HOME

Mercedes 230 - die kleine Heckflosse: Auf Amerikas Spuren

Die Zahl der Klassiker aus dem Hause Mercedes ist ungezählt. Zumeist sind es Sportwagen, Coupés oder große Limousinen, die sich in der Automobilhistorie ihren festen Platz sicherten. Die kleine Heckflosse der Baureihe W 110 steht zumeist allenfalls in der zweiten Reihe; dabei ist ihr Design auch heute noch spektakulär.

Mercedes 230 der Baureihe W 110 - Zwischenstopp an legendärer Stelle

Mercedes 230 der Baureihe W 110 - Zwischenstopp an legendärer Stelle

Allerdings erst auf den zweiten Blick, denn mehr als jedes andere Auto aus deutschen Landen orientierte sich die Sternen-Baureihe W 110 mit ihren ausladenden Formen an Vorbildern amerikanischer Straßenkreuzer. Die Heckansicht verlieh dem Oberklassemodell ihren einzigartigen Namen: Heckflosse. Dabei sind die beiden Schweife oberhalb der Kofferraumkanten eher Heckflösschen denn ernsthafte Flossen, wie man diese von automobilen Designskulpturen wie einem Chevrolet Bel Air oder einem Plymouth Belvedere kennt. Kein Wunder, dass die Daimler‘sche Heckflosse in den amerikanischen 60er Jahren, als der dortigen Automobilbau in seiner Designopulenz kaum irdische Grenzen kannte, nicht weiter auffiel. In Europa machte sich der W 110 in erster Linie als Taxi einen Namen. Die Versionen 190 D und 200 D waren echte Wanderdünen und mit den gerade einmal 40 kW / 55 PS konnte man Mitte des Jahrzehnts nicht einmal einem VW Käfer ernsthaft davonfahren. Die Taxifahrer landauf und landab liebten ihre kleine Heckflosse jedoch wegen des üppigen Platzangebots und der unerschütterlichen Langlebigkeit. Aus den Köpfen mit elfenbeinweißem Gedankengut ist die Heckflosse mittlerweile weitgehend verschwunden; zu mächtig war das Ansehen des Dauerläufers Strich-Acht, der 1968 kaum dynamischer das Ruder bei den Taxlern übernahm.

Auf Amerikas Spuren
Mercedes 230 der Baureihe W 110 - Zwischenstopp an legendärer Stelle

Mercedes 230 der Baureihe W 110 - Zwischenstopp an legendärer Stelle

Doch der Nachfolger des barocken Ponton-Mercedes machte sich nicht nur wegen seines Designs, sondern insbesondere wegen seiner Sicherheitsausstattung einen Namen. So war der W 110er eines der ersten Fahrzeuge mit einer verstärkten Fahrgastzelle und entsprechenden Knautschbereichen. Das gute Platzangebot stammt nicht zuletzt von der engen Verwandtschaft zu den größeren Schwestermodellen der Baureihe W 111 / W 112, die bereits seit Ende der 50er Jahre angeboten wurden. Nicht als ebenso sparsamer wie unverwüstlicher Diesel, sondern in seiner 230er-Topversion machte sich die 4,73 Meter lange Limousine einige tausend Kilometer weiter westlich auch einen Namen in den USA. Der Mercedes 230 wird im Gegensatz zu den meist dieselbetriebenen Vierzylindern europäischer Auslieferung von einem Reihensechszylinder des Typs M180 angetrieben, der in seiner neueren Ausbaustufe 88 kW / 120 PS leistet und den 1,4 Tonnen schweren Viertürer auf Wunsch immerhin bis zu 175 km/h schnell macht. Seinerzeit kostete der Vorzeige-Mercedes in den USA rund 4.500 Dollar - deutlich mehr als die meisten seiner amerikanischen Vorbilder. Das kann man von Zylinderzahl, Hubraum und Leistung nicht sagen - im Gegenteil. Trotzdem zieht sich der Klassiker mit seinen 178 Nm maximalem Drehmoment auch heute noch munter steile Anstiege hinauf. Angenehm zurückhaltend zeigt sich Minnie Finnie - so der amerikanische Spitzname - an der Zapfsäule. Mit kaum mehr als zehn Litern lässt sich der einstige Schwabenpfeil auf 100 Kilometern fahren.

Auf den amerikanischen Highways ist man damit heute wie vorgestern flott unterwegs; auch weil sich das 2,3-Liter-Triebwerk nicht durch eine US-typische Wandlerautomatik - auf Wunsch beim 110er verfügbar - selbst lähmt. Die serienmäßige Viergang-Handschaltung ließ sich optional ab Mitte der 60er Jahre auch mit einem Schaltgestänge am Mitteltunnel bekommen. Lässig schwimmt der Schwabe damit auch heute noch im kalifornischen Alltagverkehr des Großraums Los Angeles mit. Dann und wann reckt ein Autofan auf vier oder nur zwei Rädern bei der Vorbeifahrt den Daumen hoch, denn der dunkelgrüne 230er ist ein echter Beau. Bei Kurvenfahrt verlangt es nach einem gewissen Vorlauf und dem bekannten Anpeilvermögen des Piloten, denn die Lenkung ist trotz technischem Bestzustands des Fahrzeugs alles andere als präzise und nur nicht nur bei Regen lässt die Spurtreue der Reifen alle nur erdenklichen Wünsche offen. Der scheppernde Klang des Mittelwellenempfängers mit seinem mexikanischen Klängen wird ab 60 Meilen pro Stunde von deutlichen Windgeräuschen übertönt. So recht stören tut dies keinen der Insassen, denn hat man in den schwingenden Federsesseln mit hellem MB-Tex erst einmal Platz genommen, ist man Umwelt und aktuellem Zeitgeschehen ohnehin weit entrückt.

Man reist ohne es besonders zu bemerken entspannt Richtung kalifonischer Wüste, wo die Temperaturen wärmer und der Verkehr zusehends weniger werden. In Europa seinerzeit nahezu undenkbar, gab es die Heckflosse in den USA einst sogar mit einer optionalen Klimaanlage, die durch spezielle Lüftungsdüsen an der Unterseite des Armaturenbretts kühle Luft in den Innenraum presste. Angesichts dessen, dass es auch aufgrund der großen unkolorierten Glasflächen bereits bei mäßiger Sonneneinstrahlung im Innern angenehm sehr warm wird, eine überlegenswerte Extraausstattung, die sich heutzutage sogar nachrüsten lässt. So müssen es für eine Brise die manuellen Seitenfenster sein, die sich ebenfalls im Gegensatz zu den US-Vorbildern von Chrysler, General Motors oder Ford noch manuell herunterkurbeln lassen. Wer die kleinen Dreiecksfenster aufstellt, bekommt auch bei höherem Tempi einen angenehmen Windzug ins üppig dimensionierte Innere der Limousine. Ansonsten ist die Ausstattung des dunkelgrünen Vorzeigemodells betont karg. Außer dem Mittelwellenradio nebst Antenne und des mittig auf der spartanischen Instrumententafel verbauten Lautsprechers glänzt der 230er aus dem Jahre 1966 kaum durch erwähnenswerte Sonderausstattungen. Auch die Instrumentierung ist überschaubar. So gibt es neben dem Balkentachometer nur Anzeigen für Temperatur, Tank und Öldruck - mehr brauchte früher niemand für seine große Fahrt. Und die Aufgabe des Drehzahlmessers übernimmt das Gehör des Fahrers. Maximal macht der Reihensechszylinder immerhin 5.400 Touren.

Auf dem Klassikmarkt sind gute Modelle der Baureihe W 110 rar gesät. Ein Fahrzeug mit nachvollziehbarer Historie und einem ordentlichen technischen wie optischen Zustand kostet rund 15.000 Euro. Die Reihensechszylinder mit zunächst 105 und später 120 PS sind deutlich beliebter und liegen ebenfalls noch unter der 20.000-Euro-Marke. Die Modelle der großen Heckflosse W 111 sind zumeist ein paar tausender teurer, kaum besser ausgestattet, aber beliebter und häufiger anzutreffen. Wer daher einen coolen Klassiker mit jeder Menge Langstreckenkomfort und entsprechender Alltagstauglichkeit sucht, ist mit der kleinen Heckflosse bestens bedient; am besten als 230er.

pressinform

Wissenscommunity