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Verkehrssicherheit: Sollte das nicht Pflicht sein? Zu Besuch bei einem Fahrtraining für Senioren

Studien zeigen: Ab dem 75. Lebensjahr wird Autofahren gefährlich. In speziellen Fahrtrainings können Senioren ihre Fähigkeiten testen. Sollten das nicht alle tun? So läuft ein solches Training für Ältere ab.


Fahrtraining für Senioren: Ab dem 75 Lebensjahr wir Fahren gefährlich

Ein Tag, der Sicherheit bringen kann. Leider besuchen nur Fitte oder Einsichtige die Fahrtraining-Seminare.

Justina Mulansky klemmt hinterm Steuer ihres blauen Polo, älteres Baujahr und zum Glück Automatik, dazu hat ihr der Fahrlehrer damals nach der zehnten zähen Stunde im Schaltwagen dringend geraten. Um den Hals trägt sie die lange Kette mit dem roten Notfallknopf, den sie drücken kann, sollte sie mal stürzen und Hilfe brauchen. Motor läuft, Fuß auf der Bremse, Frau Mulansky ist bereit für die erste Übung beim Senioren-Seminar "Fit im Auto", das die Deutsche Verkehrswacht an diesem Augusttag in Nienburg an der Weser abhält.

Eigentlich ein äußerst wichtiges Seminar, denn ja, es vergeht kaum mehr ein Tag ohne die Meldung von Unfällen unter Beteiligung betagter Automobilisten. Mal demoliert eine 75-Jährige beim Rangieren zehn Autos wie Anfang August in Magdeburg; sie stand schon in der Parklücke, sie fand nur, sie stand zu schief. Mal rast ein 85-Jähriger mit seinem Mercedes in die Handtaschenabteilung des Kaufhofs und kommt erst an der Rolltreppe zum Stehen, so ­geschehen im April in Hamburg. Und fast täglich geistert irgendein Senior als Falschfahrer durch den Verkehrsfunk, weil er zum Beispiel, wie kürzlich auf der A3 in Franken, seine Ausfahrt verpasst und gewendet hatte. Dauernd passiert irgendwas, manchmal tragisch, manchmal skurril – und jedenfalls so oft, dass man sich fragen muss: Sind Oma und Opa, Mama und Papa noch Verkehrsteilnehmer oder schon -gefährder?

Frau Mulansky in der Gruppe vor dem Fahrtraining

"Und, was meinst du?" Nach der Testfahrt bekommt Justina Mulansky den dringenden Rat von Fahrlehrer Olaf Patschull (l.), Übungsstunden zu nehmen.

Das Radio war tabu

Mit 88 Jahren ist Frau Mulansky heute die Älteste im Senioren-Dutzend, was nicht heißt, dass ihre Fahrprüfung am längsten zurückliegt.

"71", sagt sie und kichert.

Sie meinen, 1971?

"Nein, das war 2003, kurz bevor ich 72 wurde." Vorher brauchte sie nicht selbst zu fahren, besser: durfte sie nicht. Solange ihr Mann lebte, fuhr er, er allein, selbst das Radio war für sie tabu.

Vor der Motorhaube des Polo liegt der leer gefegte Festplatz am Rande der Stadt. Bremstest, Frau Mulansky ist die Nächste. Aufgeregt? "Ein bisschen", sagt sie leise. Gestern Abend hat sie ein wenig Bauchweh bekommen und sich eine Wärmflasche ­gemacht. Dabei hatte sie ja längst gewusst, woran der freundliche Kontaktbereichsbeamte gerade noch mal alle Teilnehmer erinnert hat: "Niemand wird Ihnen nachher den Führerschein abnehmen, das ist ­keine Prüfung."

Gnaschwitz, 2. Februar 2019, ein Rentnerpaar übersieht ein Stoppschild und landet nach Unfall im Graben

Gnaschwitz, 2. Februar 2019, ein Rentnerpaar übersieht ein Stoppschild und landet nach Unfall im Graben

Aber ein Test ist es eben doch. Und bei diesem hier sollen die Senioren ihren Wagen auf 30 Stundenkilo­meter beschleunigen, bis Michael Rogge, der freundliche Fahrsicherheitstrainer, ein orangefarbenes Hütchen schwenkt, und dann: einmal Vollbremsung, bitte ohne "Stotterbremse", die früher in der Fahr­schule gelehrt wurde, lange vor der ­Erfindung des Antiblockiersystems.

Frau Mulansky atmet aus und drückt aufs Gas. Vorsichtig, 10, 20, 25, 20 km/h, dann steigt sie voll in die Eisen und kommt souverän direkt neben Herrn Rogge zum Stehen. "Schön gebremst, aber ein bisschen zu langsam gefahren", ruft er ihr durchs offene Fenster zu. "Ja, das ist schon immer mein Problem", sagt Frau Mulansky und kichert.

Im echten Leben ist ihr Schlimmeres auf der Straße nie passiert – und das, obwohl Justina Mulansky vom Alter her längst, so sagt Siegfried Brockmann, zur "Hochrisikogruppe" zählt. Brockmann ist Leiter der Unfallforschung der Versicherer und blickt mit Sorge auf die offizielle Unfallstatistik. Sein Fazit: Gefährlich wird’s ab 75. "Rechnet man die absoluten Fallzahlen auf die oft geringere Fahrleistung um, dann zeigt sich, dass über 75-Jährige genauso oft verunfallen wie 18- bis 21-jährige Autofahrer", sagt Brockmann. In einem Punkt sind die Alten sogar Spitze: Drei Viertel dieser Unfälle mit Personenschäden haben sie selbst verschuldet.

Frau Mulansky mit Fahrlehrer, auf den geöffneten Motorraum blickend

Warum qualmt der so? Frau Mulansky sorgt sich um ihren Polo. Fahrtrainer Rogge beruhigt sie: alles heil, nur ein bisschen zu viel Öl reingekippt – und ein bisschen zu viel Gas gegeben.

Vielleicht argumentiert Verkehrs­minister Andreas Scheuer, CSU, ­darum lieber mit den absoluten Fallzahlen aller Senioren ab 65. So kann er weiter behaupten: "Ältere Menschen bauen deutlich weniger schwere Unfälle als andere Autofahrer", um sogleich zu versprechen: "Einen Verkehrstest mit Senioren wird es mit mir nicht geben" Alles andere wäre in Deutschland auch politischer Selbstmord. Autofahren gilt hierzulande gern als Grundrecht, geschützt durch Artikel 2, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.

Land der Autofahrer, freie Fahrt für freie Bürger – das klingt so spießig dieselrußig, doch unter der Dreckschicht schimmert noch immer das Versprechen von Freiheit. Für Menschen wie Justina Mulansky geht es ganz konkret um die Freiheit der Gegenwart. Die Freiheit, nicht auf den Bus warten zu müssen, der in Brokeloh, wo sie wohnt, mit Glück zumindest selten kommt. Die Freiheit, weder Nachbarn noch Enkel bitten zu müssen, sie zum ­Friseur zu fahren. Oder zur Kirche.

Absurde Regelmäßigkeit

Für Wolf-Eckard Münch, 76, ist es die Freiheit, seine Frau zum Arzt zu fahren, ihr Rollstuhl passt perfekt in den Kofferraum des Checkheftgepflegten Touran. Und Henry Ho­grefe, mit 68 der Jungspund im Kurs, nimmt sich gar die Freiheit heraus, ein gänzlich unvernünftiges, AMG-getuntes Mercedes-SUV zu fahren, mit – nimm dies, Greta! – 376 PS.

Großschönau, 26. Mai 2019, Senior gerät mit seinem BMW in den Gegenverkehr und rammt zwei Autos

Großschönau, 26. Mai 2019, Senior gerät mit seinem BMW in den Gegenverkehr und rammt zwei Autos

In deutlichem Kontrast zu dieser Zahl steht allerdings die Geschwindigkeit, mit der Herr Hogrefe in diesem Moment seinen Boliden durch einen Slalomparcours schleichen lässt. Es folgt der kleine Polo von Frau Mulansky, der nun eine sehr lange Rauchwolke hinter sich herzieht. Eben, beim Starten des Motors, hatte sie aus Versehen statt auf der Bremse ein bisschen zu lange auf dem Gaspedal gestanden. Der Motor hatte mächtig aufgejault, weil der Hebel auf "P" wie "Parken" statt auf "D" wie "Drive" stand. Zum Glück für Mensch und Material.

Es sind wohl genau diese Art Versehen, die mit etwas mehr Pech als Polizeimeldung enden. So krachen in absurder Regelmäßigkeit Senioren in die Schaufenster der Läden in der Hamburger Waitzstraße. Zum Schutz werden vor den Parkplätzen nun verstärkte Poller montiert. Oft ist es Augenblicksversagen, manchmal vielleicht auch aufkeimende Demenz, wie bei jenem Rentnerpärchen, das einmal von der Polizei gestoppt wurde, als es mit Tempo 20 in Schlangenlinien über die Autobahn irrte. Die beiden hatten Kaffee bei Freunden im Nachbarort getrunken und waren auf der Heimfahrt mehrere Hundert Kilometer vom Weg abgekommen.

Aus Befragungen weiß man, dass die meisten Senioren behaupten: Wenn ich zur Gefahr werde, lass ich das Auto stehen. Die Frage ist, ob die Selbsterkenntnis rechtzeitig reift. Andererseits hat eine US-Studie herausgefunden, dass Senioren schneller abbauen, wenn sie den Führerschein verlieren. Sie sind weniger aktiv, schneller im Heim und die Gefahr, an Depression zu erkranken, ist doppelt so hoch.

Sind wir noch Verkehrsteilnehmer oder schon -gefährder? Auf dem Festplatz in Nienburg haben sich die Seniorinnen und Senioren zum Fahrtraining versammelt.

Sind wir noch Verkehrsteilnehmer oder schon -gefährder? Auf dem Festplatz in Nienburg haben sich die Seniorinnen und Senioren zum Fahrtraining versammelt.

Was also ist der richtige Weg?

Ein Junimorgen, Amtsgericht Düsseldorf. "Wenn Sie so lange Auto fahren wie ich, seit 1946, haben Sie eine sehr große Routine", sagt Herbert B., früher Handelsvertreter und heute Angeklagter. Vor knapp einem Jahr hat der 91-Jährige mit seinem Mercedes an einem Zebrastreifen eine Rentnerin und ihren weißen Pudel überfahren. Die Frau starb an den Folgen eines massiven Schädel-Hirn-Traumas.

"Es hätte jeden treffen können, auch eine Kindergartengruppe", sagt Robert Janak, ihr Sohn. Er und seine Schwester wollen, dass Herr B. nicht wegen fahrlässiger, sondern wegen vorsätzlicher Tötung verurteilt wird. Sie glauben nicht, dass Herr B. nichts sehen konnte, weil er just am Radioknopf drehte, wie er behauptet. Sie glauben, dass er ihre Mutter übersehen musste, weil er kaum ­sehen kann – und das lange wusste.

Das wiederum wissen sie von Herrn Puchmüller, einem Golf-­Bekannten des Angeklagten, der sich bei ihnen gemeldet hat. Herr B., so erzählt es Puchmüller jetzt auch dem Gericht, sei im Klub dafür ­bekannt gewesen, dass er Bälle ohne Hilfe nicht mehr wiederfand. Einmal habe er sogar einen Golf-Kart im Klubsee versenkt, weil das, was er noch für Rasen hielt, längst Entengrütze war. Spätestens danach hätten ihm mehrere Golf-Freunde ins Gewissen geredet, er solle das Autofahren lassen.

Fahrtraining in vielen Ländern Vorschrift

Am Ende belässt es die Richterin bei "fahrlässiger Tötung" und zehn Monaten auf Bewährung. Sohn und Tochter der Toten sind enttäuscht. Kein Urteil der Welt macht ihre Mutter lebendig, aber sie fragen sich, ob sie noch leben könnte, wenn jeder Fahrer ab einem bestimmten Alter zum Medizincheck müsste.

Solche Tests sind in mehr als zwanzig europäischen Ländern vorgeschrieben, in der Schweiz ab 75 Jahren, in Ungarn sogar schon für Fahrer über 40. Nur ein paar europäische Länder, darunter Frankreich und Deutschland, verlangen keine Checks – und das sogar mit dem ­Segen der Wissenschaft: Im Jahr 2014 haben sich 150 Verkehrssicherheitsexperten auf der Konferenz "Aging and Safe Mobility" gegen eine all­gemeine Verpflichtung ausgesprochen, weil "eine Verbesserung der Verkehrssicherheit" durch Einführung einer solchen Maßnahme "bislang nicht nachgewiesen" werden konnte.

Justina Mulansky hinter dem Steuer

Vollbremsung, bitte! Fahrtrainer Michael Rogge reißt das Hütchen hoch, Justina Mulansky, 88, tritt in die Eisen. "Schön gebremst, aber leider zu langsam gefahren", bemerkt Rogge.

Daran habe sich bis heute nichts geändert, sagt auch Unfallforscher Brockmann. Medizinische Probleme seien selten Auslöser für einen Unfall. Man nehme den Klassiker des Seniorenunfalls: das Linksabbiegen. Da ist der Gegenverkehr, dazu ­kommen Fußgänger oder Radfahrer, verschieden schnell, aus unterschiedlichen Richtungen – viele Informationen, die in kürzester Zeit in die richtige Handlung übersetzt werden müssen: warten oder fahren?

Wie gut Senioren das gelingt, müsse man, so Brockmann, im echten Verkehr überprüfen. Er plädiert darum für "Rückmeldefahrten". Vom 75. Geburtstag an sollte jeder Autofahrer in regelmäßigen Abständen verpflichtend mit einem Fahrlehrer auf Probefahrt gehen. Die Zeit für eine derartige gesetzliche Regelung drängt: 2030 wird es rund vier ­Millionen mehr Rentner geben als heute – je größer ihre Zahl, desto schwieriger die politische Durch­setzung.

In Nienburg steuert das Senioren-Seminar nun auf den Höhepunkt zu, jedenfalls für Frau Mulansky. In den vergangenen Stunden hat sie dem Kontaktbereichsbeamten zugehört, der einige neuere Verkehrsregeln vorgestellt hat. Sie hat das Sicherheitstraining absolviert und ihre Sitzposition überprüfen lassen – vielleicht besorgt sie sich ein Keilkissen; "dass man nie sieht, ob man irgendwo gegenfährt", stört sie schon länger. Und jetzt stehen Fahrlehrer Olaf Patschull und sein Passat bereit. Es geht raus in den echten Verkehr.

"Wo bitte geht der Motor an?"

Frau Mulansky steigt hinten ein, denn zunächst lenkt Herr Münch den Wagen höchst umsichtig durch eine 30er-Zone. "Denk beim Abbiegen an den Schulterblick", sagt Herr Patschull. Man duzt sich hier an Bord. Herr Münch kann den Kopf nicht mehr so gut drehen. "Deswegen geh ich schon zur Krankengymnastik", sagt er. "Gut, bleib unbedingt dran!", sagt Herr Patschull. Sonst hat er wenig zu meckern.

Foto eines alten Führerscheins

Der "Lappen" wurde in der BRD bis 1986 ausgestellt

Nun übernimmt Justina Mulansky. Sie justiert die Spiegel und will starten, aber irgendwie ist alles so anders als in ihrem Polo: "D" ist hinten, "R" ist vorn, und wo bitte geht der Motor an? "Immer mit der Ruhe", sagt Herr Patschull. Und dann: "Jetzt mal nicht rasen." Und dann: "Ja, das war ein Zebrastreifen." Und: "Da war ein Radfahrer!"

Als der Wagen eine halbe Stunde später am Festplatz hält, fragt er: "Und, was meinst du?" Frau Mulansky fand sich "eigentlich ganz wunderbar", aber dass der Fahrlehrer ­seine Beurteilung mit den Worten "Denk dran, das ist nur als Tipp gemeint" einleitet, lässt sie dann doch ein bisschen tiefer in den Sitz sinken. "Du solltest dringend Übungs­stunden nehmen", mahnt er, "sonst wird das bald zu gefährlich." Frau ­Mulansky schaut ein wenig traurig, damit hat sie nicht gerechnet. "Ich habe gehofft", sagt sie, als sie in ihren Polo steigt, "der Fahrlehrer sagt am Ende einfach: Alles prima!"

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

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