HOME

Streaming und Download: Ruhe in Frieden, liebe Musik-CD

Ein wenig Pathos ist schon angebracht, denn eine historische Ära geht jetzt zu Ende. Der liebgewonnene Tonträger wird von der Musik aus dem Internet zu Grabe getagen. Wir finden: leider geil!

Von Ulf Schönert

Ein wenig Pathos ist schon angebracht, denn es ist nichts weniger als eine historische Ära, die jetzt zu Ende geht. Gut hundert Jahre wurde Musik auf Tonträgern vervielfältigt, gesammelt, gehört und verkauft. Auf Schellack, auf Tonbändern, auf Vinyl-Singles und -LPs, auf Musikkassetten und schließlich auf CDs. Das Mixtape, die Plattensammlung, den Unterschied zwischen Singles und Alben: All das werden wir irgendwann unseren Enkeln erklären müssen. Noch taugen CDs und Vinyl-LPs hervorragend als Geburtstagsgeschenke. Doch wirklich gebraucht werden sie zum Musikhören eigentlich nicht mehr.

Denn alles, was an Musik neu ist, kommt inzwischen auch in Dateiform auf den Markt - manches erscheint sogar gar nicht mehr erst auf CD. Von der Hinterhofband zum Megastar, vom größten Major bis zum kleinsten Label: Niemand weigert sich mehr, Dateien zu verkaufen - so, wie es lange Zeit der Fall war. Wer CDs oder Vinyl-LPs kauft, erwirbt oft gleichzeitig einen Code, mit dem er die Musik zusätzlich auch herunterladen kann. Und nach und nach wird immer mehr, was in der Vergangenheit veröffentlicht wurde, digitalisiert und im Netz angeboten. Allein 25 Millionen Titel stellt der Online-Dienst Simfy seinen Kunden bereit, und das ist noch nicht mal der Größte. Über Seiten wie Soundcloud oder Bandcamp verkaufen manche Künstler ihre Musik inzwischen sogar direkt, ohne Umweg über ein Label. Die Musikindustrie meldete zuletzt 16 Prozent Steigerung beim digitalen Musikgeschäft, das inzwischen rund ein Viertel des Gesamtumsatzes ausmacht. Die CD-Verkäufe hingegen sind weiter rückläufig, zuletzt um fast drei Prozent.

Geräte machen den Unterschied

Warum überhaupt Dateien? Weil sie so praktisch sind. Sie zerkratzen nicht, sie gehen nicht kaputt. Man kann sie jederzeit kaufen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Ihr Download dauert, eine schnelle DSL-Verbindung vorausgesetzt, nur wenige Sekunden. Von der Klangqualität her können sie mit CDs mithalten. Man kann sie auf einen mobilen Player oder ein Handy kopieren, deren Speicher gleich Tausende Lieder fassen, in der Hosentasche überall mit hinnehmen. Man kann sie verschicken, leicht archivieren - und wenn sie ordentlich "getagt", also beschriftet sind, sind Musiksammlungen in Dateiform sehr übersichtlich.

Dass digitale Musik so erfolgreich ist, liegt auch an den Abspielgeräten, die immer besser werden. Früher konnte man Musikdateien nur auf dem PC oder auf speziellen MP3-Playern abspielen. Inzwischen kann jedes Handy mit MP3-Dateien umgehen. Auch Spielkonsolen und Tablet-Computer, selbst manche E-Reader sind automatisch gleichzeitig digitale Musikspieler. An eine Box angeschlossen oder in eine Dockingstation gesteckt, bieten sie sogar hervorragenden Sound. Neu hinzu gekommen sind in letzter Zeit immer bessere WLAN-Lautsprecher und Multiroom-Anlagen. Sie empfangen Musik direkt über eine Internetverbindung von Onlinediensten oder spielen Dateien ab, die auf dem PC oder Tablet liegen. Hierbei hat sich Airplay als drahtloser Standard etabliert, der die Verbindung zwischen Musiksammlung und Lautsprecher herstellt. Gesteuert werden sie meist über Smartphone-Apps. Die Stereoanlage herkömmlicher Art wird auf diese Weise überflüssig.

Download oder Stream?

Aber woher nehmen? Und nicht stehlen? Vor allem letztere Frage war lange Zeit durchaus berechtigt, denn das illegale Herunterladen von Musik gilt über Jahre als eine Art Volkssport. Auch heute noch gibt es viele kostenlose, weil illegale Angebote im Netz-Untergrund. Doch ihre Nutzung lohnt sich immer weniger. Einerseits sind die Strafen für diejenigen, die erwischt werden, drakonisch. Bis zu 10.000 Euro kann das kosten. Andererseits sinken die Preise für legale Musik seit Jahren, und die Angebote werden immer komfortabler. Heutzutage gibt es Dutzende Anbieter von Mediamarkt und Saturn über iTunes und Musicload bis zu Amazon und Google, bei denen man MP3-Dateien herunterladen kann. Doch auch die verbotenen Angebote sind häufig sehr gut gemacht. Um sie von den legalen unterscheiden zu können, hat die Musikindustrie eigens ein Gütesiegel entworfen (playfair.org), das nur an "gute" Seiten vergeben wird.

Wer online Musik hört, kommt an der Abkürzung MP3 nicht vorbei: Sie steht für "Mpeg Layer III", und bezeichnet eigentlich eine Methode, die Größe von Tondateien zu komprimieren. Erst dieses Verfahren ermöglichte es, Musikdateien so komfortabel übers Internet zu verschicken oder herunterzuladen - wie es heute allerorten üblich ist. Zwar ist die Technologie inzwischen etwas veraltet, und es hat viele Versuche gegeben, Alternativen zu etablieren. Viel versprechend sind vor allem "Lossless"-Verfahren, bei denen - im Gegensatz zu MP3 - die ursprüngliche Qualität der Musik in vollem Umfang erhalten bleibt. Doch tut MP3 nach wie vor seinen Dienst. Mehr noch: Es ist der Standard, auf den sich alle geeinigt haben. Kein Player, kein Webdienst, kein Computer, der es nicht beherrscht. Wer digitale Musik sammelt, kommt um MP3 nicht herum.

Musikstreaming-Dienste: Das bieten Spotify, Napster und Co.

Die Vorteile beim Musik-Download

Dass MP3 dennoch oft nicht mehr zeitgemäß erscheint, hat einen anderen Grund. Denn inzwischen setzt sich immer mehr durch, dass Musik gar nicht mehr auf der Computer-Festplatte abgespeichert wird, sondern von einem Server im Netz bereitgestellt wird. Diese Methode, die sich zurzeit auch auf vielen anderen Feldern durchsetzt und auch Cloud-Computing genannt wird, hat viele Vorteile. Zum Beispiel den, dass man von vielen unterschiedlichen Geräten und von unterschiedlichen Orten aus Zugriff auf seine Dateien hat. Oder dass sie automatisch in Form von regelmäßigen Backup-Kopien gesichert werden. Doch Cloud-Computing hat auch Nachteile: Man braucht eine stabile Online-Verbindung, um darauf zugreifen zu können. Außerdem kostet der Web-Speicherplatz und die Internetverbindung Geld. Natürlich kann man auch beides machen, Musik für die eigene Festplatte kaufen und aus der Cloud hören. Aber dann würde man doppelt bezahlen. Wer Musik aus dem Netz hören möchte, muss sich also grundsätzlich entscheiden: MP3-Dateien für die eigene Festplatte kaufen oder Musik aus der Cloud hören?

Der größte Vorteil des Herunterladens: Dateien, die man auf diese Weise kauft und auf der eigenen Festplatte speichert, gehören einem, und man kann mit ihnen machen was man will. Die Zeiten, in denen Musikdateien mit einem nervigen Kopierschutz ausgestattet waren, sind zum Glück vorbei. Inzwischen kann man alle gekauften MP3s beliebig auf jedes Abspielgerät kopieren, ob Computer, Handy, Netzwerk-Festplatte oder MP3-Player. Auch das Brennen auf CDs ist möglich. MP3-Musik kaufen kann man bei ganz unterschiedlichen Anbietern, die Auswahl ist riesengroß. Vom kleinen Independent-Vertrieb bis zu den großen Anbietern Musicload, iTunes und 7digital ist alles dabei. Wo man kauft, ist im Grunde egal, denn in Sachen Qualität unterscheiden sich all diese Dienste im Grunde nicht groß. Und alle Dateien, egal, wo man sie erwirbt, kann man zu einer großen Sammlung zusammenfügen, und zu der man auch CDs hinzufügen kann, die man dazu auf den Computer kopiert.

Mit jeder neuen Datei wächst die persönliche Musiksammlung, begrenzt nur durch die Kapazität der Festplatte. Ein einzelner Kauf-Titel kostet - je nach Interpret und Anbieter zwischen 50 Cent und 1,50 Euro. Ganze Alben werden meist etwas günstiger verkauft, als die Titel einzeln kosten würden. Die Preise variieren hier zwischen 5 bis 15 Euro. Der Nachteil beim Herunterladen: Alle Musik, die man haben will, muss man - anders als beim Streaming (s.u.) einzeln kaufen. Zwar sind Alben in Dateiform in der Regel deutlich billiger als CDs. Doch Vielhörer kommen schnell an den Punkt, an dem sich die Kosten für Musik derart läppern, dass es sich möglicherweise lohnt, auf einen Streaming-Dienst umzustellen.

Die kleinen Tücken beim Streamen

Musik streamen bedeutet, jeden Song bei jedem Anhören einzeln von einem Internet-Server herunterzuladen. Klingt kompliziert, geht dank Hochgeschwindigkeitsleitungen und einfach zu bedienender Software aber meist so schnell, dass keine Wartezeiten entstehen. Streaming-Dienste - die bekanntesten sind Spotify, Simfy, Rdio, Deezer, Napster und Juke - bieten Musik meist als Flatrate-Abo zur Miete an. Gegen eine Monatsgebühr dürfen die Kunden aus einer riesigen, zig-millionen Titel zählenden Datenbank auswählen und so viel hören, wie sie wollen. Der Vorteil: Es muss im Grunde keine Musik mehr gekauft werden, denn es ist einfach alles online, und das unmittelbar nach Erscheinen: Sobald das neue Album von Robbie Williams oder die Single von Miley Cyrus draußen ist, kann es auch schon in voller Länge angehört werden. Doch Streaming hat auch Nachteile. Der Wichtigste: Die Musik gehört einem nicht. Man kann sie wirklich nur anhören. Auf CD brennen geht zum Beispiel nicht. Ist das Abo gekündigt, ist auch die Musik weg. Ferner legt man sich auf einen Anbieter fest - und nicht alle haben alles im Sortiment. Es kann also sein, dass die "Platte", die man haben will, ausgerechnet bei dem eigenen Anbieter nicht vorhanden ist.

Drum prüfe, wer sich bindet, ob er nicht was bess'res findet...

Ein weiteres Problem ist, dass nicht alle Streaming-Dienste mit jedem Gerät funktionieren. Was zuverlässig geht, ist das Anhören auf einem PC - dafür haben einige Dienste sogar ein werbefinanziertes Gratis-Angebot. Wer sich die Werbung ersparen möchte, zahlt etwa 5 Euro im Monat. Doch nicht jeder Anbieter hat zum Beispiel eine passende App für jedes Handy-Betriebssystem. Auch sind nicht alle WLAN-Radios und -Lautsprecher mit jedem Dienst kompatibel: Hier sollte man sich vor dem Kauf oder dem Abschluss des Abos unbedingt informieren. Wichtig ist außerdem zu beachten, dass das Musik-Abo das Abspielen über ein Handy oder einen Netzwerk-Lautsprecher auch zulässt. Dafür ist meist ein etwas teureres Premium-Abo (Preis meist um die zehn Euro pro Monat) nötig. Wer das hat, kann - über eine entsprechende App - die Musik aber auch auf dem Handy speichern und unterwegs hören, wenn gerade keine Internetverbindung besteht. Doch wenn das Abo gekündigt wird, endet das Hörvergnügen abrupt: alles Heruntergeladene wird auf einen Schlag wertlos.

Streaming ist die Zukunft, aber nicht jedermanns Sache. Musik-Flatrates sind vor allem für Hörer geeignet, die ein breites Hör-Spektrum abdecken wollen und die gerne Neuerscheinungen hören - aber weniger was für Sammler. Gut möglich, dass sich in Zukunft Mischformen durchsetzen werden. Erste Anbieter vermengen schon jetzt Besitz und Stream von Musik. Bei Amazon zum Beispiel wird alles, was man dort kauft - selbst auf CD - inzwischen auf einem Server gespeichert und über die "Amazon Cloud" als Stream zur Verfügung gestellt. Bei Google-Music kann man seine MP3-Sammlung auf einen Google Server hochladen und dann als Stream von jedem beliebigen Ort der Welt anhören.

Ulf Schönert
Themen in diesem Artikel
  • Ulf Schönert