen Jahren. Trotz der Decke über den Knien, holen seine Hände weit aus und diese wunderbare Zeit zwischen den Kriegen wird wieder lebendig. Den Zuhörern, noch auf zwei Beinen unterwegs, aber von ähnlichem Baujahr, stehen Tränen der Rührung in den leuchtenden Augen.

BMW lädt ein

BMW lädt ein

Bayern-Power für das Treffen der Schönheiten

Der Frühling der ästhetisch ambitionierte Automobilisten entführt in eine Traumwelt, die auch von einem Autohersteller der Gegenwart gepflegt wird. Seit sieben Jahren sponsert BMW die Veranstaltung. Kein Wunder, dass das Jubiläum des 1955 vorgestellten BMW 507 sowie des BMW 503 im Mittelpunkt steht. Zu Recht, denn die Design-Ikone 507, die Albrecht Graf Goertz 1955 schuf, lässt heute noch den Atem stocken. Zum Fünfzigsten errang der Klassiker den Preis für das am besten erhaltene Auto. Zusätzliches Schmuckstück sollte der 75. Geburtstag des italienischen Designstudios Pininfarina werden, sehr seltene Stücke des Hauses wurden präsentiert - leider im strömenden Regen. Neben Klassikern wie dem Cisitalia 202 von 1947 oder dem Lancia Aurelia B24 S von 1954 brachte Pininfarina auch die aktuelle Studie "Birdcage" auf Maserati-Basis unter Regenplanen an den Comer See.

Konzeptfahrzeuge

Neben den Wagen der guten Jahrgänge werden in der BMW-Ära auch aktuelle Konzeptwagen gezeigt. Der Designpreis für das beste, moderne Konzeptfahrzeug ging an die Peugeot 907 Studie aus dem Jahr 2004. Das 12 Zylinder-Coupé wurde von Robert Peugeot höchstselbst vorgeführt. Ob ein Wagen, der seine Gestalt dem Zusammenprall von Zitaten und geballten Männerphantasien verdankt, einen Designpreis verdient, kann allerdings bezweifelt werden. Lustiges Detail ist der "Schneewittchen-Sarg" auf der Motorhaube, unter dem blanken Kristall verrichten die zwölf Zylinder ihr Werk.

Der Traum vom schöneren Fahren

Wer nur genießen mag, kann schwelgen und träumen, aber angesichts der strengen Teilnahmebedingungen fällt der Concorso ein Urteil über Eleganz und Klarheit vergangener Epochen. Alle Wagen und Marken wie Ballot, Bentley, Voisin, Maybach, Ferrari oder auch Pegaso gehören zu einem Kanon, der weit über das Reich der Blechformen hinausweist. In ihnen spürt man den Geist einer Epoche.

Unter dem Ungeist des Zeitalters der mechanischen Reproduzierbarkeit leiden diese Wagen nicht. Ihre Aura richtete sich nicht zuletzt an der bedingungslosen Hingabe der Sammler auf. Auf dem von BMW ins Leben gerufenen Designgespräch wurde ein grundlegender Mangel der jungen Generation von Gestaltern erkannt. Ganz überwiegend sehen und fühlen sie in der virtuellen Welt ihrer dreidimensionalen Animationen. Gewiss sind nicht alle in den in den vergangenen Jahren entwickelten Fahrzeugen einfach gesichtslos oder austauschbar. Aber eines haben sie alle verloren, diese pure Sinnlichkeit des geformten Materials. Sie sucht man auf den am Computer entworfenen Modellen vergebens.

Rückkehr im Triumph

Die Sinnlichkeit seines Triumphes erlebt Publikumsliebling Jeff Fischer dagegen mit jeder Faser. In der linken Hand hält er den Pokal, der rechte Arm umfasst die blonde Begleiterin und wäre der Vignale nur ein wenig kleiner, dann würde er den Ferrari ebenfalls unter den Arm klemmen und sich auf den Weg nach Hause machen.

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