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ADAC-Skandal: Schluss mit der Selbstherrlichkeit!

Die Zahlentricksereien des Pressechefs ruinieren die Glaubwürdigkeit des ADAC. Mit einem Rücktritt ist es nicht getan. Der Club muss endlich aus dem Vereins-Feudalismus herausfinden.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

Wütend wurden alle Vorwürfe abgestritten, die Wahl zum Lieblingsauto des Jahres manipuliert zu haben. Noch auf der Preisverleihung am Donnerstag machte ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair die Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" lächerlich. Typisch ADAC: Kritiker galten schon immer als Verleumder und Schmierfinken. Inzwischen musste die Vereinsführung kleinlaut zugeben, bei der Leserwahl getrickst zu haben.

Für den Verein ist das ein Gau, denn der Skandal greift seine Glaubwürdigkeit an. Kritiker hat der ADAC wie Sand am Meer. Die einen prangern die wirtschaftlichen Aktivtäten des Vereins an, anderen passt die politische Lobbyarbeit nicht. Diese Kritik kratzte die Vereinsspitze nie, weil die Nörgler nicht für die 18 Millionen Mitglieder sprachen. Aber wenn jetzt getrickst wurde, trifft es den ADAC im Kern. Denn der Skandal wirft Fragen auf: Welche Aussagen haben jetzt noch Bestand? An den verkehrspolitischen Positionen des Vereins entzündete sich immer Kritik, doch die Testergebnisse zu Unfallgefahren, Verbrauchswerten oder Autoreifen galten als Bibel des Autofahrers.

Ein unnötiger Skandal

Auf den ersten Blick hat der selbstherrliche Pressechef Michael Ramstetter den Imageverlust des Autoclubs zu verantworten. Eine Idiotie war es obendrein. Eine Organisation wie der ADAC müsste keine Daten fälschen, um vorzeigbare Teilnahmezahlen zu erreichen. Mit 18 Millionen Mitgliedern, der auflagenstärksten Zeitschrift in Europa und mehreren populären Seiten im Internet ist eine breite Beteiligung ein Kinderspiel. Und wenn die Redaktion der eher biederen ADAC-Motorwelt eine Useraktion nicht hinbekommt, hätte Ramstetter eine Agentur beauftragen können. Am Kleingeld darf der Erfolg beim ADAC eigentlich nicht scheitern. Zur Erinnerung: Die 18 Millionen Mitglieder zahlen jährlich mindestens 84 Euro Beitrag. Ramstetter hat sich offenbar von seinen Untergebenen die echten Zahlen ins Büro liefern lassen. Als sie seinen Schreibtisch wieder verließen, sollen sie sich vervielfacht haben.

Dass ein Egomane wie Ramstetter die Zahlen frisierte, ist nicht die Schuld des ADAC. Aber es ist das Versagen der Vereinsführung, dass der Kommunikationschef jahrelang ein Schreckensregiment führen konnte, das die Mitarbeiter zum Stillhalten zwang. Interne Kontrollen, ein zuverlässiges Management bei Unstimmigkeiten, so etwas gibt es beim ADAC nicht. ADAC-Chef Obermair muss sich nun fragen, was intern schiefgegangen sein musste, wenn Mitarbeiter Informationen der Presse stecken, anstatt zu ihm zu kommen. Denn die Loyalität der Mitarbeiter zum Verein ist in aller Regel groß.

Im Schneetreiben fährt ein SUV der Polizei mit Blaulicht auf einer Autobahn. Auf der Gegenfahrbahn steht ein Autotransporter.

Selbstherrlichkeit der Führungstruppe

Die Strukturen des ADAC sind mit seiner Größe nicht mitgewachsen. Und das ist kein Versehen - von dem Missverhältnis profitiert die Führungsriege. Die Chefs auf Bundesebene und die der einzelnen "Gaue" sind proforma den Mitgliedern verantwortlich. Die interessieren sich aber meist nur für die Pannenhilfe und nehmen am internen Leben des Vereins nicht teil. Dieses Desinteresse führt letztlich dazu, dass die Führung des Clubs nur sich selbst verantwortlich ist. Denn der ADAC hat keine Anteilseigner, wird auch nicht vom Steuerzahler subventioniert. Das sichert ihm Unabhängigkeit, hat aber zu einem ausgeprägten Vereins-Feudalismus geführt.

Lückenlose Aufklärung verspricht der ADAC jetzt. Sicher ist es ein guter Anfang, dass der selbstbewusste Chef Obermair sich nicht scheut, der "Süddeutschen", die den Stein ins Rollen brachte, Rede und Antwort zu stehen. Michael Ramstetter trat von allen Ämtern zurück und beschönigte gegenüber der "SZ" nichts: "Ich habe Scheiße gebaut und die Zahlen geschönt. Daraus ziehe ich die Konsequenzen und übernehme die Verantwortung", gab er zu. Im Vergleich zu manchen Rücktritt auf Raten, ist das zumindest konsequent.

Strukturreformen bitter nötig

Doch wichtiger für die Zukunft sind jetzt Strukturreformen, die für mehr Transparenz im Club und ein funktionierendes Beschwerdemanagement sorgen. Der ADAC muss endlich aus den Erfahrungen von Großunternehmen lernen und kann nicht weiter wie ein besserer Schrebergarten geführt werden. Einschneidende Maßnahmen sind nicht nur wegen des Ansehens in der Presse notwendig, inzwischen halten auch die treuesten Mitglieder - die mit dem goldenen Kärtchen - ihre Führung für abgehoben und selbstherrlich. Und dieser Vertrauensverlust erschüttert die Grundlagen des Mega-Vereins, das hat auch Obermair erkannt: "Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind unser höchstes Gut." Viele glauben, der Club lebe nur von der Pannenhilfe, in Wirklichkeit sind andere Mitglieder das Mark des Vereins. Sie sind quasi lebenslang dabei und bleiben im Club, obwohl sie wegen der Mobilitätsgarantie ihres Autos gar keine Pannenhilfe nötig haben. Wenn sie sich vom Verein abwenden, wäre das ein Katastrophe.

Auch der Autor dieses Kommentars ist langjähriges ADAC-Mitglied - mit Goldkarte, Mitgliedschaft "Plus" und Mobilitätsgarantie.

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