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Fahrbericht Lamborghini Countach LPI 800-4 Säulen-Eiliger

Lamborghini Countach LPI 800-4
Lamborghini Countach LPI 800-4
© press-inform - das Pressebuero
Lamborghini wagt sich an die Neuinterpretation der Legende Countach. Die brachiale Kraft des Mildhybrid-Supersportlers überzeugt, auch wenn er nicht die unbarmherzige Radikalität des Vorbilds erreicht.

Der Lamborghini Countach ist eine Ikone der 1970er und 1980er-Jahre. Ein Jungentraum, der in Filmen wie „Auf dem Highway ist die Hölle los“ die Herzen der männlichen Besucher mit dem ersten Flaum auf dem Kinn höherschlagen ließ. Ein Trumpf, der in jedem Auto-Quartett alle anderen Fahrzeuge ausstach. Zumindest in den relevanten Kategorien wie Höchstgeschwindigkeit und Beschleunigung. So ein Auto tastet man nicht an. Niemals. Oder doch? Lamborghini hat das Undenkbare gewagt und eine moderne Version der rollenden Legende auf die Räder gestellt. Auf 112 Stück limitiert, zum Preis von 2,39 Millionen Euro. Angeblich sind alle Exemplare bereits ausverkauft.

Aus gutem Grund: Rings um den Lamborghini-Firmensitz lockt ein Sportwagen keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Da gehören die Stier-Renner zum Straßenbild und nur wenige Kilometer weiter regieren Ferrari sowie Pagani. Doch wenn man mit dem weißen Neo-Countach um die Ecken kommt, ist bei den jungen Damen der Region das Smartphone Nebensache und die Hälse werden gereckt. Das liegt nicht am brachialen Sound des 6,5 Liter-Motors (im Vergleich zum Original-Countach klingt der moderne Zwölfender fast schon zivil), sondern an der Präsenz des Super-Sportlers. Jeder kennt den Urahnen, jeder weiß, dass auch die Neuauflage ein außergewöhnlicher Bolide ist.

Das geht schon beim Antriebsstrang los. Ein konventioneller Plug-in-Hybrid wäre für diesen Lambo zu gewöhnlich. Also kombinieren die italienischen Techniker den 574 kW / 780 PS starken V12-Aggregat (Zylinderbankwinkel: 60 Grad ) mit einem 48-Volt-Elektromotor, der weitere 25 kW / 34 PS zu dem Trommelwirbel beisteuert. Unterm Strich ergibt das eine Systemleistung von 599 kW / 814 PS und ein maximales Drehmoment von 720 Nm. Der Clou, der die Italo-Elektrifizierung von einem Normalo-MHEV unterscheidet, sind die Super- Kondensatoren, die extrem schnell Leistung abgeben und wieder aufnehmen können. Connaisseuren kommt dieses MHEV-Konzept bekannt vor. Richtig. Der Antriebsstrang stammt vom Lamborghini Sian.

Doch genug der Vorrede. Jetzt geht es zur Sache, sprich hinter das Lenkrad. Das Jetfighter- Cockpit könnte genauso gut aus dem Film Top Gun stammen. Typisch Lambo. Aber immer noch lässig. Der Startknopf hinter dem hochklappbaren Bügel hat einfach was. Nach einem kurzen Druck erwacht das Zwölfzylinder-Biest im Rücken des Piloten fauchend zum Leben. Bereit bei der geringsten Bewegung des Gasfußes mit aller Macht gen Horizont zu feuern. OK, ok, wir geben es ja zu. Letztendlich steckt auch die Technik des Lamborghini Aventador SVJ unter der ansehnlichen Hülle. Allerdings flitzt die Karosserie des Neo-Countach einen Zentimeter tiefer über den Asphalt. Weswegen wir bei Bremsschwellen die Vorderachse um fünf Zentimeter anheben. Doch diese Pflichtaufgabe nehmen wir bei so einem seltenen Stück gerne in Kauf.

Der Spaß kommt dennoch nicht zu kurz. Die Melange aus neuen Superkondensatoren und altem klassischen V12-Sauger funktioniert so prächtig, dass uns das breite Grinsen förmlich im Gesicht festtackert. Denn die PS-Power und die 35 Newtonmeter der E-Maschine geben dem Zwölfender nicht nur den extra Kick, sondern stopfen auch Schaltlöcher. Der Extra-Tritt ins Kreuz ist spürbar. Säulen zeigen den Energiestrom an. Wenn man den Lamborghini Countach LPI 800-4 fliegen lässt, wachsen und schrumpfen die Balken in Sekundenschnelle. Je nachdem, wie sehr der Elektromotor gefordert ist.

Wir nähern uns dem Dynamik-Klimax von unten an. Los geht‘s im Strada-Modus. Und siehe da. Der Neo-Countach kann auch GT. Die variablen Dämpfer schalten in den Weichspülmodus (bei einem Lamborghini ist das natürlich relativ) und man kann auch längere Strecken ohne Zahnschutz absolvieren. Aber die Ruhe trügt: Sobald man per schwungvollen Tritt des rechten Fußes das Kommando zum Sturmlauf gibt, bricht im Heck der weißen Flunder der Orkan aus. Nicht übertrieben krawallig, sondern satt vollmundig schlürfend, ohne hypernervöses Ladedruckpfeifen. Die feinen Softwareänderungen am Fahrwerk gegenüber dem Aventador SVJ machen sich bereits in diesem Fahrprogramm bemerkbar und der Countach lässt sich auch in schnellen Kurven nicht aus der Ruhe bringen. Der Sport-Modus ist etwas für die Alltagsdynamiker. Der elektrifizierte Sauger reagiert deutlich aufmerksamer auf die Bewegungen des Gaspedals und das automatisierte Siebengang-Schaltgetriebe wechselt die Fahrstufen spürbar schneller. Das Fahrwerk strafft sich, die Kennlinie der hydraulischen Servolenkung wechselt in einen direkteren Modus und die Rückstellkräfte erhöhen sich. Sport ist definitiv das ausgewogenste Fahrprogramm. Die Elektronik des Haldex-Allradantriebs lässt das Heck etwas mehr von der Leine, was im Zusammenspiel mit der Hinterachslenkung auch bei langsameren Ecken positiv bemerkbar macht. Der Neo-Countach wird nie so agil wie ein Huracan sein, aber lässt sich mit Mut, gefühlvollem Gasfuß und dem richtigen Lenkeinschlag prächtig um jede Asphaltwindung zirkeln.

Wer alles aus dem 1.595 Kilogramm schweren Supersportler alles herausholen will, schaltet in den Corsa (Rennstrecken)-Modus. Dann bricht die Beschleunigungsorgie der beiden Antriebe wie das jüngste Speed-Gericht über den Fahrer herein. Die Super-Kondensatoren vollziehen ihre Aufgabe blitzschnell und der Lamborghini Countach LPI 800-4 mutiert vollends zum Säulen- Eiligen, wuchtet sich in nur 2,8 Sekunden aus dem Stand auf Landstraßentempo und rennt weiter bis 355 km/h. Wahnsinn. Brutal. Das adaptive Fahrwerk geht keine Komfort-Kompromisse mehr ein, wir schieben den Zahnschutz wieder in den Mund und schnalzen die Gänge eigenhändig mit den Schaltwippen hinein. Das Orchester Furiosa mit seinen zwölf Posaunen liefert den passenden Soundtrack zu diesem Italo-Asphaltwestern. Fehlt nur noch der Soundtrack von Ennio Morricone, aber dafür klingen die zwölf Posaunen umso besser.

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