VG-Wort Pixel

Grusel-Doku "Heimgesucht": Ist der Netflix-Horror eine wahre Geschichte oder einfach nur Humbug?

Haunted Heimgesucht Netflix
In "Heimgesucht" will Netflix wahre Horror-Geschichten erzählen
© Netflix
"Sechs wahre Geschichten" - so verkauft Netflix seine Horror-Dokuserie "Heimgesucht". Gruselig finden die Zuschauer allerdings vor allem die Behauptung, dass alles echt sei.

Dokus kommen beim Publikum sehr gut an, Horror ebenfalls. Kaum einer weiß das besser als Netflix. Kein Wunder, dass der Streamingdienst nun versucht, beides zusammenzubringen. In "Heimgesucht" - im Original "Haunted" - berichten der Vermarktung nach echte Menschen von ihren genauso echten Horror-Geschichten. Im Netz sorgt das aber für gespaltene Reaktionen - und jede Menge Vorwürfe, Netflix habe es bei dem Wahrheitsanspruch der Serie nicht allzu ernst genommen.

Die Umsetzung ist jedenfalls mehr Horror als Doku. Sie erinnert sofort an den Neunziger-Schinken "X-Faktor - das Unfassbare". Mit raunender Stimme erzählen Menschen, was ihnen so Schreckliches wiederfahren ist. Dazu gibt es "nachgestellte Szenen", düstere Ausschnitte mit gruseliger Musik, Schockeffekten und  teils viel Blut. Zwischendurch erzählen dann die Protagonisten im kleinen Stuhlkreis, wie sehr sie diese Ereignisse mitgenommen haben. Inklusive Nahaufnahmen der geschockt reagierenden Freunde und Verwandten.

Wie echt ist "Schlachthaus" wirklich?

Doch viele Fans nehmen der Sendung ihre Prämisse nicht ab und tun ihre Zweifel in den sozialen Netzwerken kund. Ob man nun an Geister und Aliens glauben möchte, sei mal dahingestellt. Schließlich ist es ja durchaus psychologisch erklärbar, dass die Protagonisten wirklich glauben, dass ihnen das so widerfahren ist. Bei der zweiten der fünf Episoden ist das aber nicht der Fall: In "Schlachthaus" berichten zwei Frauen und ihr Neffe, wie sie im Bundeststaat New York der Siebziger unter ihrem irren Vater aufwachsen mussten.

Der nötigte sie den Erzählungen zufolge nicht nur  zu einem merkwürdigen Spiel, bei dem sie Orangen über den Boden rollen mussten - sondern war auch ein Serienkiller. Immer wieder soll er Fremde mit nach Hause gebracht haben, um sie dann bestialisch umzubringen. Im Video dazu tanzt er mit der blutigen Leiche einer Dame durchs düstere Wohnzimmer, seine Frau und der gefesselte Freund der Toten schauen zu. Und die Tochter von der Treppe ebenfalls. Am nächsten Morgen fand sie die blutüberströmte Leiche im Keller, erzählt die Dame dann im Stuhlkreis.

Wo steckt der Serienkiller?

Ob das tatsächlich passiert ist, ist allerdings fragwürdig. "Hunderte" sollen so umgebracht worden sein, berichten die Frauen. Das Problem: Einen Serienmörder diesen Ausmaßes kennt man in der Region nach Recherchen von "Mashable" aber  nicht. Wären die Erzählungen wahr, wäre die Mordserie also nie entdeckt worden. In der Serie heißt es, die Mutter hätte ihn später mit einem Kissen erstickt. Die in der Serie gezeigten Morde seien demnach nie aufgeklärt worden. Daraus folgt: Die Erzähler der Serie wären Zeugen Dutzender Kapitalverbrechen, hätten die aber nie angezeigt. Weil sie zudem berichten, nach dem Tod das Haus zerstört zu haben, hätten sie sich neben der Mitwisserschaft auch der Beweismittel-Vernichtung schuldig gemacht.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, behauptete der Produzent der Serie, Brett-Patrick Jenkins bei Twitter, alles sei so passiert, wie in der Serie gezeigt. Man habe sich an die Behörden gewandt. Ominös heißt es weiter, er könne aktuell nicht mehr dazu sagen, ohne Personen zu schaden.  "Mashable" hakte bei Netflix und den lokalen Strafverfolgungsbehörden nach. Außer Jenkins wollte sich bei Netflix niemand äußern. Die Beamten wussten nichts von dem von Netflix entdeckten Serienmörder - und auch nichts von angeblich weitergegebenen Beweisen. Die Recherche wird erschwert, weil die "Zeugen" aus der Episode nur unter Vornamen auftreten und daher kaum zu finden sein dürften. Anders übrigens als die Hauptfiguren der anderen Folgen, die unter vollem Namen auftreten.

Die Zuschauer sind skeptisch

Dadurch befeuern sie die Skepsis der Zuschauer aber nur noch weiter: Eine ganze Reihe der Personen, die in der Serie auftreten, haben einen Bezug zur Horror-Filmszene. Eryn McGarry etwa, die in Episode 3 vom Dämon berichtet, der sie verfolgt, hat bereits beim Streifen "The Blue Room" als Produzent und Nebendarsteller mitgewirkt. Auch Der Hauptdarsteller der ersten Folge, Jason Hawkins, hat in der Filmdatenbank IMDB Dutzende Einträge vor und hinter der Kamera von Horror-Streifen.

Die Frage, ob Netflix sich die Fälle nur ausgedacht hat, ist im Falle von "Schlachthaus" aber besonders dringend. In den übrigen Geschichten geht es um Geister, die "Opfer" sind die Hauptfiguren. Sollte es sich also um Fake-Geschichten handeln, wäre außer den Hauptdarstellern also niemand betroffen. Bei "Schlachthaus" allerdings entsteht aus dieser Frage ein ganzer Rattenschwanz von weiteren. Viele davon würden die Polizei brennend interessieren. Schließlich wären dann Dutzende Leichen auf dem Gelände verscharrt, den Verwandten und Bekannten von vermissten Personen in der Region könnte so Hoffnung auf eine Aufklärung gemacht werden. Der Betroffenenkreis ginge weit über die Erzähler hinaus.

Netflix sollte sich also um schnelle Aufklärung bemühen. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass Filmschaffende behaupten, eine echte Geschichte zu erzählen. Beim "Blair Witch Project" war das ein wichtiges Marketing-Element, auch die Fargo-Reihe behauptet stets, auf einer waren Geschichte zu beruhen. Die Coen-Brüder, die damals den gleichnamigen Film drehten, gaben offen zu, dieses Mittel gewählt zu haben, weil es der Geschichte mehr emotionales Gewicht gibt. Allerdings sorgten sie auch schnell für Klarheit - bevor die Polizei zu ermitteln begann.

Trailer Friedhof der Kuscheltiere: Steven Kings Klassiker kommt 2019 als Remake in die Kinos

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker