HOME

Interview mit Psychologen: Frustabbau im Straßenverkehr

Die Wut in der Gesellschaft wächst. Das spiegelt sich auch auf Fahrbahn, Radweg und Bürgersteig wieder, sagt Verkehrspsychologe Dr. Klaus-Peter Kalwitzki. Ein Ausweg aus der Misere könnten Shared Space-Projekte sein, die Kommunikation und Rücksichtnahme erzwingen.

Von Christoph M. Schwarzer

Die Berliner Polizei hat mit immer mehr aggressiven und rüpelhaften Radfahrern zu kämpfen. Welche Ursache sehen Sie dafür?

Es kommen mehrere in Frage. Eine wäre ein genereller Anstieg von Aggressionen bei allen Verkehrsteilnehmern, der besonders bei Radfahrern auffällt. Da müsste man zuerst sauber vergleichen: Gibt es diesen Trend auch bei Autofahrern? Der Verdacht liegt nahe, dass sich hier die gestiegene Rücksichtslosigkeit und mehr aggressives Verhalten in der Gesellschaft widerspiegeln. Aber es gibt noch einen weiteren, für Fahrradfahrer spezifischen Grund.

Welchen denn?

Die Frustrationen, die gerade Radfahrer hinnehmen müssen, sind hoch. Sie sehen sich schlecht berücksichtigt. Oft ist die Verkehrsführung unklar, zum Beispiel bei Baustellen, oder Radwege enden im Nichts. Nach dem Krieg sind unsere Städte vor allem an den Bedürfnissen der Kraftfahrer aufgebaut worden. Radfreundliche Städte wie Münster sind die Ausnahme. Zurück zur Frustration. Die führt häufig zu Aggression und Gewalt, weil man sich gegen diese Umstände ohnmächtig auflehnt, und dann kommt ein Egal-Gefühl: Ich werde hier sowieso nicht bedacht, jetzt mache ich, was ich will.

Verhalten sich Menschen auf dem Rad anders als im Auto?

Das ist tatsächlich möglich. Die erhöhte Sitzposition auf dem Sattel kann zu einem Überlegenheitsgefühl im Sinn eines Lonesome Cowboys oder Fighters führen. Ich erinnere an den so genannten Autogeher Michael Hartmann, der sich selbst so verstand: In innerer und äußerer Abwehr gegen die Dominanz des Autos. Eine ähnlich kämpferische Haltung ist auch bei Radfahrern denkbar.

Die meisten Menschen kennen sich in unterschiedlichen Rollen: Als Autofahrer, als Radler oder beim Schieben des Kinderwagens. Führt ein Seitenwechsel zu einem anderen Verhalten?

Eigentlich sollten bereits Kinder ab einem bestimmen Alter in der Lage sein, sich in andere hineinzuversetzen. In der Realität des Erwachsenen dauert es aber sehr lange, bis beim Wechsel zum Beispiel vom Auto auf den Fußweg der innere Blickwinkel verändert wird. Normalerweise sieht sich ein Autofahrer, der zu Fuß geht, immer noch als Autofahrer. Er hat eine verzerrte Wahrnehmung. Das ändert sich erst bei einem längeren Wechsel. Ein mehrwöchiger Autoverzicht kann da Wunder wirken.

Mehrere deutsche Städte planen Shared Space-Projekte, in denen sich alle Verkehrsteilnehmer ohne Schilder, Ampeln und Linien den Raum teilen müssen. Wie kann das angesichts der alltäglichen Aggressionen gut gehen?

Die Praxis aus den Niederlanden und dem deutschen Ort Bohmte zeigt, dass es funktioniert und die Unfallzahlen deutlich sinken. Es gibt bei Shared Space zwangsläufig eine Situation, in der man sich einigen muss. Automatisch entsteht viel mehr Kommunikation, und das führt zu besserem gegenseitigen Verständnis. Ich glaube auch, dass mehr aktive Kommunikation generell zu mehr Frieden auf den Straßen führen würde.

Kann eigentlich jeder zum Verkehrsrowdy werden?

Nein, so krass würde ich das nicht formulieren. Aber mancher ist schneller dabei, als er denkt. Z.B. können schwierige Lebenssituationen, etwa wenn man unter Druck steht, auch zu vermehrten Verkehrsverstößen führen. Es gibt immer einen Zusammenhang zwischen Verkehrs- und sonstigem Alltagsverhalten: Wer sich in der Schlange beim Bäcker vordrängelt, macht das auf der Autobahn genau so – oder aber genau entgegengesetzt, ist total schüchtern und kriegt die Zähne nicht auseinander. Einen allgemeinen Typus des Verkehrssünders gibt es dabei nicht.

Welchen Ausweg gibt es aus dem Unfrieden auf der Straße?

Viel wäre erreicht, wenn sich jeder bewusst wird über sein eigenes Verhalten und versucht, sich in den anderen hineinzuversetzen. Darüber hinaus sind die Planer gefordert: Die baulichen Voraussetzungen in Stadt und Land dürfen in Zukunft weniger einseitig am Auto ausgerichtet werden.

Tipps gegen den Krieg auf der Straße

Natürlich glaubt jeder, aggressiv seien immer nur die anderen. Aber Gelassenheit fängt bei einem selbst an.

Werden Sie sich ihres eigenen Verhaltens bewusst.

Versuchen Sie, sich in anderen hineinzuversetzen.

Machen Sie tatsächlich mal einen Seitenwechsel vom Auto aufs Fahrrad oder auf den Gehweg.

Tragen Sie emotionalen Druck nicht in den Straßenverkehr.

Kommunizieren Sie aktiv und direkt mit anderen, zum Beispiel durch Handzeichen.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity