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Mercedes X 250d 4Matic: Sekundenschlaf

Die Mercedes X-Klasse verströmt Premium-Flair im rustikalen Pickup-Segment, doch die Siebengang-Automatik des technischen Bruder Nissan Navara raubt dem schwäbischen Arbeitstier einiges an Temperament.

Das Cockpit ist typisch Mercedes

Das Cockpit ist typisch Mercedes

"Die X-Klasse verbindet wilde Natur mit urbanen Lebensstil", strahlt Mercedes Nutzfahrzeugchef Volker Mornhinweg und bekräftigt, wie zufrieden er mit den Vorbestellungen für die neue X-Klasse sei. Konkrete Zahlen, wie viele Menschen den Pickup mit Stern bereits geordert haben? Soweit geht die Auskunftsfreude dann doch nicht. Die Aussage, dass die X-Klasse eine "Kombination aus Pickup und Premiumauto sei", geht zur Not auch noch als Routine-Prosa eines Redeschreibers durch. Fakt ist: Der Mercedes Pickup teilt sich die Architektur mit dem Nissan Navara und um ein Desaster wie beim Nutzlaster Citan und dem technischen Bruder Renault Kangoo zu vermeiden, denen Ähnlichkeit und Sicherheitsprobleme förmlich ins Gesicht geschrieben war, haben die Mercedes-Designer kräftig an der Optik der X-Klasse gefeilt. "Ich habe gesagt, ich brauche eine satte Breite", erklärt Designer Kai Sieber. Gesagt, getan: der Mercedes Pickup ist um sieben Zentimeter breiter als der Nissan Navara und auch das Antlitz unterscheidet sich deutlich. Die X-Klasse kann sich sehen lassen und das ist für das als Käufer anvisierte Lifestyle-Klientel durchaus entscheidend.

Neue X-Klasse: Dieser Mercedes gehört neben die Spur
Das Cockpit ist typisch Mercedes

Das Cockpit ist typisch Mercedes

Die Architektur stammt vom Navara: Deswegen hat auch die X-Klasse einen Leiterrahmen und eine Starrachse hinten, die mit Schraubenfedern versehen ist und daher einen guten Fahrkomfort liefert. Bei der Geräuschdämmung legten die Mercedes-Ingenieure noch eine Schippe drauf, was zu einer angenehmen Ruhe in der Doublecab-Kabine (vier Türen und Rückbank) führt. Der 140 kW / 190 PS Vierzylinder-Diesel hält sich auch bei forcierter Autobahngeschwindigkeit vornehm zurück. Das gilt allerdings auch für das Temperament. Bis es bei einem Kickdown bei 60 km/h vorwärtsgeht, verstreichen rund zwei Sekunden, die sich endlos lange anfühlen, ehe sich das Triebwerk mit hohen Drehzahlen und einem ebensolchen Geheul ins Zeug legt. Dynamik fühlt sich anders an. Der Schuldige für diesen Sekundenschlaf ist schnell in der Siebengang-Automatik ausgemacht, die dem Pickup jegliches Temperament raubt.

Nach 11,9 Sekunden ist Landstraßentempo erreicht und schon bei 175 km/h hört der Vortrieb auf. Immerhin: Bei den Testfahrten zeigte der Bordcomputer einen Durchschnittverbrauch von 8,4 Litern an, was vergleichsweise nahe am angegebenen Wert von 7,9 Litern liegt. Das entspannte Dahingleiten mit leichtem Gasfuß ist ohnehin die Stärke der X-Klasse 250d 4Matic, schließlich ist der Mercedes-Pickup ein globales Auto und in den meisten Regionen wird nicht so auf das Tempo gedrückt, wie hierzulande. Wer einen permanenten Allradantrieb vermutet, bei dem sich die Vorderachse selbständig beim Antrieb ein- und ausklinkt, liegt bei der X-Klasse falsch. Der Allradantrieb muss eigenhändig mit einem Drehschalter aktiviert werden. "Die Pickup-Kunden wünschen dieses manuelle Umschalten", erklärt Dr. Marion Friese, Marketingleiterin bei Mercedes-Benz Vans. Wer will, kann die X-Klasse auch nur mit Heckantrieb ordern. Mitte nächsten Jahres kommt mit der X-Klasse 350d 4Matic eine Variante auf den Markt, die eher auf den deutschen Geschmack zugeschnitten ist: Der permanente Allradantrieb verschiebt die Kraft des Sechszylindermotors selbsttätig zwischen Vorder- und Hinterachse und die Mercedes-eigene Siebengangautomatik sorgt dafür, dass die 190 KW / 258 PS und das maximale Drehmoment von 550 Newtonmetern des Dreiliterdiesels auch zu einem energischen Antritt führen.

Bei den Assistenzsystemen bietet die X-Klasse gemessen am üblichen Standard des Pickup-Segments einiges, darunter eine 360 Grad-Surroundkamera, einen Spurhalte- und den Verkehrszeichen-Assistenten sowie LED-Licht. Allerdings fehlt ein Toter Winkel-Assistent, der bei einem solchen Fahrzeug durchaus hilfreich wäre. Gut möglich, dass die Schwaben, das bei einer Modellpflege ändern. Im Innenraum ist das Bemühen der Mercedes-Designer sichtbar den Premium-Anspruch gerecht zu werden, zumindest in den gut ausgestatteten Versionen: Das Armaturenbrett ist mit Leder überzogen und die große Rahmenspange an der Mittelkonsole ist aus Aluminium. Im Fond ist die Kopffreiheit für Erwachsene jenseits einer Körpergröße von 1,85 Metern begrenzt. Zudem ist die Lenkradsäule nicht in der Länge verstellbar. "Auf eine längsseitige Lenkradverstellung, die eine zusätzliche technische Infrastruktur erfordert, haben wir zugunsten eines ausgewogenen Preis-Leistungs-Verhältnisses im Segment verzichtet", sagt Entwickler Fränky Schumacher.

Dass zeigt auch hinter der Mercedes X-Klasse ein knallhart kalkuliertes Geschäftsmodell steckt, merkt man, wenn man auf die vermeintlichen Holzapplikationen im Armaturenbrett klopft - die sind aus echtem Plastik. Das bringt uns zu den Preisen: Die X-Klasse 220d mit 120 kW / 163 PS und manueller Sechsgangschaltung kostet 37.294,60 Euro und die der gefahrene Mercedes X-Klasse 250d 4Matic ist nicht unter 41.780,90 Euro zu haben. Zum Vergleich: Der Nissan Navara mit der kleineren Singlecab-Kabine belastet das Haushaltsbudget mit 28.610 Euro, mit der Doublecab sind es 30.410 Euro.

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