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Konkurrenz im Netz: Wie sich Deutschlands älteste Videothek gegen Netflix und Co. stemmt

In Kassel kämpft Deutschlands älteste Videothek ums Überleben. Wie viele andere geht sie am Internet und am Raubkopieren zugrunde. Ist das ein Verlust? Ein Ortsbesuch.

Im "Video-Film-Shop Eckhard Baum" sind die Regale noch vom Besitzer selbst gebaut und Helden der Filmwelt in Gold gerahmt

Im "Video-Film-Shop Eckhard Baum" sind die Regale noch vom Besitzer selbst gebaut und Helden der Filmwelt in Gold gerahmt

Wenn die erwacht, ist sie wie ein Greis, der sich aufrafft, so schwerfällig und stockend, dass man denkt: Das geht nicht mehr lange. Ein Knacken, Pause. Ein Surren, Pause. Endlich flackert das Licht der Leuchtstoffröhren nieder auf das Mosaik der Filmcover in den Regalen. Auf die ausgetretenen grünen Läufer. Auf das weiße Schild: "Verleihpreis ohne Clubkarte: 1,50 Euro pro Kalendertag. Mit Clubkarte: 1,00 Euro." Auf all die Träume der Deutschen. Die Tagträume. Die Albträume. Die schmutzigen Träume.

Es ist 15.30 Uhr an einem Freitag. Gleich am Eingang stützt sich Inhaber Eckhard "Ecki" Baum, 78 Jahre alt, auf die Theke, links daneben Winfried, mehr als ein Stammgast, lange schon Inventar. Er lehnt am Regal mit den Verkaufsvideokassetten, die vergebens auf Käufer warten: "Der Glöckner von Notre Dame" , " Filmfestival", "Die ganze Welt auf Video: Bali". Sie schauen durch die offene Tür auf die Passanten.

"Früher, da ging das rein, raus, rein, raus hier, nicht wahr, da standen die Leute Schlange" , sagt Eckhard Baum. "Da wurden Filme mehr geschätzt. Heute sind sie Massenware", sagt Winfried. An der Wand hinter ihm hängt ein Schild: "Dieser Betrieb arbeitet ohne Gewinn. Das war nicht so geplant, das hat sich so ergeben." "Als ich das aufgehängt habe, da war das ein Spaß", sagt Ecki Baum. "Jetzt stimmt's leider."

Der "Vater der Videotheken"

In der Erzbergerstraße 12 in kämpft der "Video-Film-Shop Eckhard Baum" ums Überleben. 1975 gründete Baum seine Videothek in Kassel, selbst die Amerikaner kamen erst zwei Jahre später, behauptet er, somit sei sie die erste der Welt. Baum steht damit im "Guinness-Buch der Rekorde" und nennt sich stolz den "Vater der Videotheken". Doch nun, 41 Jahre später, sterben seine Kinder.

Baum blickt hinaus auf die Passanten, auf all die Abtrünnigen, die streamen, runterladen oder raubkopieren, die Youtube gucken und Abos von haben oder Amazon Prime oder Maxdome, die seine DVDs nicht mehr in die Hand nehmen wollen und lieber dem Algorithmus eines Computers vertrauen als seinem Rat. Internet killed the video star. Beinahe jeden Tag verschwindet eine Videothek aus einer deutschen Stadt, wer weiß, wie lange Gründervater Baum noch durchhält. Allein in Kassel gab es einmal 75 Videotheken, jetzt sind es noch vier.

"Am Preis kann es nicht liegen", sagt Winfried, immer noch ans Regal gelehnt. "Eckhard, du nimmst einen Euro pro Tag - günstiger geht's kaum."

Eckhard Baum braucht keinen Computer auf seinem Verkaufstresen, nur seine Kaffeetasse. An der Wand hinter ihm prangen all die Promis, die in den großen Zeiten zu ihm kamen

Eckhard Baum braucht keinen Computer auf seinem Verkaufstresen, nur seine Kaffeetasse. An der Wand hinter ihm prangen all die Promis, die in den großen Zeiten zu ihm kamen


"Das Internet hat alles kaputt gemacht"

"Die Leute laden sich einfach Filme herunter, gehen gar nicht mehr vom Sofa. Reden gar nicht mehr miteinander. Für mich ist das traurig, nicht mehr rauszugehen", sagt Eckhard Baum. "Das Internet hat alles kaputt gemacht. Wenn meine Frau mir in schlechten Monaten nicht mit ein paar Hundert Euro unter die Arme gegriffen hätte - hier wäre schon dicht."

Er blickt sich um. 200 Quadratmeter verschachtelt in zehn Zimmern, alles selbst gebaut. Sein Laden wirkt wie eine Studenten-WG mit ausufernder DVD-Sammlung. Baum sagt: "Ich brauche keine schicken Regale. Bei mir wirken die Filme."

Der Inhalt seiner Regale bildete all die Jahre zuverlässig ab, was und wer die Deutschen unterhielt, ob Drama, Komödie, Action oder Science-Fiction. Oft waren es Notlösungen, zu denen die Deutschen griffen, weil der Film, den man eigentlich wollte, gerade verliehen war. Oder weil man so lange unschlüssig auf die Filmcover geglotzt hatte, dass der Abend fast schon gelaufen war und eine Beziehungskrise heraufzog.

Man griff dann zermürbt zu "Kentucky Fried Movie", "Titanic", "Findet Nemo". Zu alten Bekannten wie Al Pacino, Julia Roberts, Harrison Ford, Cameron Diaz, Robert De Niro. Baum hat von jedem Film, den er jemals anschaffte, ein Exemplar aufbewahrt. Und wenn ein Film nach einem Jahrzehnt Publikumsverschmähung mal wieder ausgeliehen wird, dann ist das eine der größten Freuden für Baum.

Die Neuheiten bewahren die Videotheken

Seine Regale bildeten auch immer ab, was und wer die Deutschen erregte. Diese Regale verbirgt Baum aber hinter einem dicken braunen Vorhang. Wenn er den lupft, ist es, als blicke man auf eine riesige Fleischtapete. "Porno läuft noch immer ziemlich gut, der lief von Anfang an" , sagt Baum. "Heute vor allem bei den älteren Kunden, die kein Internet haben." Er schiebt den Vorhang schnell wieder vor sein Feuchtgebiet und stellt sich zurück hinter den Tresen. Daneben hängt die Preisliste. Sie liest sich wie eine Museumstafel: "Clubkarte" , "5er Paket" , "Kalendertag", wo doch heute alle überall Flatrate wollen, beim Telefonieren, beim Surfen, beim Musikhören, beim Videogucken.

Wenn Leute heute noch in Videotheken gehen, dann wegen der Neuheiten, sagt Baum. Das ist sein letztes Pfund: Die meisten Kino filme stehen noch immer zuerst in den Videotheken, ehe sie auf Streaming-Portalen erscheinen. Deshalb kommen zu ihm Kunden, meist sind es jüngere, die sich einen Film im Kino nicht leisten konnten, aber es nicht erwarten können, ihn zu sehen. Doch auch das lässt nach, sagt Baum.

In seinem Büro in Düsseldorf legt Jörg Weinrich einen Zettel auf den Tisch. "Ich habe Ihnen die Zahlen mal ausgedruckt, Sie hätten eh da nach gefragt" , sagt Weinrich, ein nüchterner Ökonom. Er ist Geschäftsführer des IVD, des Bundesverbandes der Videothekenbetreiber, seit 20 Jahren kämpft er für deren Interessen.

Baums letzter Angestellter Harald Schwabe findet jeden der rund 13 000 Filme, die sich über die Jahre angesammelt haben Kasten:

Baums letzter Angestellter Harald Schwabe findet jeden der rund 13 000 Filme, die sich über die Jahre angesammelt haben Kasten:


Von 10 auf 4 Millionen Kunden

Auf dem Zettel steht "Anzahl Videotheken", die Zahlen sehen nicht gut aus, das erkennt man auf einen Blick. 1991, als die Ostdeutschen einen so ungeheuren Nachholbedarf an Traumwelten hatten, dass in jedem Kaff gleich zwei Läden aufmachten, da gab es über 9000 Videotheken. 2001 waren es noch 4564. Und die Zahlen auf Weinrichs Aufstellung gehen weiter rasant nach unten. 2015 zählt sie noch 1212 Videotheken. In den Neunzigern kamen noch zehn Millionen Kunden im Jahr, zuletzt waren es noch gut vier Millionen.

Im ersten Quartal 2016 verloren die Videotheken noch einmal neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig gewannen die digitalen Leihangebote neun Prozent.

Gegen diesen Niedergang kämpft Weinrich an. Seine Feinde sind nicht nur Netflix, Maxdome oder Amazon, es sind auch die Raubkopierer. Es ist ein verzweifelter Kampf. Die Server der Videopiraten liegen sonst wo auf der Welt, und wenn einmal einigen Raubkopierern das Handwerk gelegt ist, tauchen in der Karibik schon wieder andere auf. "Die Leute wissen, dass Raubkopien nicht legal sind. Trotzdem schauen sie sich die Filme an. Wenn es etwas umsonst gibt, wandern die Kunden ab." Das ist vielleicht die größte Kränkung: dieser Undank, dieser Geiz, der so viele ehemalige Kunden vergessen lässt, was sie an den Videotheken hatten.

Arthaus und Action

Eckhard Baum hat seine 13.000 Filme im Blick, Harald Schwabe, seit 1996 sein Angestellter, hat sie im Kopf. Für ihr Archiv brauchen die beiden keinen Computer, sagen sie, Computer können abstürzen, Papier nicht. In einem alten Schrank stapeln sich Karteikästen, gut 40.000 Kundennamen haben sich über vier Jahrzehnte auf Pappkärtchen angesammelt. Wie viele davon noch kommen? "Leider zu wenige. Von den 40.000 sind bestimmt auch schon viele tot" , sagt Baum.

Seine Quittungen schreibt er per Hand, und wenn ein Film verliehen wird, ist Stammgast Winfried zur Stelle und spannt ein Einweckgummi um die DVD-Hülle im Regal, damit jeder weiß: Der Film ist ausgeliehen. Früher rissen die Gummibänder schneller, sagt Baum. Früher wurden sie aber auch häufiger benutzt.
Endlich Kundschaft. Ein Pärchen steht an der Theke. Sie sagt: "Ich suche einen Film, der ist mit Pierce Brosnan, glaube ich." Er sagt: "Der hat da irgendwie Bilder geklaut." Darauf Harald: "Ihr meint 'Die Thomas Crown Affäre'", und verschwindet mit ihnen irgendwo im Bauch der Videothek. Baum guckt zufrieden hinterher. So hat er sich das vorgestellt, als er 1975 sein Geschäft eröffnete. Ein Ort, an dem Filmfans zusammenkommen, an dem man sich austauscht und inspiriert. Egal, ob arm oder reich, dumm oder klug, Arthaus oder Action.

Die Welt kam in die Vorzimmer

Auf die Idee kam er, weil Freunde sich häufig Filme aus seiner großen Super-8-Film-Sammlung ausliehen. In Deutschland gab es wohl kaum einen Filmverrückteren als Ecki Baum. Schon als Teenager hatte er begonnen, Filme zu sammeln, und auch welche selbst gedreht. Seine Idee revolutionierte das Filmgeschäft, emanzipierte das Publikum vom Fernsehprogramm, brachte die Welt in die Wohnzimmer, machte eine Menge Leute reich und rettete wohl auch eine Menge Ehen vor dem Tod durch Langeweile. Baum schenkte den Deutschen ihre liebste Abendbeschäftigung, den Videoabend.

Die Fernsehlandschaft war damals eine Drei-Programm-Wüste, der Durst nach Filmen war nicht zu stillen - für Baum ideale Bedingungen. Warum sollte er nicht Geld für den Verleih seiner Filme nehmen können?

Er nannte sein Geschäft "Videotheke", weil er ja seine Filme über den Tresen reichte wie der Kneipenwirt das Bier. Aber all seine Nachahmer hätten wohl Angst vor Rechtsstreitigkeiten gehabt und deshalb das "e" lieber weggelassen. Sein Angebot von anfangs 100 Titeln erweiterte er stetig. Das ging ganz einfach: Er filmte Unterhaltsames aus dem Fernsehen ab und stellte es in sein Verleihregal. Zwölf Mark nahm er pro Filmrolle Verleihgebühr, die meisten Filme füllten gleich drei Rollen, das schreckte die Nomaden in der Unterhaltungswüste nicht.

"Ich war wohl nicht nur der erste Videothekenbetreiber, sondern auch der erste Raubkopierer", sagt Baum. "Natürlich gab es damals schon Urheberrechte, aber worum es dabei genau ging, wusste keiner so richtig. Ich erfuhr es dann, als die ARD mich aufforderte, damit aufzuhören." Von nun an ging Ecki Baum völlig legal mit der Technik. Er machte alles mit, egal, ob Super 8, VCR Longplay, Betamax, Video 2000, Bildplatte, VHS oder DVD.

Er nimmt jeden verlorenen Film persönlich

Und er kannte schnell die Tricks der Video-Gauner. Da gab es Leute, die ausgeliehene Videokassetten aufschraubten und den Originalfilm durch eine schlechte Kopie ersetzten, das waren noch die Ausgefuchsteren. Später kamen die ganz Dreisten, die einfach mit Edding beschriebene, selbst gebrannte DVDs in die Hüllen legten und behaupteten: Das war so. Ihnen allen ging Ecki Baum nie auf den Leim, mindestens 5000 Filme hat er wohl trotzdem an Diebe verloren. Immer wieder klingelte er an den Wohnungstüren säumiger Ausleiher. Meist ohne Erfolg. Doch ein Cineast wie Baum nimmt jeden verlorenen Film persönlich.

Mit der Zeit verkauften andere auch Popcorn, Chips und Cola, verwandelten ihre Videotheken in Kioske, es soll sogar einen geben, der neben den DVD-Regalen Pizza backt, erzählt Harald. Baum aber blieb beim Film, die Chips verkrümeln nur die Teppiche, sagt er.

Er holte stattdessen die große Welt in sein Lichtspielhaus des kleinen Mannes nach Kassel, oder er besuchte sie. Hinter seinem Tresen hängen die Fotos, die ihn unter anderem zeigen mit: Hape Kerkeling, Pierre Brice, Jopi Heesters, Conny Froboess, Fats Domino und Zachi Noy, dem Dicken aus "Eis am Stiel" , dessen Deutschland-Manager Baum sogar mal war. Ecki Baum und seine Videothek waren Glamour. Heute vergilben die Plakate in den Fensterscheiben, der technische Fortschritt steht nicht mehr in Eckis Regalen, sondern in Form von internetfähigen Full-HD-LCD-Monstern in den Wohnzimmern der Republik.

Jetzt betritt ein anderer Ecki den Laden, Eckehart Blume vom Hessischen Landesdenkmalrat, und mit ihm kommt die Gegenwart zurück in Baums Welt. Blume sagt, die französische Küche sei Weltkulturerbe, warum erkläre man nicht auch die erste Videothek der Welt zum Kulturgut? Und aus Ecki, dem Gründervater der Videotheken, würde dann ein schlurfender Museumsführer in den muffigen Ausstellungsräumen seines eigenen Lebens.

"Warum nicht?", sagt Baum. "Aber erst in ein paar Jahren. Ich war der erste Videothekar und will auch der letzte sein."

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