HOME

Ein Fahrrad nach Maß: Wenn es kein Rad von der Stange sein soll

Der Motor vom BMW, das Fahrwerk vom Landrover und die Türen vom Minivan - bei einem Auto ist ein derartiger Mix undenkbar. Beim Fahrrad kann durch eine individuelle Zusammenstellung von Komponenten ein Traumrad entstehen.

Von Gernot Kramper

Wer will, kann sich sein höchstpersönliches Rad zusammenstellen. Wie kann das sein? Ganz einfach: Jedes Rad besteht aus sogenannten Komponenten. Schaltung, Lager, Bremse, Lenker - erst zusammengesetzt ergeben sie das komplette Rad. Mit wenigen Einschränkungen können Sie die Zutaten aus dem Komponenten-Lager beliebig kombinieren - selbst was zunächst nicht passen will, kann relativ einfach doch zusammengebaut werden.

Letzten Endes machen es die Radhersteller auch nicht anders: Sie wählen sorgfältig Einzelteile aus und stellen Räder zusammen, die die Bedürfnisse möglichst vieler Kunden befriedigen. Fast alle Komponenten sind nicht markenspezifisch - sie stammen von Drittanbietern. Allein die Fahrradrahmen werden entweder selbst angefertigt oder man lässt sich nach eigenen Angaben bauen. Die Rahmen sind also individuell am Rad, die Bremsen findet man auch an den Modellen anderer Hersteller.

Eigenbau mit Risiken

Einem versierten Handwerker kann es sogar gelingen, das Wunschrad eigenhändig zu montieren. Die "Do it yourself"-Vorgehensweise sollte man sich aber gründlich überlegen. Wenn das Unternehmen Erfolg hat, wird die Zufriedenheit sicher groß sein. Doch erstens benötigt man einen Satz Spezialwerkzeuge und etwas Fachliteratur, und zweitens läuft der Laie bei der Selbstmontage immer Gefahr, großen Schaden anzurichten. Im Zweifel also lieber zur Werkstatt. Als Probe der eigenen Fähigkeiten sollten Sie vor dem großen Werk zumindest ein oder zwei alte Räder komplett demontieren und wieder zusammensetzen. Demontage heißt: Nicht nur den Sattel abschrauben, auch die Lager müssen raus. Wer hier versagt, sollte die Neumontage vom Fachbetrieb vornehmen lassen.

Kleine Umrüstungen

Wenn es nur um Funktionalitäten geht, halten sich die Extrawünsche in Grenzen und bedeuten meist, dass einzelne Komponenten anders aussehen sollen. Dann empfiehlt es sich aus Preisgründen, ein komplettes Modell aus dem Katalog zu kaufen und nur die Details umrüsten zu lassen. Typische Kleinigkeiten wären: Der Sattel wird ausgetauscht. Der Gepäckträger wird gegen ein belastbareres Modell gewechselt. Es wird in eine servicefreie Lichtanlage oder einen sicheren Ständer investiert.

Anpassung an die Praxis

Oder Sie möchten eine bestimmte Radform fahren, wollen sie aber anders ausstatten, als es der Hersteller vorsieht. Zwei Beispiele: Sie wollen aus Trainingsgründen auch ins Büro auf einem Rennrad fahren, benötigen aber eine Lichtanlage und einen Gepäckträger, obwohl der Rennrahmen keine Aufnahme dafür vorsieht. Oder: Sie finden die kompakte Mountainbike-Form schick und praktisch, wollen Ihr Modell aber statt mit einer offenen Kettenschaltung mit Nabenschaltung und Kettenschutz ausrüsten.

Individualismus auf zwei Rädern

Hier wird es schwierig, denn Paradiesvögel versagen gern in der Praxis. Egal, Sie wollen ein Rad, das so kein anderer fährt. Wenn Sie selbst kein Fahrradexperte sind, sollte Sie nach Händlern suchen, die auf individuelle Wünsche spezialisiert sind. Vielleicht macht Sie ein perfekt restauriertes Oldtimerrad glücklich - etwa das berühmt-berüchtigte Schweizer Militärrad. Oder Sie werden in einem Shop fündig, der sich auf Easy-Rider-Modelle für Fahrräder spezialisiert hat. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit individueller Lackarbeiten, mit der ganzen Bandbreite, die man vom Autotuning kennt.

Darüber hinaus gibt es auch Einzelanfertigungen, die ganz andere Wege gehen als die Markenhersteller. Aber Vorsicht bei Experimenten mit der Radgeometrie. Sicher ist es möglich, Räder mit extrem ungewöhnlichem Design zu bauen. Doch meistens gehen diese Experimente zu Lasten der Fahrbarkeit. Als Laie sollten Sie auf keinen Fall versuchen, das Rad neu zu erfinden. Schon leichte Veränderungen in der Geometrie können massive Folgen in der Ergonomie mit sich bringen.

Only the Best

Wer sich wirklich gut auskennt, findet irgendwann Wunschkonfigurationen, die er so nicht kaufen kann. Meistens kommt es dazu, weil es unbedingt ein ganz spezieller Rahmen sein soll, und die vom Hersteller angebotene Endausstattung nicht gefällt. In dieses Dilemma geraten am ehesten Sportler und Radfahrer mit ausgeprägter Materialvorliebe. Hier muss dann in die Einzelanfertigung investiert werden.

Rahmenbau

Personen mit sportlichem Interesse und vom Normsportler abweichendem Körperbau stoßen schneller an die Grenzen des Markts. Wenn es nicht gelingt, unter den Tausenden von Rahmen einen passenden zu finden, besteht die Möglichkeit, einen Rahmen individuell bauen zu lassen. Kleine Fahrer finden meist noch etwas Passendes. Fahrräder werden weltweit angeboten und die deutsche Bevölkerung liegt generell über der Durchschnittsgröße. Große Frauen können auf Herrenrahmen ausweichen. Wirklich eng wird es für sehr große oder schwere Männer. Gerade "schnelle" Rahmenformen wie Rennräder werden für sie nicht angeboten. Ein schwerer Kampfsportler bringt genug Kondition für ein Rennrad mit, aber der Rahmen trägt ihn nicht mehr. Am ehesten ist der maßgeschneiderte Rahmen noch aus Stahl bezahlbar, aber, wer es sich leisten kann, kann sich auch einen Carbonrahmen anfertigen lassen.

In der Großserie wurde Stahl von Aluminium und Carbon weitgehend verdrängt - dabei besitzt das Material durchaus Vorzüge. Es ist haltbar, leichter zu reparieren und elastischer als Aluminium. Wenn es darum geht, einen Rahmen anzufertigen, der auch eine hohe Gewichtsbelastung aushalten kann, dürfte kaum etwas gegen klassisches Stahlrohr sprechen. Nicht jeder Fahrradhändler hat Erfahrungen im Rahmenbau, aber es gibt durchaus eine Auswahl an Manufakturen, die Rahmen aus Rohrsätzen herstellen. Beim maßgeschneiderten Rahmen sollte der Kunde auch wirklich Maß nehmen lassen. Neben Erfahrung und Angebot stellt die Erreichbarkeit des Betriebes ein wichtiges Kriterium dar - eine generelle Empfehlung gibt es daher nicht. Ein individuell angefertigtes Rad ist nie billig - für 800 Euro bekommt man es noch nicht. Der eigens geschweißte und lackierte Einzelrahmen ist aber auch nicht teurer als ein High-End-Leichtbaurahmen einer Fahrradmarke.

Fazit

Wer mit einer normalen Figur gesegnet ist, und ein normales Rad für einen normalen Einsatz sucht, muss sich kein individuelles Rad zusammenstellen lassen. Denn Individualbau wird immer teurer, als ein Modell von der Stange. Wenn Sie sehr groß sind, gibt es kaum Alternativen zum Individualbau. Als Einzelkunde bezahlt man für die Komponenten sehr viel höhere Preise als eine große Fahrradfabrik. Hinzu kommen die Kosten für die Montage. Der erhöhte Aufwand führt meist dazu, dass man nur sehr gute Einzelteile verwenden mag. Ein Individualrad wird also richtig teuer.

Wenn es um mehr als Funktionalitäten und die richtige Größe geht, ist Vorsicht angebracht. Allzu leicht lässt sich ein cooles Fahrrad zusammenstellen, das hinterher niemand mit Genuss fahren kann.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity