Zwischen Norm und Wirklichkeit

28. Oktober 2009, 17:35 Uhr

Was steckt hinter dem Normzyklus, warum gibt es Abweichungen. Warum ist die Norm nicht immer die Realität? Von Gernot Kramper

Normverbrauch, Verkehr, Fahrzyklus, ADAC

Je nach individuellem Bewegungsprofil und Fahrstil können sich massive Abweichungen beim Verbrauch ergeben©

Der angegebene Normverbrauch erfasst in einer Anordnung auf dem Messstand den Verbrauch des Fahrzeugs in einem genau definierten Fahrzyklus. Die Laborbedingungen ermöglichen es, alle Fahrzeuge unter exakt den gleichen Bedingungen zu testen. Das könnte ein Praxistest auf normalen Straßen nie leisten. An dem Verlauf der Fahrzyklen gibt es immer wieder Kritik. Die ist aber letztlich unvermeidlich, denn ein einziger Fahrzyklus kann nicht den Alltag aller Fahrzeugklassen quer durch Europa abbilden.

Der europäische Fahrzyklus (NEFZ -Neuer Europäischer Fahrzyklus) dauert insgesamt weniger als 20 Minuten. Er besteht aus einem 780 Sekunden dauernden City-Zyklus (städtische Bedingungen) und einem 400 Sekunden dauernden Überland-Zyklus. Zuerst erscheint das relativ kurz, aber wer innehält, wird bemerken, dass viele Fahrten im Alltag noch kürzer sind. Wesentliche Abweichungen zum Alltagsbetrieb sind vorprogrammiert – zudem in vieler Hinsicht bei der Messung auf dem Versuchsstand ideale Bedingungen simuliert werden. Der Laie muss daran denken, dass der Normverbrauch einen Anhaltspunkt angibt, mit wie wenig Sprit ein Wagen auskommen kann. Im Einzelnen bedeutet dass: Es wird nur der Verbrauch durch die Bewegung des Fahrzeugs gemessen. Alle weiteren Energieverbraucher werden ausgeschaltet und kämen mit ihrem Energiebedarf in der Auto-Realität noch dazu. Das können kleine Stromfresser wie ein Radio oder größere wie eine Klimaanlage sein. Besonders bei Kurzstrecken können sich Sitzheizung, beheizte Scheiben oder das massive Abkühlen eines aufgeheizten Fahrzeugs im Sommer deutlich bemerkbar machen.

Abgespeckt zum Test

Außerdem wird der Wagen möglichst leicht auf den Teststand geschickt. Ein schlanker Fahrer, ein leerer Kofferraum und möglichst keine schwere Sonderausstattung verringern den Verbrauch. Verbrauchsfördernde Extras wie Sport- oder Geländereifen gibt es nicht, statt ihrer sind Leichtlaufreifen und dünnflüssiges Motoröl Usus.

Für den deutschen Fahrer kommt hinzu, dass das bundesdeutsche Tempo auf Autobahnen im Zyklus nicht vorgesehen ist, bei 120 km/h ist Schluss. Auch beim Stichwort "City" sollte man an den städtischen Verkehr in einem Vorort denken. Der Dauerstau im engeren Bereich der Großstädte, wo acht Kilometer schon mal eine Stunde Fahrzeit bedeuten, wird nicht erfasst. Die Beschleunigung auf dem Rollstand ist zudem überaus moderat.

Verbrauch um 25 Prozent höher

Diese Bedingungen entsprechen nicht unbedingt der alltäglichen Praxis, sie sind aber auch nicht unrealistisch. Die Probe ist einfach gemacht: Wer es darauf anlegt, kann mit zurückhaltender Fahrweise bei fast jeden Fahrzeug auch einen Verbrauch in Nähe der Normangaben erreichen. Wer aber das Gaspedal gern mal durchdrückt, mit Top-Speed über die Autobahn jagt oder seinen Kofferraum mit schwerem Gerümpel füllt, darf sich nicht wundern. Alle Autohersteller laden Journalisten gern mal zu Spritspar-Veranstaltungen ein. Hier wird dann bewiesen, dass man mit gutem Willen und Disziplin den Normverbrauch sogar unterbieten kann.

Praktisch ist der angegebene Normverbrauch nur ein Anhaltspunkt, mit der Kunde den Verbrauch unterschiedlicher Motoren und Fahrzeuge vergleichen kann. Je nach individuellem Bewegungsprofil und Fahrstil können sich massive Abweichungen ergeben. Der ADAC ermittelte in einem großangelegten Test um 25 Prozent höhere Verbräuche. Das sollte man pauschal einkalkulieren. Im Alltag kann man den Normverbrauch nur erreichen, wenn man stets sehr diszipliniert fährt oder wenn das eigene Bewegungsprofil sich positiv vom Normzyklus abhebt – etwa durch Langstreckenfahrt.

Wird der Wagen mit durchgedrückten Gaspedal oder nur in extremen Kurzstrecken bewegt, kann die Abweichung sogar noch größer sein.

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