VG-Wort Pixel

Digitalisierung Expertin für Digitalisierung: "Homeoffice allein reicht nicht"

Digitalisierung: Expertin für Digitalisierung: "Homeoffice allein reicht nicht"
IT-Expertin Irene Bertschek fordert, die Digitalisierung auch nach der Corona-Krise weiter voranzutreiben. Dabei kann Unternehmen die Teilnahme an einer Studie des stern helfen.

Frau Professor Bertschek, hat Corona auch irgendetwas Gutes?

Nein, aber die Pandemie hat Schwächen aufgedeckt, die wir beheben können, um uns für eine nächste Krise besser zu wappnen.

Konkret in Ihrem Fachgebiet: Deckt Corona unsere Defizite bei der Digitalisierung auf, oder gibt uns die Pandemie einen Schub?

Beides. Es hat sich beispielsweise gezeigt, dass die Internet-Abdeckung für reibungsloses Homeoffice und Homeschooling insbesondere in ländlichen Regionen oftmals nicht ausreicht. Das wussten wir im Prinzip schon vorher, aber jetzt sollten es alle gemerkt haben. Ähnlich ist es mit den großen Defiziten bei der Digitalisierung in der Verwaltung und im Gesundheitswesen. Ich kann es kaum glauben, welches Revival das Fax erlebt.

Ein Gutachten für das Bundeswirtschaftsministerium konstatierte jüngst für die Verwaltung "archaische Zustände" ...

Manche Behörden sind seit Beginn der Corona-Pandemie online überhaupt nicht erreichbar. In internationalen Vergleichen zum E-Government landet Deutschland regelmäßig auf den hinteren Rängen. Das liegt auch am Föderalismus. Die Verknüpfung der Behörden von Bund, Ländern und Gemein-den ist sehr komplex und gelingt nicht schnell genug. Das ist nicht nur ein Problem zwischen den Gesundheitsämtern und dem Robert-Koch-Institut.

Wo gab es einen Schub in die richtige Richtung?

In der Wirtschaft. Das zeigen auch die Studien des ZEW. Viele Unternehmen haben Homeoffice ausgeweitet oder eingeführt, vor allem im Dienstleistungssektor und in den Wissenstätigkeiten. Dafür wurde kräftig in Technik investiert – von den Notebooks bis zur IT-Sicherheit. Gerade auch kleinere Firmen haben ihre Prozesse von analog auf digital umgestellt, etwa durch Videoberatung oder Onlinevertrieb. Das ist erst einmal positiv, aber es ist noch nicht klar, wie es nach der Krise weitergeht.

Drohen Rückschläge?

Viele Unternehmen kommen langsam an ihre finanziellen Grenzen. Dabei wäre es wichtig, dass die ­Digitalisierung jetzt nicht stehen bleibt. Homeoffice allein reicht nicht. Es müssen mehr digitale Produkte und Dienstleistungen ent­wickelt und angeboten werden.

Der stern hat mit Ihnen als Beirätin eine große Umfragestudie zur Zukunftsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland angestoßen. Warum lohnt sich eine Teilnahme daran?

Es ist jetzt wichtig, zu reflektieren und sich zu vergleichen: Was können wir tun, um uns zukunftsfest aufzustellen? Unsere Untersuchungen zeigen, dass digitale Unternehmen besser durch Krisen kommen. Sie sind resilienter. Das galt für die Finanzkrise und zeigt sich jetzt auch bei Corona.

Bei welchen Unternehmen hapert es noch?

Bei den kleineren und mittleren fehlt häufig die Expertise, etwa für künstliche Intelligenz oder die Nutzung von großen Datenbeständen. Es geht ja nicht nur um Effizienz, sondern auch darum, die enormen Innovationspotenziale zu erschließen für neue Produkte und neue Geschäftsmodelle. Dafür braucht es Expertenwissen. Und gerade für Innovationen ist in den vergangenen Jahren der Fachkräftemangel immer stärker zum Hemmnis geworden. Es braucht aber auch mehr digitale Fähigkeiten in der Breite der Belegschaften.

Wird genug für die Weiterbildung getan?

Sie ist zumindest einfacher geworden, weil es mehr digitale Formate gibt. Sie muss aber für die Unter-nehmen passend ausgewählt werden, denn nicht jede Fortbildung stärkt automatisch die digitalen Kompetenzen. Genau darauf kommt es aber an.

Daten gelten als das neue Gold. Aber gehören die deutschen Unternehmen zu denen, die da schürfen?

Manche sprechen auch vom neuen Öl. Solche Vergleiche hinken immer. Es gibt ja einen großen Unterschied zu physischen Rohstoffen: Daten verbraucht man nicht. Unternehmen können sie wiederholt oder auch parallel mit anderen nutzen. Hier gibt es noch ein riesiges Potenzial. Daten entstehen oft als Nebenprodukt zum Beispiel bei der Produktion.

Geben Sie mal ein Beispiel.

Eine Maschine hat mehrere Verschleißteile. Bevor eines kaputtgeht, gibt es kaum wahrnehmbare, aber doch messbare Vorzeichen in den Produktionsdaten. Algorithmen können das erkennen und so lernen, Ersatz-teile rechtzeitig zu bestellen. So werden Ausfallzeiten minimiert.

Haben die Unternehmen in der ­Corona-Krise ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöht? Oder wurde dort gespart?

Umfragen des ZEW zeigen, dass sich bei zahlreichen Unternehmen Innovationsprojekte verzögert haben oder geplante Projekte gar nicht erst begonnen wurden. Wenn die Nachfrage einbricht, fehlt es schlicht an Geld. Dieser Trend setzt sich in diesem Jahr zum Teil fort. Die kleinen und mittleren Unternehmen gehen von einer Verringerung ihrer Innovationsausgaben um neun Prozent für 2020 und um weitere fünf Prozent für 2021 aus. Das ist bedenklich.

Beim Thema Homeoffice gibt es sich widersprechende Meldungen. Nutzt oder schadet es unterm Strich der Wirtschaft?

In der Informationswirtschaft nehmen 60 Prozent der Unternehmen bei den Beschäftigten, die vor der Pandemie nicht im Homeoffice waren, keine Veränderung der Produktivität wahr, 25 Prozent beobachten bei diesen Beschäftigten eine ge­ringere und 15 Prozent eine höhere Produktivität.

Wie wird es nach Corona weitergehen?

Das sehen die meisten Unternehmen nicht anders als ihre Beschäftigten: Sie wollen weniger Home­office als während der Krise, aber mehr als davor. Meine Erwartung ist: Die Leute werden erst mal in die Büros zurückströmen. Viele vermissen die Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen, das gemeinsame Mittagessen in der Kantine. Die große Herausforderung wird es sein, eine gute Kommunikation sicherzustellen, wenn die Teams zum Teil in der Firma und zum Teil im Home­office sind. Da werden sich manche, ­zumindest gelegentlich, die rein ­digitalen Corona-Zeiten zurückwünschen.

Prof. Irene Bertschek leitet den Forschungsbereich "Digitale Ökonomie" am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW). Sie ist wissenschaftliche Beirätin einer großen stern-Studie zur Digitalisierung der Unternehmen in Deutschland. Alle Informationen zur Studie finden Sie hier.

Erschienen in stern 21/2021

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker