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Virtuelle Luftschlacht um England : Mit 100 Nerds über dem Ärmelkanal

Ja, ich bin ein Nerd. Ich habe eines dieser kruden Multiplayer-Hobbys. Mit 3000 anderen spiele ich die Luftschlacht um England nach. Ich liebe es, auch wenn ich nun häufiger T-Shirts waschen muss. 

Von Henry Lübberstedt

A Hawker Hurricane is shooting down a Junkers Ju 88 - a typical situation in the flight simulator "IL-2 Sturmovik: Cliffs of Dover" in which virtual pilots can engage in the Battle of Britain on both the German and/or British side.

A Hawker Hurricane is shooting down a Junkers Ju 88 - a typical situation in the flight simulator "IL-2 Sturmovik: Cliffs of Dover" in which virtual pilots can engage in the Battle of Britain on both the German and/or British side.

Spätsommer 1940. Mühsam klettert meine Mühle mit vier Metern pro Sekunde in den Abendhimmel über dem Ärmelkanal. Hinter mir verschwindet der Flugplatz Theville bei Cherbourg im Dunst. Dort bin ich gestartet. Gleich nach dem Abheben hatte ich die zweimotorige Junkers Ju 88 in eine Linkskurve gelegt, bis der Magnetkompass 0 Grad anzeigte, routiniert alle Ruder getrimmt und den Hebel für die Kurssteuerung mit einem satten "Klack" umgelegt. Ich werfe einen Blick auf die Instrumente: Kühlwasser 85 Grad, Öl 71 Grad, auch der Treibstoffdruck stimmt. Zeit für ein Käffchen. Bei 270 Kilometern pro Stunde würde ich gut 35 Minuten bis zu meinem Ziel benötigen: ein Treibstofflager südwestlich der britischen Stadt Sailsbury. Das heißt, wenn mich nicht vorher ein englischer Jäger vom Himmel holt.

Die Deutschen hatten in der Luftschlacht um England die Motorhauben ihrer Jäger gelb lackiert. Man versprach sich davon einen taktischen Vorteil im Luftkampf, da die eignen Piloten so schneller Freund und Feind unterscheiden konnten.

Die Deutschen hatten in der Luftschlacht um England die Motorhauben ihrer Jäger gelb lackiert. Man versprach sich davon einen taktischen Vorteil im Luftkampf, da die eignen Piloten so schneller Freund und Feind unterscheiden konnten.

Laut Karte müsste ich einen Kurs von 352 Grad einhalten, doch 1940 betrug die Abweichung des Erdmagnetpols zum Kartennorden acht Grad West: also schön die Kompassnadel auf 360 Grad halten, sonst wird es ein Flug ins Nirgendwo. Meine Maschine durchsteigt 1500 Meter, Zeit für die Höhenlader. Sofort springen die Ladedruckanzeigen der Motoren nach vorn, als freuten sie sich über die zusätzliche Atemluft. Die erhöhte Motordrehzahl gleiche ich durch Drehen der Propellerblätter aus. Sie bekommen mehr Luft zu packen und rotieren langsamer. Ganz nach Betriebshandbuch. In meinem Kopfhörer knackt es. "Hallo Henry, brauchst Du Geleit?" Schon schieben sich die gelben Motorhauben zweier Messerschmitt BF 109 links und rechts neben mich. Es sind Lebano und DUI, die im richtigen Leben Elias Wagner und David Dienstbach heißen. Wir drei pflegen zusammen mit weltweit rund 3000 anderen Menschen eines dieser kruden Hobbys im digitalen Multiplayer-Zeitalter: Wir spielen die "Luftschlacht um England" nach, mit der derzeit wohl besten Simulation rund um die Battle of Britain: "Il-2: Cliffs of Dover", kurz CloD.

Man muss schon einen kleinen Spleen haben

Die einen kämpfen als Orks und Elfen gegen Fabelwesen in Warcraft oder trachten sich in Battlefield nach dem virtuellen Leben, wir machen eben das. Und um es ganz klar zu sagen: Es ist uns überhaupt nicht peinlich. Dabei muss man schon einen kleinen Spleen haben, um sich diese Art der Freizeitgestaltung anzutun. Denn in einer Zeit, in der Multiplayergames auf leichten Einstieg, Tempo, ausgefeilte Statistiken und sofortige Belohnungen optimiert sind, wirkt CloD wie eine Spaßvollbremsung: trotz bis zu 100 Spielern in der Luft passiert oft 15 Minuten absolut nichts, der Einstieg ist bockschwer und Anerkennungen in Form von Rängen oder Orden sind unbekannt. Wer kann das toll finden? Antwort: Nerds. Typen wie ich. Jungs und ganz wenige Mädchen mit einem Faible für die historische Fliegerei und Militärluftfahrt. Enthusiasten, die ohne mit der Wimper zu zucken 300 Euro für handgefertigte Seitenruderpedale hinlegen. Eigentlich ist es unnötig zu sagen, wie klein die Fangemeinde ist.

Il2 Cliffs of Dover: Die Kunst des Fliegens

DUI gibt Gas und zieht vor mir in den Himmel. Um mich zu schützen, braucht seine Messerschmitt Tempo und Höhe. Luftkampf in CloD ist wie 3D-Schach. Immer gedanklich zwei Züge vor dem Gegner sein, seine Schwächen kennen und die Stärken der eignen Maschine. DUI predigt das den Neuen ohne Unterlass und mit größter Geduld. Wahrscheinlich ist er auch deshalb für die Betreuung des deutschsprachigen Forums auf der Diskussionsplattform der Air Tactical Assault Group (ATAG) zuständig. Wer hier landet, hat quasi eine Art Kontaktanzeige aufgegeben: Historisch interessierter und von Flugzeugen begeisterter Er/Sie sucht Anschluss an Gleichgesinnte. Über die Jahre ist daraus eine der freundlichsten internationalen Multiplayer-Communities gewachsen.

Durchschnittsalter 35, quer durch alle Berufe vom Handwerker über Richter, Naturwissenschaftler, Musiker bis hin zum Rentner. Viele fliegen tatsächlich, einige waren gar Kampfpilot oder Verkehrsflieger. So wie Lebano, der jetzt zusammen mit DUI rund 2000 virtuelle Meter über mir fliegt. Er büffelt derzeit für seine internationale Pilotenlizenz. Neben seinem Lehramtsstudium spart er sich jeden erarbeiteten Cent für seinen Traum zusammen. Wir drei gehören der größten deutschsprachigen CloD-Gruppe an. Jeden Mittwoch ist Training. Insgesamt ist die Fliegergemeinde jedoch sehr bunt gemischt. Sie kommen aus Österreich, der Schweiz, Frankreich, England, Norwegen, Schweden, Kanada, Griechenland, den USA, Spanien, Italien, Australien, Brasilien, Russland, Polen, Tschechien und der Türkei. Man mag darin eine gewisse Ironie erkennen, dass die Enkel und Urenkel der einstigen realen Kriegsgegner ausgerechnet in einer Kriegssimulation zu einer Gemeinschaft werden.

Community im echten Leben

Die internationale Community der virtuellen Flieger trifft sich regelmäßig auf Airshows wie hier im britischen Duxford 2016.  Man erkennt sich am "Vereinsshirt".  Diese Gruppe trägt zum Spaß gelbe Nasen - wie die im Hintergrund stehende Messerschmitt 109 einst in der Luftschlacht um England. 

Die internationale Community der virtuellen Flieger trifft sich regelmäßig auf Airshows wie hier im britischen Duxford 2016.  Man erkennt sich am "Vereinsshirt".  Diese Gruppe trägt zum Spaß gelbe Nasen - wie die im Hintergrund stehende Messerschmitt 109 einst in der Luftschlacht um England. 

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Die zentrale Kommunikationsdrehscheibe ist das ATAG-Forum, drum herum gibt es eine Vielzahl von Geschwader- und Facebookseiten sowie YouTube-Channels. Die Sprache: englisch. Der Ton: immer freundlich konstruktiv. Und wenn man sich im echten Leben trifft, gibt es meist eine Party. Wie im Sommer 2016 in Duxford. In dem britischen Dorf finden jährlich die Flying Legends statt. 30 bis 40 "Warbirds" starten dort zu einer der größten Flugshows für historische Militärflugzeuge in Europa. Zehntausende Fans recken am Boden ihre Hälse, darunter auch viele CloD-Akive. Man erkennt sich am Vereins-T-Shirt. Und in so manchem Pub im nahe gelegenen Cambridge kam es zur spontanen internationalen "Verbrüderungsrunden" mit anschließendem Gruppenfoto.

Die russische Schraubensimulation

"Kondens ein Uhr oberhalb!", ruft Lebano. Das ist nicht gut. Die feindlichen Flugzeuge fliegen so hoch, dass die Motorabgase zu Eiskristallen gefrieren – den Kondensstreifen. Plötzlich verschwinden die hellen Linien. Das ist noch schlechter. Die britischen Jäger haben uns offenkundig gesehen und verlassen stürzend die eisigen Höhen. Sie zischen an meinen Bewachern vorbei auf mich zu. Ich weiche aus, doch da kracht es auch schon. Ein, zwei Kugeln haben die Kühlwasserleitung im linken Motor und die Abgasanlage beschädigt. Ich fliege. Noch. Doch ohne Kühlmittel wird der Motor unweigerlich heiß laufen. Ich nehme rechts das Gas zurück, schließe die Kühler ein wenig und trimme die Maschine neu. Waidwund schiebe ich mich leicht quer zur Flugrichtung durch die Luft. Noch vier Minuten bis zum Ziel.


Ein, zwei Kugeln haben gereicht. Wer denkt sich nur so etwas aus? Oleg Maddox. Der russische Experte für Flugsimulationen wollte 2006 mit seiner Softwarefirma 1C Maddox Games die ultimative Simulation der Luftschlacht um England erschaffen. Die Flugzeuge sollten ihren historischen Vorbildern so nahe wie möglich kommen. Daher gleichen die Messerschmitts und Spitfires fliegenden Matheformeln: Auftrieb, Abtrieb, Widerstand, Gewicht, Massenträgheit, Temperatur, Luftdruck – alles, was in der Realität auf ein Fluggerät einwirkt, sollte es ebenfalls in der Simulation tun. Auch Geschosse. Die Software berechnet die Flugbahn des Projektils und welche Geräte innerhalb eines Flugzeugs an ihrem Ende liegt: ein Vergaser, die Zündelektrik, der Magnetkompass, die Steuerseile für die Ruder. Maddox dachte an alles. Nur offenbar zu spät daran, dass ihm das Geld vor der Abschluss des ambitionierten Projekts ausgehen würde. Anfang 2011 zog der Geldgeber die Reißleine, ""Cliffs of Dover"" wurde unfertig auf den Markt gedrückt. Die Fachpresse sprach wegen der vielen Fehler Kaufwarnungen aus. Das ist selten.

Glückliches Ende eines Software-Desasters

Auch meine Instrumente sprechen gerade Warnungen aus. Der linke Motor dreht nicht mehr sauber und schüttelt die gesamte Maschine durch. Vor mir taucht mein Ziel auf. Zwei Lagerhallen, ein großes Treibstoffdepot. Um mich herum dunkle Wölkchen explodierender Flakgranaten. Einen einzigen Versuch habe ich. Bomben raus. Die Explosion höre ich nicht, sondern sehe die Detonation und den grellen Feuerschein. Der Server verkündet allen Spielern: "Sailsbury Fueldepot Destroyed". Glückwünsche im Chatfenster. Ein Punkt für das eigene Team. Vielleicht komme ich sogar noch nach Hause.

Dass dieser Flug überhaupt so stattfinden kann, verdanke ich einer Gruppe von weit größeren Nerds als ich. "Cliffs of Dover" kam im September 2011 nicht nur völlig kaputt auf den Markt, die Softwarefirma 1C Maddox schloss schon bald darauf ihre Pforten. Sogenannte Patches, also nachträgliche Fehlerbehebungen, gab es nicht. Weltweit kochten die Simulatorfreunde vor Wut. Eine kleine Gruppe wollte sich damit nicht abfinden. Sie crackten den Quellcode des Spiels und "reparierten" es selbst – ohne Handbuch, nur durch probieren und schauen, was man verändert hatte. Re-Engineering nennen das Software-Entwickler. Eine unglaubliche Leistung in weit über 15.000 Arbeitsstunden. Die Gruppe aus Programmieren, 3D-Fachleuten und Grafikexperten taufte sich Team Fusion. Ihre Mitglieder kommen aus aller Welt, sie arbeiten anonym, unentgeltlich und im tief grauen Bereich der Legalität. Schließlich verändern sie ein urheberrechtlich geschütztes Werk. Allerdings mit großem Erfolg: Ihr erster großer Patch macht "Cliffs of Dover" erstmals spielbar und optisch schöner, der zweite fügt neue Funktionen und Flugzeuge hinzu. Der dritte wird einen völlig neuen Schauplatz eröffnen: das Mittelmeer 1942. Und jüngst hat auch der neue Rechteinhaber an "Cliffs of Dover" Frieden mit der Gruppe der Unruhestifter geschlossen. Ein Happy End wie es nur mit Internet und der "Macht des Schwarms" möglich ist.

Nach 70 Minuten ist das T-Shirt nass 

Den linken Motor habe ich abgeschaltet, die Propeller auf Segelstellung gebracht und die Kühler geschlossen. Glücklicherweise sind die 50 wichtigsten Befehle auf meinen 300 Euro teuren, vier Kilo schweren Joystick mit Schubhebeleinheit hinterlegt. Längst ziehe ich eine Fahne aus weißem Kühlmittel, Kraftstoff und schwarzen Öl hinter mir her. Mit dem letzten Tropfen Sprit erreiche ich die französische Küste und lege am Strand eine glatte Bauchlandung hin. "Henry crash landed in friendly territory" vermeldet der Server das erfolgreiche Ende meines 70 minütigen Fluges. Ich streife die Kopfhöhrer ab. Mein T-Shirt habe ich vor Anspannung komplett durchgeschwitzt. Wann hat man das schon: Ein Computerspiel, bei dem man hinterher duschen muss.


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  • Henry Lübberstedt