HOME

Automarkt im WM-Land Brasilien: Fußball, Samba, Gol

In den nächsten fünf Wochen dreht sich weltweit alles um das Thema Fußball. Doch das Austragungsland Brasilien hat mehr zu bieten als Copacabana, Selecao, und die Weltmeisterschaft. Der Automarkt gehört längst zu den wichtigsten der Welt.

Brasilien bereitet sich seit Jahren auf zwei gigantische Ereignisse vor. Diesen Sommer feiert ein ganzes Land Karneval und hat beim Sambatanzen einen Ball am Fuß. In zwei Jahren geht die Party mit dem Olympiade in Rio de Janeiro weiter. Der nationalen Wirtschaft kann das nur guttun und das dürfte den ohnehin gesunden Autoabsatz weiter beflügeln. Während der europäische Markt seit Jahren unwillig vor sich hindümpelt und eine Besserung kaum in Sicht ist, geht in Brasilien seit einem Jahrzehnt die Post ab. 2013 stagnierte der Markt mit knapp 3,8 Millionen neuen Autos erstmals und auch in diesem Jahr dürfte die Vier-Millionen-Marke nach Angaben des Branchenverbandes Anfavea nicht fallen. Doch längst hat der brasilianische Automarkt deutlich mehr Volumen als der deutsche und bis 2020 soll der brasilianische Markt über sechs Millionen Neuzulassungen pro Jahr feiern können. Damit lägen die Brasilianer auf Platz drei hinter China und den USA. Anfang des Jahrtausends lag die Zahl bei gerade einmal 1,5 Millionen Autos.

Auch wenn der Volkswagenkonzern in Brasilien ebenso wie in Deutschland den Volumenmarkt beherrscht, gehen die Uhren in dem südamerikanischen Sambastaat anders. Für Elektromotoren oder Hybridfahrzeuge interessiert sich in Brasilien nicht nur zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft wenig und selbst um effiziente Dieselmotoren machen die Einwohner von Rio de Janeiro, Sao Paulo oder Brasilia einen großen Bogen. Die meisten Autos auf brasilianischen Straße tanken Ethanol. Den riesigen Landmassen sei Dank wird landesweit Zuckerrohr angebaut, dessen Bestandteile aufwendig destilliert oftmals den Weg in Zapfsäulen und Tanks der Autos finden. Die Motoren verbrennen den Kraftstoff dabei in einem beliebigen Mischungsverhältnis von Ethanol und Benzin. Doch der lokale Siegeszug des Ethanol kommt seit einiger Zeit ins Stocken. Der Preisvorteil hat sich aktuell auf rund 30 Prozent reduziert. Immer mehr Autofahrer greifen derzeit zum E22-Kraftstoff, der eine rund 22 prozentige Ethanol-Beimischung in sich trägt. Aufgrund der in den letzten Jahren um den Faktor zwei bis drei gestiegenen Zuckerpreise verkaufen immer mehr Plantagenbesitzer ihr Zuckerrohr für die Zuckerproduktion und nicht zur Herstellung von Ethanol. Der Absatz an Dieselkraftstoff ist trotzdem gigantisch. Denn der Großteil des Waren- und Güterverkehrs geschieht in dem Flächenstaat nahezu ausschließlich mit Lastwagen auf der Straße.

Doch Brasilien steht nicht nur für Zuckerrohr, die Copacabana, Ethanol und desolate Straßenverhältnisse. Die werden zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft noch schlimmer werden, als im normalen Alltag. Auf dem viergrößten Automarkt der Welt gibt es nur selten hochwertige Fahrzeuge zu sehen. Während in Deutschland auf 1.000 Einwohner über 500 Autos kommen, sind es in dem ehemaligen Schwellenstaat gerade einmal 200. Rund 70 Prozent aller Interessenten suchen ein Auto, das in erster Linie günstig und praktisch ist. Hohe Steuern sorgen dafür, dass ein Billigmobil wie der Bestseller VW Gol, seit fast 26 Jahren unangefochten die Nummer eins auf dem lokalen Markt, bereits in der Einstiegsversion mehr als umgerechnet 11.000 Euro kostet. Rechtzeitig zur Fußball-WM hat Volkswagen das Sondermodell Selecao in der Trikotfarbe gelb herausgebracht. 101 PS, elektrische Fensterheber, Klimaanlage und den Selecao-Schriftzug mit einer Nummer 10 auf der Flanke sollen bereits vor dem Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien automobile Lust auf die Fußball-Weltmeisterschaft machen, die insbesondere die beiden Hauptsponsoren Hyundai und Kia für weltweite Werbefeldzüge nutzen.

"Wir haben von dem Gol bisher mehr als sieben Millionen Fahrzeuge produziert. Er ist ein Stück Brasilien", unterstreicht Thomas Schmall, Präsident von VW do Brasil. Ein anderer Bestseller kommt von Ford und wird ebenfalls in einem 190-Millionen-Einwohnerstaat südlich des Äquators produziert. Der beliebte Kleinwagen-Crossover Ford Ecosport kostet mit einem betagten 1,6-Liter-Triebwerk bereits fast 19.000 Euro. Seit kurzem ist der Ecosport auch in Deutschland zu bekommen. Weitere Erfolgsmodelle heißen Fiat Siena / Palio, Renault Sandero, Toyota Etios, Chevrolet Corsa oder die kleinen Pick Ups wie Fiat Strada oder VW Saveiro Cross.

Größere Modelle werden trotz des gigantischen Gesamtmarktes von fast vier Millionen Autos pro Jahr kaum verkauft. Ein Grund ist die hohe Straßenkriminalität. Wer einen Audi A6, eine Mercedes C-Klasse oder einen 5er BMW sieht, hat meist ein gepanzertes Fahrzeug vor sich. Kriminalität im Straßenverkehr ist nach wie vor ein heißes Thema, obwohl sich die politische und finanzielle Lage des Landes beruhigt hat. Zehntausende zusätzlicher Sicherheitskräfte sollen in Brasilien auch für Ruhe du Ordnung auf den Straßen sorgen, während Philipp Lahm, Cristiano Ronaldo oder Neymar vor die runde Kugel treten.

Mustang-Fahrer blamiert sich - und rast in Zuschauer

Große Volumina lassen sich jedoch auch langfristig nur in den unteren Segmenten verwirklichen. Schließlich können sich in Brasilien nach wie vor knapp 40 Prozent aller Einwohner kein Auto leisten. Von der soliden Wirtschaftslage hat in den letzten Jahren insbesondere die Mittelschicht profitiert. Die steht noch auf die günstigen Einsteigermodelle. Erst in den nächsten Jahren soll bis zu zehn Prozent der Kunden in höhere Segmente abwandern. Ein Grund, weshalb auch Premiumhersteller wie Audi, BMW und Mercedes den brasilianischen Massenmarkt mittlerweile stärker denn je ins Visier nehmen. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis neue Produktionsstätten entstehen.

Press-Inform / pressinform

Wissenscommunity