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"Autobesitz ist nichts für Weicheier" Ich habe schlecht über mein Auto geschrieben – jetzt pöbeln die Autofahrer zurück

Manche Menschen haben für ihr erstes eigenes Auto regelrecht liebevolle Gefühle. Ich nicht, sorry Clio.
"SAUDUMM! Jeder halbwegs normal gebildete Mensch weiß, dass man KEINEN Renault kauft und geschenkt nimmt man so eine Karre schon gleich gar nicht!" (ein kritischer Leser)
© Daniel Bakir
Brauche ich als Großstadtmensch wirklich ein eigenes Auto? Auf meinen Erfahrungsbericht über mein erstes Jahr als Autobesitzer habe ich aufgeregte Reaktionen bekommen. Hier sind die krawalligsten Pöbel-Mails - und meine Antworten.

"Ich habe mir ein Auto schenken lassen – was für ein Fehler!" So lautete der Artikel, in dem ich vor wenigen Tagen berichtete, wie mir der alte Wagen meiner Schwiegermutter mehr Ärger als Nutzen eingebracht hat. Das Fazit lautete: Wenn man in einem Jahr öfter in die Werkstatt, zur Waschanlage und zum Reifenwechsel fährt, als alles andere, sollte man es vielleicht doch eher lassen mit dem eigenen Auto (Hier geht's zum Originalartikel).

Diesen Artikel konnten einige Autofans offenbar nur schwer ertragen. Das legen jedenfalls die teilweise wüsten Pöbelmails nahe, die ich zu dem Text bekommen habe und auf die ich hier gerne reagieren möchte. Bevor wir zu den Pöblern kommen, aber zunächst die Antwort auf eine grundsätzliche Frage, aufgeworfen von Leser Chris B.:

"Welchen Zweck verfolgt dieser Artikel? Dient dies als Werbung für die im Artikel genannten Car-Sharing-Dienste? In Deutschland befinden sich 42 Millionen Fahrzeuge im Privatbesitz und dies aus einem guten Grund. Ist es aus Ihrer Sicht wirklich einen Artikel wert, wenn jemand aus welchen Gründen auch immer auf sein Auto verzichten kann, es jedoch einen Großteil an Menschen gibt, die es nicht können und werden?"

Lieber Herr B., ja, es ist mir wirklich einen Artikel wert. Nein, dies soll keine Werbung für die im letzten Satz erwähnten Carsharing-Dienste sein. Dieser Artikel verfolgt vor allem zwei Zwecke:

  1. Unterhalten: Ein Geschenk, das den Beschenkten vor allem Zeit, Geld und Nerven kostet, darüber darf beim Lesen natürlich gerne geschmunzelt werden. Dementsprechend launig war der Ton des Artikels.
  2. Einen Denkanstoß geben: Der Erfahrungsbericht mag komplett subjektiv sein, aber das Thema geht über den Fall hinaus. Denn: Brauche ich wirklich ein Auto? Oder auch: Brauchen wir wirklich ein zweites Auto? Das fragen sich auch (zunehmend) viele andere Menschen.
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Der Reifenwechsel aus evolutionärer Sicht

Ob der Artikel unterhaltsam ist, darüber darf sich jeder gerne seine eigene Meinung bilden. Dass ich den zweiten Punkt für mich persönlich mit "Nein, ich brauche wohl eher kein Auto" beantwortet habe, empfindet mancher aber offenbar als Angriff auf seinen persönlichen Lebensstil. Anders kann ich mir einige der Schimpftiraden nicht erklären.

So schreibt Leser Fabian E.:

"Wer als Mann von über 30 Jahren und Vater eines oder mehrerer Kinder nicht mal in der Lage ist, Reifen zu wechseln, der sollte sich fragen, ob er seinen Kindern alles mit auf den Weg geben kann, was sie in dieser Welt zum Überleben brauchen werden. Also lass dir einen Man-Bun wachsen, trink Deinen Soy-Latte, fahr weiter in deinen 'hippen Öffis' und sei glücklich, dass der Mensch die Evolution mittlerweile ausgehebelt hat, sonst wärst du schon nicht mehr."

Lieber Fabian E., vielen Dank, dass Sie sich um meine Qualitäten als Vater sorgen. Mir fallen in der Tat ungefähr eine Million Dinge ein, die mein Sohn dringender zum Überleben brauchen wird als Reifen wechseln. Es wird Sie vielleicht schocken, aber in nicht allzu ferner Zukunft werden die Menschen noch nicht mal mehr selbst Gas geben und bremsen, weil die Autos das dann eigenständig machen. Danke auch für die Frisur- und Ernährungstipps.

Ratschläge vom SUV-Fahrer

Leser Helmut S. schreibt mir:

"Nun, Autobesitz ist halt nichts für Weicheier und Erbsenzähler. Sie hätten sich stattdessen einen neuen Kleinwagen leasen können, incl. Werkstattkosten, Versicherung und Garantie. Hätte Sie ca. 100 Euro im Monat gekostet. Aber ich denke, Sie wollten einfach nur negativ über einen Autobesitz berichten. Und als Stadtmensch reicht für Sie auch Fahrrad, Umweltgreta freut sich, und nicht zu viel dabei atmen, gibt nur CO2. Es grüßt Sie ein passionierter SUV-Fahrer, Fleischesser und Atomstromnutzer."

Lieber SUV-Fahrer, Fleischesser und Atomstromnutzer, vielen Dank für Ihren Tipp mit dem Leasing. Da werde ich drüber nachdenken. Und sollte ich doch ganz aufs Auto verzichten, freuen Sie sich: Es kann ja nicht jeder so einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen wie Sie, sonst wäre dieser Planet recht schnell im Eimer. 

Leser "Pitti" schreibt (hier die unbearbeitete Originalmail):

"Ich dachte immer ihr seit dumm aber ich habe falsch gedacht ,Ihr seit SAUDUMM ! Jeder halbwegs normal gebildete Mensch weis,daß man KEINEN Renault kauft und geschenkt nimmt man so eine  Karre schon gleich gar nicht !    Ihr Idioten fallt drauf rein ! Aber wiederum passt alles,so dämlich wie Ihr schreibt seit Ihr auch ! Ich glaube Ihr könnt nicht mal für eine Vorschulmagazin was schreiben !"

Lieber Pitti, Lästereien über französische Autos habe ich tatsächlich schon öfter gehört. Dass ich daran nicht gedacht habe. Ich bin doch wirklich saudumm, vielleicht sogar in Großbuchstaben.

Niemand hat was von Pferdekarren gesagt

Etwas substantieller ist die Kritik von Leser Peter M. Er schreibt auf Facebook:

"Blödsinniger Artikel: nur ein sehr geringer Prozentsatz aller Bürger lebt in verdichteten Großstädten mit perfektem ÖPNV bis in den späten Abend. Was machen die, die nur 10 km und weiter außerhalb in der Fläche oder richtig ländlich leben und 'irgendwo' arbeiten? Rückkehr in die Mobilität des Mittelalters, zu Fuß oder mit dem Pferdekarren, sei es zum Einkaufen oder Teilnahme am nicht-digitalen sozialen Leben in der Gesellschaft, Kunst, Musik, Bildung, Kino, Theater, Museen, Freunde treffen, Sport im Freien, also außerhalb von Indooranlagen und Fitnessclubs?"

Lieber Peter M., Sie haben recht, der Artikel ist aus der Sicht eines Großstädters geschrieben. Das steht allerdings auch explizit drin. Dass diejenigen, die ländlich wohnen, auf einen Pferdekarren umsteigen sollen, steht dagegen nicht drin. Was die Relevanz angeht: Immerhin jeder dritte Bundesbürger lebt in einer Großstadt mit mehr als 100.000 Einwohnern. Allein in Berlin, Hamburg, München und Köln leben rund neun Millionen Menschen. Und wenn ich mich in meiner ganz gewöhnlichen Hamburger Wohnstraße umschaue, sehe ich viele Autos, die tage- bis wochenlang nicht bewegt werden.

Argumente für den Familienrat

Neben Kritik und Hass habe ich dankenswerterweise auch positive Zuschriften bekommen. Leser Matthias Z. etwa schreibt:

"Was für ein schöner Artikel, sehr unterhaltsam! Sie sprechen mir aus der Seele, denn wir haben zwei meist nur herumstehende KFZ und ich kann mich im Familienrat (aufgrund fehlender Mehrheiten) nicht für einen Verkauf oder der Stilllegung wenigstens einer dieser Karretten durchsetzen."

Abschließend vielen Dank an alle, die – egal ob kritisch oder lobend – in ihrer Mail ohne Beschimpfungen ausgekommen sind. Danke und fahren Sie vorsichtig, mit welchem Fortbewegungsmittel auch immer.


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