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Pseudo-Bücher im Kindle Store Wie ein Abzocker bei Amazon mit Schrottbüchern Millionen machte

Amazon Kindle Store Abzocke
In Amazons Kindle Store kann man auch ohne Verleger Bücher verkaufen
© picture-alliance
Bei Amazon kann jeder seine eBooks verhökern. Ein gewiefter Betrüger nutzte das systematisch aus - und raffte so mehr als zwei Millionen Euro zusammen. Dann stolperte der ehemalige Microsoft-Entwickler über einen Anfängerfehler.

Amazons Kindle-Store ist ein Traum für Autoren - und für Abzocker. Die einen können endlich ohne Verlagsdruck ihre Werke direkt an die Leser verkaufen, die anderen mit Pseudo-Büchern reihenweise Kunden abzocken. Ein besonders erfolgreicher Amazon-Betrüger ist nun aufgeflogen. Er verdiente in einem knappen Jahr mehr als zwei Millionen Euro. Und betrieb dafür über 80.000 Amazon-Accounts.

Die brauchte Valeriy S., um seine Bücher in den Amazon-Listen nach oben zu treiben, berichtet ZDNet. Er verkaufte nämlich Schund-Bücher, vor allem vermeintliche Ratgeber. Die hatte er zu jedem möglichen und unmöglichen Thema im Angebot: von nonverbaler Kommunikation bis zu Kräuter-Antibiotika zum Selberkochen. Einiges hatten seine vielen eBooks aber gemeinsam: Sie waren extrem schnell zusammengeschustert, strotzten vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern - und waren für die Leser reine Geldverschwendung.

100 Bücher pro Monat

Bedenkt man, wie viele der Machwerke er verscheuerte, wäre alles andere aber auch ein Wunder: Nahezu 1500 Bücher warf S. in knapp 15 Monaten auf den Markt, alle unter Pseudonym. Die Masche war immer die gleiche: Zu Anfang bot er seine Bücher als Aktion kostenlos an, ein Vorgehen, das Amazon ganz offiziell erlaubt. Mit seinen Tausenden Fake-Accounts "kaufte" er das neue Werk dann massenhaft, manchmal Hunderte Male innerhalb weniger Stunden. So landeten die Bücher weiter oben im Ranking, einige schafften es sogar in die Top-100-Listen, vor allem in Nischen-Bereichen. Und wurden so trotz miesem Inhalt für potenzielle Käufer interessant.

Das reichte für echte Verkäufe, ein paar fanden immer wieder mal tatsächlich einige Hundert Abnehmer. S. spülte das dann schnell Tausende Dollar in die Kassen. Die waren prall gefüllt: 2,44 Millionen US-Dollar (etwa 2,1 Millionen Euro) nahm S. seit Juni 2015 durch eBooks ein, hinzu kamen 83.000 Dollar für gedruckte Bücher. Das entdeckten Sicherheitsforscher von "MacKeeper".

Gut versteckt, schlecht geschützt

Die waren S. eher zufällig auf die Schliche gekommen: Sie fanden schlicht seinen Server, von dem die über Anonymisierungsdienste verschleierten Geschäfte abgewickelt wurden. Der war leichtsinnigerweise nicht passwortgeschützt - und enthielt eine Datenbank mit seinem gesamten Abzock-Imperium.

So entdeckten die Sicherheitsexperten auch, dass S., der eigentlich als Software-Entwickler unter anderem für Microsoft gearbeitet hatte, sein Geschäft teilweise sogar offiziell betrieb: Sein Start-up "Alteroxity" warb ganz offen damit, zu jedem erdenklichen Thema fertiggeschriebene Bücher inklusive positiver Bewertungen liefern zu können - und damit, dass es schon 2000 Bücher im Kindle-Store veröffentlicht hätte. So ganz sauber ist die Firma aber nicht: Der angebliche Mitgründer scheint nicht zu existieren, sein vermeintliches Foto stammt aus einer öffentlichen Foto-Datenbank.

Amazons Kampf gegen Windmühlen

Mittlerweile ist die Firmenseite ohnehin abgeschaltet: Sobald ZDNet und MacKeeper bei ihm und seiner Verlobten wegen der Masche angefragt hatten, verschwand die Seite aus dem Netz. Auch Amazon reagierte sofort: In einem Statement gab der Konzern bekannt, alle betroffenen Bücher entfernt zu haben und nun rechtliche Schritte zu prüfen.

Der Konzern plagt sich seit Jahren mit solchen Netzwerken von falschen Reviews herum, steht rechtlich aber vor einem Problem: S. hat zwar gegen die Nutzungsrichtlinien von Amazon verstoßen, aber vermutlich nicht gegen US-Recht. Schließlich haben die Kunden ja etwas für ihr Geld erhalten - auch, wenn es nutzlos war.

So ist es eventuell nur eine Frage der Zeit, bis S. sein Netzwerk woanders neu aufgebaut hat. Und weiter massenhaft seine Schrottbücher unter die Leute bringt.

Fakten zum Lieferdienst Amazon Fakt 1: Das komplette Sortiment von Amazon kostet 12,86 Milliarden US-Dollar und umfasst etwa 466 Millionen Artikel. Fakt 2: Der Pfeil in Amazons Logo steht für "Artikel von A bis Z". Fakt 3: Amazon hat rund 300 Millionen Kunden weltweit, 25 Millionen davon in Deutschland. Fakt 4:  Unternehmensgründer Jeff Bezos ist mit einem Vermögen von knapp 60 Milliarden US-Dollar der viertreichste Mann der Welt. Fakt 5: Bezos handelt nach der "Zwei-Pizza-Regel“ für mehr Produktivität. Wenn zwei Pizzen in einem Meeting nicht ausreichen, um die Teilnehmer zu sättigen, dann sind sie zu viele. Fakt 6:  Im ersten Quartal 2016 erwirtschaftete Amazon bei 29,1 Milliarden US-Dollar Umsatz einen Nettogewinn von 513 Millionen Euro. Fakt 7: Amazons Kindle sollte eigentlich Fiona heißen. Benannt nach einer Figur aus dem Buch „Diamond Age“, die das gesamte Wissen der Menschheit in einem buchartigen Gerät bewahrt. Fakt 8: Ende 2015 hatte Amazon 230.800 Mitarbeiter weltweit. Fakt 9: Amazon bietet einen persönlichen Assistenten mit Sprachsteuerung für Zuhause an. Das Gerät gab es zuerst in den USA zum Preis von 180 Dollar. Fakt 10:  Amazon hätte eigentlich „Cadabra“ heißen sollen. Als Bezos Anwalt bemerkte, dass das Wort wie „Kadaver“ klingt, wurde die Idee verworfen.
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