VG-Wort Pixel

Flutautos Flutautos - weggespült und meist Totalschäden

Hochwasser im Ahrtal 2021
Hochwasser im Ahrtal 2021
© press-inform - das Pressebuero
Die Flutwelle im Ahrtal und anderswo spülte nicht nur Häuser und ganze Existenzen fort. Sie hinterließ auch tausende von mehr oder wenig demolierten Autos. Was passiert damit?

Die gute Nachricht zuerst: Die meisten Flutschäden an Autos sind durch eine Teil- oder Vollkaskoversicherung abgedeckt. Die grobe Regel: Wenn das Wasser zum Auto kommt, zahlt die Versicherung; wenn das Auto zum Wasser kommt, zahlt sie nicht. Wer also durch eine überflutete Unterführung fährt und liegen bleibt, geht leer aus. Ebenso, wer nur eine Haftpflichtversicherung hat.

Die Versicherer haben schon mal nachgerechnet: "Laut einer aktualisierten Schadenschätzung sind rund 40.000 Kraftfahrzeuge durch die Fluten beschädigt oder zerstört worden", sagt Jörg Asmussen, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV): "Der versicherte Schaden für die Kfz-Versicherer liegt bei rund 200 Millionen Euro." Damit fällt der Anteil der Kfz-Schäden an der gesamten vorläufigen Schadenbilanz relativ niedrig aus. Der GDV geht insgesamt von 4,5 bis 5,5 Milliarden Euro aus. Ohnehin sind die Kfz-Versicherer laut GDV bei den Hochwasserschäden glimpflich davon gekommen. Der Hagel wenige Wochen zuvor etwa hat in Deutschland rund 275.000 Sachschäden an Kraftfahrzeugen verursacht, die nach bisherigen Schätzungen die Versicherer rund 700 Millionen Euro kosten werden.

Sammelplätze für die Wracks

Als die Flut Mitte Juli durch die Flußtäler in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Sachsen rollte, riß sie massenweise Fahrzeuge mit sich, schwemmte sie wie Treibgut in unterspülte Häuser, zerstörte Straßen und zugeschlammte Gärten. Wie groß die Umweltschäden dadurch sind, lässt sich noch nicht absehen: Öl und Benzin aus den leckenden Autos haben Wiesen, Felder und Plätze verunreinigt. Die Autowracks selber werden derzeit von Abschlepp-Unternehmen aufgesammelt und zu riesigen Lagerplätzen gebracht, die bereits aus allen Nähten platzen. Von dort aus sollen sie später auf verschiedene Schrottplätze verteilt werden. Dennoch besteht eine gute Chance, dass Besitzer ihr Auto zumindest wiederfinden und ihrer Versicherung als Schaden melden können. Die Behörden haben begonnen, entsprechende Suchdatenbanken mit täglich aktualisierten Daten einzurichten. So können Fahrzeughalter beispielsweise über ein neues Portal der Kreisverwaltung Ahrweiler abfragen, welcher Abschleppdienst ihr Fahrzeug geborgen und abtransportiert hat. Zur Suche wird lediglich das Kennzeichen benötigt. Der Link.

Totalschaden wahrscheinlich

Die meisten der Fahrzeuge dürften Totalschäden sein. Der ADAC geht von drei Szenarien aus, die auch für Elektroautos gelten. Selbst wenn das Wasser noch unterhalb des Türschwellers geblieben ist und der Innenraum trocken ist, sind Schäden nicht auszuschließen. "Wir empfehlen, alle Funktionsbauteile im Bodenbereich des Autos checken zu lassen", sagt Peter Bredol vom ADAC.

Reichte das Wasser über den Türschweller oder ist sogar in den Innenraum eingedrungen, sind Schäden laut ADAC sehr wahrscheinlich. "Dann sollte das Fahrzeug nicht mehr gestartet werden, um Folgeschäden zu vermeiden. Es sollte zum nächsten trockenen Ort geschoben oder abgeschleppt werden", rät Bredol. Überprüft werden sollten alle Bauteile, die mit Wasser in Kontakt gekommen sind. Sicherheitsrelevante Teile wie zum Beispiel Gurtstraffer oder die Aufrollautomaten der Gurte sollten ausgetauscht werden. Ersetzt werden sollten auch Bodenbeläge, Dämmmatten oder Tür- und Seitenverkleidungen, da Schmutz und Nässe anders kaum zu entfernen seien.

Stand das Wasser im Auto bis zur Unterkante der Fensterscheibe, dürfte wenig zu retten, das Auto ein wirtschaftlicher Totalschaden sein. Höchstwahrscheinlich wurden dann alle elektrischen und elektronischen Bauteile einschließlich der Kabelbäume beschädigt, das Wasser schwappte bis zum Motor und Getriebe. Auch die Elektronik hinter dem Armaturenbrett dürfte zerstört sein. Gefährdet sind darüber hinaus vor allem Lenkgetriebe, Betriebs- und Feststellbremse, Antriebswelle, Radlager, Lichtmaschine, Anlasser, Textilien wie Sitze und Dämmmatten, Gurtstrammer, Katalysator und Airbag. Wer mindestens eine Teilkaskoversicherung hat, sollte sein Auto rundum und inklusive Details fotografieren und seiner Versicherung den Schaden melden. Erfahrungsgemäß reagieren Versicherer bei solch großen Schadenereignissen schnell und unbürokratisch.

Weltweiter Export 

Wer nur eine Haftpflichtversicherung hat, dem bleibt allenfalls noch der Verkauf des Fahrzeuges. Dass sich eine Reparatur lohnt, ist zweifelhaft. Mit "massiven Funktionsstörungen" sei immer zu rechnen, sagt der ADAC. Mittlerweile ist ein regelrechter Markt für Autos aus den Flutgebieten entstanden. Auf eBay mehren sich die Suchanzeigen nach "Flutautos" und Seiten wie "wirkaufendeinauto.de" suchen ganz gezielt danach. Wer sein Auto mit Wasserschaden verkaufen will, findet meist schwer einen Käufer. Für die Internetplattform nach eigenem Bekunden kein Problem: "Egal wie schlimm der Schaden ist - wir begutachtet Dein Auto!" Wer ein Flutauto verkauft, der muss den Käufer wie bei einem Unfallwagen ausdrücklich darauf hinweisen.

Allerdings beschränkt sich der Handel mit Flutautos nicht nur auf Deutschland. Nach dem Wirbelsturm Katrina August 2005 sind tausende durch Salzwasser und Schlamm beschädigte Autos etwa nach Bolivien verkauft worden und haben so zur Globalisierung der Auto Recycling Industrie beigetragen. Laut einer UN-Studie wurden zwischen 2015 und 2018 weltweit etwa 14 Millionen gebrauchte Autos und Kleintransporter exportiert. Die meisten gingen in Länder mit niedrigen oder mittleren Durchschnittseinkommen. Mehr als die Hälfte wanderte nach Afrika, vor allem nach Nigeria, Benin und Gambia. Entsprechend dürften demnächst auch zahlreiche ausgebesserte Totalschäden aus den Flutgebieten in Afrika unterwegs sein.

pressinform

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker